Hertha BSC:In Berlin geht das Licht aus

Lesezeit: 3 min

Hertha BSC: Den Zuschauern fiel die spärliche Beleuchtung auf - sie schalteten ihre Handy-Lampen an.

Den Zuschauern fiel die spärliche Beleuchtung auf - sie schalteten ihre Handy-Lampen an.

(Foto: Juergen Engler/Imago/Nordphoto)

... zumindest teilweise beim Heimspiel gegen Freiburg. In einem vorher abgestimmten Experiment testet die DFL, wie sich im Fußballstadion Energie sparen lässt.

Von Javier Cáceres, Berlin

Am Sonntagabend wurde es im Berliner Olympiastadion anheimelnd, nachgerade adventlich. Es lief die zweite Halbzeit der Partie von Hertha BSC gegen den SC Freiburg (2:2), als nach und nach immer mehr Zuschauer die Lampen ihrer Handys anschalteten, die Tribünen aussahen, als ob sich Tausende Leuchtkäfer ins Stadion verirrt hätten. Dabei liegt deren Paarungszeit Monate zurück.

War natürlich nicht so. Keine Glühwürmchen, nirgends. Das Lichtermeer dürfte seinen Ursprung vielmehr darin gehabt haben, dass eine Mehrheit auf den Tribünen ein ähnlicher Gedanke beschlich wie Herthas Trainer Sandro Schwarz am Spielfeldrand: "Ich dachte auch mal kurz: Könnt'n bisschen heller sein hier", sagte Schwarz, der sich bester Gesundheit erfreute und daher keinen Anlass hatte, seinen Quasi-Landsmann Goethe zu zitieren, der auf dem Sterbebett "Mehr Licht ...!" gefordert haben soll.

Was sich festhalten ließ: Das Gefühl trog nicht. Schon seit Monaten macht die Deutsche Fußball Liga (DFL) Tests, wie weit man mit den Energiesparmaßnahmen gehen kann, und das betrifft auch das Flutlicht in den Stadien - unter anderem bei Spielen, bei denen man es eher nicht mehr vollständig braucht. Das heißt: bei Spielen, die tagsüber angepfiffen wurden. Da sind in der Vergangenheit auch schon mal die Lampen angegangen, denn mitunter müssen krasse Unterschiede der Lichtverhältnisse auf dem Platz ausgeglichen werden, damit der Zuschauer am TV-Schirm überhaupt den Ball erkennt.

Der VfB Stuttgart lässt das Stadion strahlen wie der Sonnenkönig den Palast von Versailles

"Wie weit" bedeutet im Zusammenhang der Tests vor allem: ohne das TV-Signal zu beeinträchtigen, das im Zweifelsfall um die Welt geht. Am Samstag etwa wurde das Topspiel Borussia Dortmund gegen Bayern München mit Bedacht zu 100 Prozent ausgeleuchtet; aber das war nicht das Privileg des Clásicos. Auch der VfB Stuttgart ließ - von wegen sparsame Schwaben - beim Spiel gegen Tabellenführer Union Berlin (0:1) das Stadion strahlen wie der Sonnenkönig den Palast von Versailles. Und bei der Hertha? Wurde das Flutlicht auf 50 Prozent gedimmt, wie der Klub bestätigte.

Der Test sei in Absprache mit der DFL und ihrer Tochtergesellschaft Sportcast angesetzt worden, ließen DFL und Hertha wissen. Während die Fotografen, die am Sonntag rund ums Spielfeld im Einsatz waren, darüber klagten, dass das Licht nicht ausgereicht habe, um vernünftige Fotos zu schießen, erklärte ein Sprecher des übertragenden Senders Dazn, dass die Bildqualität nicht gelitten habe. Auch von den Kunden habe es keine Beschwerden gegeben.

Herthas Trainer Sandro Schwarz wiederum sagte am Montagvormittag, die von ihm konstatierte Dunkelheit habe aus seiner Sicht null Einfluss auf das Spiel gehabt; Torwart Oliver Christensen, der das 2:2 durch Kevin Schade heraufbeschwor, kommentierte seinen Fehler aus der 78. Minute mit selbstkritischen Worten, nicht mit Verweisen auf die Lichtverhältnisse. Zuvor hatten Dodi Lukébakio (34./Handelfmeter) und Suat Serdar (61.) die Führung durch Daniel Kyereh (22.) gedreht - und damit den Indizienbeweis erbracht, dass es keiner Nachtsichtgeräte braucht, um den Ball ins Tor zu schießen. Sind nun also alle Weichen gestellt, damit bei der Hertha die Lampen ausgehen können?

Zumindest die Hertha läuft gerade nicht mehr im Stromsparmodus

In jedem Fall dürften die Notwendigkeiten, Energie zu sparen, im Laufe des Winters eher steigen, nicht nur in Berlin. Hie und da wurde die Idee diskutiert, die Spiele möglichst tagsüber auszutragen, zurzeit ist diese Debatte auf Standby. Bei der Hertha war am Montag zu hören, dass der Test mit allen Beteiligten ausgewertet werden soll, danach werde man entscheiden, ob man Anpassungen vornehme. Das Flutlicht ist übrigens nicht einmal der größte Stromfresser. Vom VfB Stuttgart kam die Auskunft, dass die LED-Lampen am Sonntag bloß zwei Prozent des Stromverbrauchs eines Spieltags ausmachten. Auch das Berliner Olympiastadion hat vor geraumer Zeit auf LED umgestellt.

Wer in Berlin gerade nicht im Stromsparmodus läuft: die Mannschaft von Sandro Schwarz. Freiburgs Aushilfstrainer Lars Voßler (Chefcoach Christian Streich war covidbedingt verhindert) sagte, er sei glücklich über den Punkt, den seine Mannschaft bei der Hertha holte - das ultimative Lob für die Hertha. Schwarz erklärte am Montag, dass die Datenanalysen von einem energiegeladenen Auftritt kündeten. "244 Sprints, das ist sehr gut, davon 134 in Ballbesitz, den Rest gegen den Ball - herausragend!", fand er.

Vor allem freue er sich darüber, dass seine Mannschaft insbesondere in der zweiten Halbzeit "sehr gut Fußball gespielt", ein gutes Positions- und Freilaufverhalten gezeigt habe. Das war auch darauf zurückzuführen, dass der erstmals in dieser Saison von Beginn an aufgebotene Stevan Jovetic bestens die Räume zwischen den gegnerischen Abwehrlinien bespielte.

Die Hertha-Kurve bejubelte die Spieler jedenfalls ob ihres Einsatzes. Die Kehrseite ist nur: Die Berliner haben in bislang neun Spielen nur einen Sieg und insgesamt acht Punkte errungen, auch wenn sie gegen Freiburg zum fünften Mal in Serie ungeschlagen blieben. Zugleich müssen sie ertragen, dass die Fußballnation gerade staunend nach Köpenick schaut, der 1. FC Union Berlin steht als alleiniger Tabellenführer im gleißenden Scheinwerferlicht. Ein baldiger Sieg käme der Hertha also alles andere als ungelegen. Denn man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.

Zur SZ-Startseite

MeinungHertha BSC
:Für Lars Windhorst geht es nun um alles

Hat der Hertha-Geldgeber einen Millionenbetrag gezahlt, um Werner Gegenbauer als Klubpräsidenten zu diskreditieren? Der Fall könnte ihn endgültig seine Reputation kosten - nicht nur als Investor, sondern als Geschäftsmann.

Lesen Sie mehr zum Thema