Frankreichs Benjamin Pavard Bitte behalte deine Locken!

Manchmal selbst ein bisschen verblüfft über die Wucht seiner Entwicklung: Verteidiger Benjamin Pavard, noch unter Vertrag beim VfB Stuttgart.

(Foto: Cristophe Simon/AFP)

Benjamin Pavard, ein Jüngling aus Frankreichs Norden, ist die Entdeckung der WM. Die Eltern hoffen jetzt nur eins: dass er nicht wie Neymar wird.

Reportage von Leo Klimm, Jeumont

Frédéric Pavard ist zwischen dem Halbfinale und dem Endspiel wieder nach Hause nach Frankreich geflogen. Er hat ja einen Job, der gemacht werden muss. Er ist Lagerverwalter in einem Krankenhaus in der Nähe von Jeumont, Nordfrankreich, wo Familie Pavard wohnt. Mutter Nathalie arbeitet auch in dem Krankenhaus, als Sekretärin. Jetzt hat Frédéric Pavard - schlabbernde Trainingsjacke, Bartstoppel im müden Gesicht - Mittagspause. Etwas Zeit, um über seinen Sohn Benjamin zu reden. "Wir hätten ja nie gedacht, dass er überhaupt eine Minute spielt", erklärt der Vater, warum er versäumt hat, für die Zeit der WM Urlaub zu nehmen. Nun ist er zwischen den Frankreich-Spielen immer von Russland nach Hause geflogen.

Es kam eben ein bisschen anders als erwartet, märchenhaft anders: Benjamin Pavard, Verteidiger vom VfB Stuttgart, ist die Entdeckung des Turniers. An den letzten WM-Sieg Frankreichs 1998 kann er sich mit seinen 22 Jahren gar nicht erinnern. Am Sonntag nun kann er selbst mit den Bleus Weltmeister werden. Und die ganze Welt schaut nach seinem Volley-Traumtor im Achtelfinale gegen Argentinien auf Frédéric Pavards Jungen - nicht zuletzt die Macher vom FC Bayern, die in naher oder wenigstens mittlerer Zukunft Ersatz für Jérôme Boateng brauchen werden.

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"Ich sage immer zu Benjamin: Lass dir den Erfolg und das Geld nicht zu Kopf steigen! Ich will, dass du ein einfacher Mensch bleibst", sagt der Vater. Sein persönlicher Anti-Held: Neymar, die brasilianische Stürmerdiva. "Neymar, das ist nicht unsere Welt", sagt Vater Pavard. In Jeumont, direkt an der Grenze zu Belgien, ist Bescheidenheit noch eine Zier. Gewissenhaft, höflich, ja: geerdet in der Heimat, so soll Benjamin Pavard auch als WM-Star bleiben, wünscht sich der Vater. "Benjamin soll die Menschen und die Gegend, die ihn geprägt haben, nicht vergessen." Der Sohn hat auf die Mahnungen neulich schon geantwortet: "Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht abhebe, falls wir Weltmeister sind." Soll heißen: Er wird seine Wurzeln nicht leugnen. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man weiß, wo diese Wurzeln liegen.

Antoine Griezmann, der französische Angreifer, meinte neulich, Pavard komme "aus dem Nirgendwo". Das muss man nicht nur sportlich verstehen. Dieses Nirgendwo, der vergessene Nordrand Frankreichs, ist eine Gegend, in die sich selten jemand verirrt, der nicht hin muss. Die übrigen Franzosen lästern gern über die Menschen hier, die Chtis, und ihren breiten Dialekt. Aus dem flachen Land ragt hier und dort ein rostiges Stahlwerk empor.

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In Jeumont, einem 10 000-Einwohner-Städtchen, haben sie zwischen die Arbeiterhäuschen "Alles-les-Bleus!"-Transparente mit Pavard-Foto gespannt. Der Junge wirkt hier wie ein Stimmungsaufheller. Es gibt zwar noch zwei große Motorenwerke. Dennoch liegt die Arbeitslosigkeit bei 30 Prozent. Bei der Präsidentschaftswahl 2017 erhielt die Rechtsextreme Marine Le Pen, die Kandidatin der Abgehängten, in Jeumont 53 Prozent. "Der Fußball ist hier ein Mittel, um auszubrechen aus einem Alltag, der nicht immer rosig ist", sagt Jean-Pierre Papin. Der ehemalige Nationalspieler, der in den 1990er-Jahren für Bayern München stürmte, ist ebenfalls hier aufgewachsen. Wie Pavard hat Papin bei der Union Sportive Jeumont angefangen.

Benjamin Pavard ist freilich wohl behütet aufgewachsen. Ein Einzelkind. Sein Elternhaus - ein gepflegter Backsteinbau mit Garten und Doppelgarage - steht in der besseren Gegend von Jeumont. Seit fünfzehn Jahren richten Frédéric und Nathalie Pavard ihren Ehrgeiz darauf, dass Benjamin ein guter Fußballer wird.

Aber, das ist dem Vater wichtig: Der beste Weg ist nicht der leichteste. Vor zwei Jahren etwa riet auch Frédéric Pavard dem Sohn, vom Erstligaklub OSC Lille nach Stuttgart zu wechseln, damals zweite Bundesliga. "Man darf nicht zu gierig sein", sagt der Vater, das wichtigste sei Spielpraxis. Jan Schindelmeiser, damals VfB- Manager, warb sehr um das Talent - und legte knapp fünf Millionen Euro für Pavard auf den Tisch. Eine gute Entscheidung, für beide Seiten. Pavard führte der Umweg in die Nationalelf. Nun wird er von den größten Klubs umworben.

Michael Reschke, heute der VfB-Manager, hat schon klargemacht, dass er Pavard auch für 50 Millionen in diesem Sommer nicht ziehen lassen will. Erst 2019 - dann hat er eine Ausstiegsklausel und kostet 35. Aber was will Benjamin Pavard? Reschke sagt, er werde "mit dem Benji nach der WM erst mal in aller Ruhe reden, was er sich jetzt vorstellt".

Bloß nicht abheben! Das stellt Papa Pavard sich vor. "Sonst werde ich ihm ordentlich den Kopf waschen." Was gerade mit seinem Sohn geschieht, kann er aber selbst noch gar nicht richtig fassen. Schon gar nicht in Worte. Frédéric Pavard ist nicht der Typ, der viele Worte macht, wenn ihn etwas bewegt. Ein typischer Chti halt. Beim Sohn ist das schon anders. Unter Tränen dankte Benjamin kürzlich im französischen Fernsehen seinen Eltern: "Sie haben so viele Opfer gebracht, seit ich klein bin."