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Finale der Fußball-EM:Waren Les Bleus nicht ausgeruht?

Trainer Deschamps glich in seinem Anzug oben auf dem Laufsteg den dort wartenden Händeschüttlern. Ohne besondere Regung nahm er die Mitleidsbekundungen entgegen, schritt die Treppe hinab - und rutschte beinahe aus. Das hätte noch gefehlt, ein verletzter Nationaltrainer. So kämpfte er sich später mit heilem Körper aber verletzter Seele durch die Kellergänge des Stade de France. "Das Spiel wurde von Details entschieden", sagte er. Seiner Mannschaft habe etwas die Frische gefehlt, die Effizienz. Er wolle zwar keine Entschuldigung suchen, beklagte aber, dass es einen riesigen Unterschied ausmache, ob man drei oder vier Tage Pause vor dem Finale habe.

Zudem verteidigte er die Spielweise seine Mannschaft, auch in der Verlängerung offensiv auf ein Tor gedrängt zu haben. "Das half Portugal, weil wir ihnen mehr Raum gaben", meinte Deschamps. Raphaël Guerreiro schoss zuerst gegen die Latte per Freistoß, Sekunden später fiel das 0:1, als Éder seinen Gegenspieler Laurent Koscielny abschüttelte und aus 20 Metern ins Tor traf. Dennoch wollte Deschamps nichts bereuen, "weil ein Elfmeterschießen ist immer eine Lotterie".

Doch sein reiches Arsenal an international dekorierten Offensivspielern brachte einfach keinen Treffer zustande. Sie scheiterten an Portugals gutem Torwart Rui Patrício, an ihrer Ungenauigkeit wie Antoine Griezmann bei seiner großen Kopfballchance nach der Pause. Oft genug gewannen Portugals Verteidiger den entscheidenden Zweikampf vor dem Tor. Oder der Pfosten stand im Weg.

Als Schiedsrichter Mark Clattenburg abpfiff, reagierten viele Zuschauer im Stade de France zunächst perplex. Damit hatten sie nicht gerechnet. Niemand pfiff oder buhte. Einige verließen sofort den Innenraum, die meisten aber blieben regungslos stehen. Erst nach einigen Minuten rührten sich die ersten Hände, bald applaudierte das Publikum seinen Spielern. Die Fußballfans in Saint-Denis waren nicht sauer. Sondern traurig.

© SZ.de/jbe/liv
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