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Sebastian Vettel in der F1:Unangenehme Bilder fürs Bewerbungsvideo

Formel 1: Sebastian Vettel im Ferrari beim Großen Preis in Spielberg 2020

Bei Ferrari-Pilot Sebastian Vettel qualmen zurzeit nicht nur die Reifen.

(Foto: imago images/HochZwei)

In Spielberg attackiert Sebastian Vettel erneut zu riskant und dreht sich wieder. Kritik am Ferrari-Piloten ist angebracht - Häme aber unangemessen.

Kommentar von Philipp Schneider

Vermutlich hat Sebastian Vettel Glück, dass Psychologen mit Vorliebe zur Erforschung des Unterbewussten keine Kommentare zur Formel 1 verfassen. Nicht auszudenken, auf welche Ideen so einer kommen könnte. Bei der Analyse jenes Drehers, der Vettel in der 31. Runde in Spielberg jeglicher Resthoffnung auf das Podium beraubte: Vettel stach mit seinem Ferrari wie eine rote Rakete in die Innenseite einer Kurve, die Carlos Sainz befuhr. Oh ja, jener acht Jahre jüngere Mann, der Vettels Cockpit bei der Scuderia 2021 erben wird: Sein Thronfolger, der gerade seinerseits damit befasst war, sich mit Charles Leclerc zu bekriegen, Vettels Nemesis im eigenen Stall. Die Szene könnte Vettel vorgekommen sein wie die Vision einer Zukunft ohne ihn, die es ja geben wird.

Ist sie aber sicher nicht. Das Manöver folgte der altbekannten Vettel-Doktrin: Wer nichts mehr zu verlieren hat, muss mehr riskieren! Abwarten und zu lange auf eine Chance warten, hilft auch nicht weiter. Diese Strategie ist nicht einmal falsch. Allein: Vettel hat in seiner Zeit bei Ferrari zu oft sehr unglücklich ausgesehen bei seinen Überholmanövern, die ein ähnliches Muster offenbarten: Versuch des Vorbeipressens auf der Innenseite, Reifenberührung, und zack! Schon war Vettel wieder Geisterfahrer.

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, das dafür sorgt, dass es immer Vettel ist, der sich dreht. Nie der andere. Was rein physikalisch betrachtet das eine oder andere Mal hätte geschehen müssen: Beispielsweise im September 2018, bei Ferraris Heimrennen in Monza.

Damals verzichtet Teamchef Arrivabene in einem Akt kurzsichtiger Fairness auf Stallregie ("Ich beschäftige Fahrer und keine Butler") und überlässt Leclercs Vorgänger Kimi Räikkönen den Windschatten. Vettel wird so zu einem Angriff auf Hamilton verleitet, Reifenberührung, Vettel dreht sich. Hamilton? Hält Kurs wie ein Tanker, tuckert zum Titel. Weil Vettel noch mehr riskieren muss, dreht er sich mit Drehwurm bis zum Finale in Abu Dhabi: Mit Verstappen gerät er in Japan aneinander, mit Ricciardo in den USA.

Kritik an Vettel ist angebracht, Häme unangemessen. Nach Lage der Dinge ist der Ferrari SF1000 der unangenehmste Dienstwagen, der ihm je in Maranello zusammengeschraubt wurde. Wer mit dieser Fehlkonstruktion etwas gewinnen möchte - das weiß Vettel als viermaliger Weltmeister -, musste Risiken eingehen, bevor nun wohl schon beim zweiten Rennen ein rundum neues Auto vorgestellt werden wird. Dass Charles Leclerc Zweiter wurde beim Auftakt, war nur möglich, weil das Safety Car dreimal ausrückte, Hamilton bestraft wurde und die schnelleren Red Bulls ausfielen (Verstappen) oder von einem sechsmaligen Weltmeister aus dem Rennen genommen wurden (Albon).

Die unangenehmen Bilder von Spielberg hübschen Vettels Bewerbungsvideo für andere Rennställe nicht auf. Aber diese werden meist nicht geleitet von Teamchefs, die den Wert eines Rennfahrers allein an seinen Tiefen messen - sondern vor allem an seinen Höhen.

© SZ vom 07.07.2020
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