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Sieben Kurven der Formel 1:"So ein schlechter Verlierer!"

Alex Albon ärgert sich über Lewis Hamilton, der wird gleich zweimal degradiert. Für Sebastian Vettel läuft alles schief. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Von Elmar Brümmer, Spielberg

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Valtteri Bottas

F1 Grand Prix of Austria

Quelle: 2020 Pool

Ein Mann im schwarzen Rennanzug springt auf der Zielgeraden wie ein Hüpfball auf und ab. Die Formel-1-Welt wundert sich zum zweiten Mal an diesem Wochenende über Valtteri Bottas. Beim ersten Mal, seinem Start-Ziel-Erfolg aus der Pole-Position und unter Druck von Lewis Hamilton: Wie bleibt er so cool? Und dann, nach dem achten Formel-1-Sieg des Finnen: Seit wann ist er so emotional? "Ein Formel 1-Rennen zu gewinnen, ist niemals einfach, aber diesmal war es eine besondere Herausforderung. Im Rennen war so viel los und es wäre sehr einfach gewesen, einen kleinen Fehler zu machen und alles zu verlieren", philosophiert der 30-Jährige.

Er hat aber keinen gemacht, nicht mal einen klitzekleinen. Stattdessen hielt er Hamilton clever auf Distanz. Schon einmal, im letzten März in Melbourne hatte man nach seinem Erfolg zum Auftakt von einem ganz neuen Bottas geträumt, inklusive ihm selbst. Doch er blieb dann auch im dritten Jahr in Serie der zweite Mann. Diese Saison ist er anders angegangen, ähnlich konsequent wie sonst im arktischen Trainingslager, aber entspannter. Meist an der Cote d'Azur, zusammen mit seiner neuen Liebe Tiffany Cromwell, einer australischen Radsportlerin. Dazu gehört auch ein neues Ritual vor dem Start: Pfannkuchen mit Porridge als Power-Mahlzeit. Die Gelassenheit bekam am Sonntagmittag noch einen weiteren Schub, als Daimler-Chef Ola Källenius im Sky-Interview über die Personalfragen in seiner Rennabteilung verkündete: "Wir bleiben bei unseren Jungs." Bottas sieht sich wieder auf Spur: "Der Traum lebt, daran gibt es keinen Zweifel."

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Lewis Hamilton

F1 Grand Prix of Austria - Qualifying

Quelle: Getty Images

Zweimal degradiert, einmal vor und einmal nach dem Rennen: Das Rennjahr, in dem er nach Titeln mit Michael Schumacher gleichziehen will, beginnt ziemlich hart für den Champion. Erst kostet ihn ein von Red Bull hervorgekramter Videobeweis drei Startplätze, da er trotz Warnzeichen nicht vom Gas gegangen war. Schließlich bekommt er eine Fünf-Sekunden-Strafe auf seine Gesamtzeit addiert, weil er im Duell mit Red-Bull-Pilot Alex Albon stur die Linie gehalten hatte. Es sah zwar wie ein normaler Rennunfall aus, aber die Streckenkommissare wollten dem Briten Verkehrserziehung angedeihen lassen.

So verpasste er das Podium am Ende um lächerliche 0,198 Sekunden, zum vierten Platz kommen an diesem Wochenende insgesamt auch noch vier Punkte in der Sünderkartei. Ein Platztausch zwischen Bottas und Hamilton kurz vor Schluss, um beide Fahrer aufs Podium zu bringen, wollte Mercedes nicht riskieren. Zum Trost stochert das Mercedes-Team lieber noch ein bisschen in den Statistiken: Hamilton ist zum 34. Mal in Serie in die Punkteränge gefahren und hat damit den entsprechenden Rekord gebrochen.

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Lando Norris

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Quelle: AP

Dritter auf dem Red-Bull-Ring, Dritter in der ewigen Rangliste der jüngsten Fahrer, die es in der Formel 1 aufs Podium geschafft haben. Vor dem letzten Umlauf in Spielberg hat Lando Norris noch mehr als sechs Sekunden Rückstand auf Lewis Hamilton, da wagt er mit seinem McLaren alles, zirkelt die schnellste Rennrunde überhaupt auf den Asphalt - und der Mut zahlt sich aus. Sprechen kann der Brite über seinen Triumph zunächst kaum. Das hat nichts mit übermäßiger Rührung zu tun, sondern mit der traditionellen Sieger-Zeremonie, die sich die Formel 1 trotz Covid-19 nicht nehmen lässt: "Sorry, ich brauche eine neue Maske, diese hier ist so mit Champagner durchtränkt, dass ich kaum atmen kann."

Seinen Erfolg sieht der 20-Jährige abgeklärt: "Wir haben einfach alles maximiert, was wir hatten." Das ist höchst bescheiden, denn ohne sein fahrerisches Können und seinen Mut hätte es auch komplett daneben gehen können, schließlich lag Norris kurz vor Schluss noch auf Rang fünf: "Da dachte ich schon, dass ich es vermasselt hätte." So gibt es tatsächlich einen Deutschen in Spielberg, der zufrieden sein kann - McLaren-Teamchef Andreas Seidl, der den Traditionsrennstall seit letztem Sommer wieder flott macht.

