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Start der Formel E in Saudi-Arabien:Es sollen sogar Frauen im Rennwagen sitzen - und Enrique Iglesias darf singen

Und, siehe da: Im Umfeld des Rennens sollen sogar Konzerte stattfinden. Livemusik von Enrique Iglesias! In Riad! Hinzu kommt, gut festhalten, auf einem der Konzerte soll es erlaubt sein, zu tanzen. In der Öffentlichkeit! Öffentlich getanzt wird dann zum ersten Mal in der Geschichte des Landes, wie die Formel E in ihrem Strategiepapier jubelt.

Für all die Kritiker, die beim Gedanken an Sport in Riad noch immer keine Gänsehaut der Vorfreude verspüren, hat sich die Rennserie ein ultimatives Bonbon überlegt. Es gibt tatsächlich Frauen in Rennwagen zu sehen. Zumindest am Sonntag, einen Tag nach dem Rennen. Dann sind in Riad Testfahrten angesetzt; hinter den Lenkrädern sitzen Nachwuchs-Pilotinnen, auch die kürzlich schwer verunglückte Münchnerin Sophia Flörsch hätte mitfahren sollen. Eine Fahrerin aus Saudi-Arabien ist leider nicht dabei. Womöglich war die Zeit zwischen dem 24. Juni, dem Tag der Aufhebung des Fahrverbots für Frauen, und dem Rennen am 15. Dezember etwas zu kurz bemessen, um eine Frau erst zur Fahrschülerin und dann zur Rennfahrerin aufsteigen zu lassen?

Mal so gefragt: Ist es nicht schon ein bisschen dreist, wenn eine Selbstverständlichkeit, die fast überall auf der Welt keine Meldung wert gewesen wäre, als Innovation verkauft wird?

Monika Lazar, die Sport-Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, zeigt sich auf SZ-Anfrage entsetzt angesichts des Gastspiels: "In diesen Tagen ein Sportevent in Saudi-Arabien zu veranstalten, ist ein fatales politisches Signal. Es ist PR für ein repressives System, das wir nicht als normal hinnehmen dürfen", sagt Lazar - und fordert: "Die Einhaltung menschenrechtlicher Standards" solle "zur Voraussetzung von Vergabeentscheidungen im Sport" gemacht werden.

Und damit zu Audi, BMW und HWA Racelab aus dem schwäbischen Affalterbach, den drei deutschen Vertretern, die in dieser Saison Formel-E-Teams an den Start bringen, auch an diesem Samstag in Riad. Auf Anfrage, ob es nicht bedenklich sei, sich am Unterhaltungs- und Werbeprogramm für ein repressives Regime zu beteiligen, halten sich die Teamsprecher an dasselbe Skript. Offensichtlich an jenes Skript, das der Rennveranstalter als Leitfaden verschickt hat: Sie weigern sich, in die politische Debatte hineingezogen zu werden und lehnen es ab, sich zu politischen Themen zu äußern.

Lassen sich die Formel-E-Teams instrumentalisieren?

Bei BMW klingt das so: "Wir bitten um Verständnis, dass sich die BMW Group nicht zu innerstaatlichen oder bilateralen Angelegenheiten äußert." Bei Audi: "Die Vorfälle und aktuellen Entwicklungen rund um Saudi-Arabien sind ohne Zweifel von besonderer Brisanz. Nichts desto trotz vertreten wir als Sportler die Meinung, dass sich Sport immer dafür einsetzen sollte, Menschen zu verbinden. Eine politisch motivierte Instrumentalisierung des Sport lehnen wir ab - egal in welche Richtung." Und Ulrich Fritz, Teamchef von HWA, sagt: "Im Großen und Ganzen machen wir Sport, und dabei sollte es auch bleiben." Allen gemeinsam ist, dass sie übersehen (wollen?), dass der Sport unweigerlich instrumentalisiert wird, wenn sein Gastgeber ein politisch umstrittener Machthaber ist. Und lassen sich die Teams nicht allein schon mit der absurden PR-Nummer instrumentalisieren, ausgerechnet in Saudi-Arabien Frauen in Rennwagen Übungsrunden drehen zu lassen?

BMW und Audi argumentieren außerdem, sie seien als Rennteams in die Verhandlungen der Formel E mit potenziellen Veranstaltern nicht involviert. Und sie hätten sich zur Teilnahme an allen Rennen der Saison verpflichtet. Das mag schon sein. Allerdings bietet die Teilnahme an einer Großveranstaltung immer ein Feld an Handlungsmöglichkeiten. Gäbe es für BMW und Audi nicht einen klugen Mittelweg? Eine Strategie, angesiedelt irgendwo zwischen einem Boykott und der völligen devoten Hingabe, für die sich die Autobauer entschieden haben?

Sie hätten einfach nur darauf hinweisen können, dass ein widersprüchlicheres Sportereignis als der Formel-E-Auftakt in Riad schwer vorstellbar ist. Dort kreisen am Samstag die modernsten Autos der Geschichte in einem der moralisch und ethisch rückständigsten Länder der Welt. Und finanziert wird die emissionsfreie, elektrische Veranstaltung mit den Erlösen der Ölindustrie, die weltweit Verbrennungsmotoren am Laufen hält. Aber der Gedanke stand offenbar in keinem ihrer Kommunikationspapiere.

© SZ vom 15.12.2018/tbr
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