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Sebastian Vettel

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Quelle: AFP

Mussten da in der 31. Runde auf dem Red-Bull-Ring vor ihm auch unbedingt Charles Leclerc und Carlos Sainz miteinander kämpfen. Die beiden, die die Nach-Vettel-Ära in Maranello gestalten werden. Da kann einer wie der viermalige Weltmeister vielleicht gar nicht anders, als hineinzustechen, die Chance im Kurveninnern erzwingen wollen. Die Sache ging gründlich schief, der Mut der Verzweiflung führte zu neuem Frust. Mal wieder gegen die Fahrtrichtung stehend nach Rempler und Dreher, am Ende bloß mit einem Ehrenpunkt im Ziel, weil so viele andere ausgefallen waren. "Da war irgendwo der Wurm drin", befand der Hesse, dessen Chance auf einen Mercedes-Job jetzt auch dahin ist. Kein guter Anfang für eine Abschiedstournee. Dass der SF 1000 bislang ein miserables Auto ist, hat auch Leclerc befunden, aber was hilft's?

"Ich hatte unheimlich Probleme, auf der Strecke zu bleiben und muss froh sein, dass ich mich nur einmal gedreht habe. Ich habe das Auto nicht wiedererkannt, es war ganz schwer zu fahren", klagt er hinterher. Vermutlich muss Vettel noch ein paar andere Dinge besser in Balance bringen - allein, im fehlt das Vertrauen. Und die Fortune. Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, der Meister der freundlichen Worte, verpackt die Kritik so: "Es war heute sicher nicht sein tollstes Rennen."

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Zeichen gegen Rassismus

F1 Grand Prix of Austria

Quelle: Getty Images

Der neuerdings in schwarz lackierte Silberpfeil. Das Safety-Car, dass einen Regenbogen aufgeklebt bekommen hat und den Slogan "#WeRaceAsOne plakativ zeigt. Eine Million Euro vom Automobilweltverband FIA, damit die Diversität gefördert wird. Lewis Hamilton hat in den letzten Wochen nach seiner Aufforderung, dass der Motorsport nicht still sein dürfe in der Rassismus-Debatte, viel erreicht. Selbst bei den Fahrer-Briefings war es um das Thema gegangen, allerdings konnten sich die Berufspiloten nicht darauf verständigen, gemeinschaftlich auf die Knie zu gehen.

Doch 19 von ihnen tragen bei der Zeremonie vor dem Start T-Shirts mit der Aufschrift "End Racism", Hamilton bevorzugte den Aufdruck "Black lives matter". 14 Fahrer knien dazu auf der Startgeraden symbolisch nieder, Sebastian Vettel vorn neben dem keine Maske tragenden Hamilton. Der sagt, dass er seine Stimme weiter erheben werde, damit die Bemühungen keinen leisen Tod sterben. Von Uneinigkeit unter den Fahrern will er nichts wissen: "Niemand sollte gezwungen werden. Ich bin denen dankbar, die mit mir gekniet haben."

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Red Bull

F1 Grand Prix of Austria

Quelle: Getty Images

Österreich: null Punkte. Nur ein Riesenkompliment für die perfekte Abwicklung des ersten Geisterrennens der Geschichte, samt ferngesteuerter Handtuchreichung bei der Siegerehrung. Doch zum Ärger des Veranstalters steht auf dem Podium kein Red-Bull-Pilot. Max Verstappen verliert schon nach zwölf Runden jeden Funken Power durch ein Problem mit der Motorelektronik. Alex Albon, der in der Safety-Car-Phase kurz vor Schluss frische Reifen holt und drauf und dran ist, das Rennen zu gewinnen, kollidiert erst beim Überholversuch gegen Lewis Hamilton und muss dann ebenfalls aus technischen Gründen den Dienst quittieren.

Der in England aufgewachsene Thailänder ärgert sich vor allem über Hamilton: "So ein schlechter Verlierer!" Denn zum zweiten Mal in drei Rennen kostete ihn ein Geplänkel mit dem Weltmeister das erste Podium der Karriere, damals in Brasilien war die Sache aber eindeutiger. In Summe liegt der Mitfavorit jetzt am Ende der WM-Tabelle. "Sehr erschütternd" sei das, urteilt Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko. Aber für die Frage der Ehre gibt es am Sonntag in der Steiermark zum Glück eine zweite Chance.

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Ferrari

F1 Grand Prix of Austria

Quelle: Getty Images

Zweiter werden mit einem Rennwagen, der als schwer fahrbar und schwer ausrechenbar gilt. Charles Leclerc übertüncht mit dem Upgrade aufs Podium die Misere bei der Scuderia. Der Monegasse kann damit einmal mehr weit glücklicher sein als Sebastian Vettel. Leclerc ist aber auch ein Realo: "Wir hatten nicht den Speed um Zweiter zu werden. Deshalb fühlt sich das Ergebnis wie ein Sieg an. Das Auto war im Rennen nicht besser als in der Qualifikation. Eher das Gegenteil. Wir haben von Fehlern anderer profitiert und alles richtig gemacht."

Bei so viel Ehrlichkeit muss auch Teamchef Mattia Binotto, der auch für die technische Ausrichtung verantwortlich ist, zugeben: "Wir verlieren eine Sekunde pro Runde auf unsere Gegner. Drei Zehntel davon in den Kurven, sieben Zehntel auf den Geraden." Das hat viel mit jenem mysteriösen Rückbau des Hybrid-Aggregates im Winter zu tun, der auf Druck der Konkurrenz und nach einem Deal mit dem Automobilweltverband FIA geschehen musste. Frühestens im dritten Rennen wird die Scuderia neue Lösungen zeigen können: "Das Motorproblem ist wegen des Entwicklungsstopps nicht zu lösen, das mit dem Luftwiderstand nicht gleich." Wenn noch ein Spitzname für den so stolz SF1000 getauften roten Rennwagen gesucht werden sollte - wie wär's mit Porca Miseria?

© SZ.de/ebc/tbr

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