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Finale der Fußball-EM:Cristiano überwindet den Ronaldo-Fluch

Cristiano Ronaldo bekam sein Happy End im Stade de France

(Foto: AP)

Eine folgenschwere Kollision bringt Cristiano Ronaldo um die angestrebte Hauptdarsteller-Rolle im EM-Finale - trotzdem findet er spät sein Glück.

Von Javier Cáceres, Saint-Denis

Irgendetwas hat dieses Stade de France von Saint-Denis, dass es Ronaldos stets in Dramen stürzt, wenn es sich in die meistbeachtete aller Fußball-Bühnen verwandelt. Rückblende: Als Frankreich und Brasilien im Sommer 1998 in Saint-Denis das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft austrugen, sorgte Ronaldo gut eine Stunde vor Spielbeginn für eine Hektik, wie sie die Fußballwelt bei solchen Gelegenheiten nie gesehen hatte.

Der "echte" Ronaldo, der brasilianische also, fehlte völlig überraschend in der Startformation der Seleção; später sollte sich herausstellen, dass er am Vorabend im Teamhotel eine Art epileptischen Anfall erlitten hatte, der weitreichende Untersuchungen nach sich zog und nie ganz aufgeklärt wurde.

Am Sonntagabend nun war es der aktuelle, der portugiesische Ronaldo, der in einem Endspiel gegen Frankreich in Saint-Denis Opfer einer Fatalität wurde. Denn er musste nach 18 Minuten behandelt werden. Unter Tränen, die so völlig anders waren als jene, die ihn seit 2004 verfolgen, als er das Endspiel der EM in Lissabon verlor und - damals 19-jährig - untröstlich über die 0:1-Niederlage gegen Griechenland war. Denn diesmal weinte Cristiano Ronaldo Tränen des Zorns, des Schmerzes, der Ohnmacht und der Verzweiflung.

Dimitri Payet rauscht heran

Die achte Minute des EM-Finals war am Sonntag angebrochen, als Ronaldo, 31, in eine folgenschwere Kollision verwickelt wurde. Der portugiesische Kapitän versuchte auf der rechten Seite im Mittelfeld einen Ball anzunehmen, als Dimitri Payet ohne Rücksicht auf Verluste angerauscht kam und ungebremst auf Ronaldo prallte. Knie stieß auf Knie, Ronaldo fiel zu Boden, schrie auf, verzerrte das Gesicht.

Cristiano Ronaldo windet sich auf dem Platz, nachdem Dimitri Payet in ihn hineingerauscht war.

(Foto: AFP)

Wie oft schon hat sich Ronaldo in seiner Karriere fallen gelassen, gestikuliert, Theater gespielt? Wie oft schon hat er damit Fans in aller Welt gegen sich aufgebracht? Doch dies war erkennbar anders. Dramatischer. Brutaler. Vergleichbar wohl nur mit jenem Foul, mit dem Kolumbiens Mittelfeldspieler Juan Zúñiga den brasilianischen Stürmer Neymar im Viertelfinale der WM 2014 letztlich aus dem Turnier kickte.

Ronaldo wurde mit Eis behandelt; danach testete er ein paar Minuten lang aus, ob er weiterspielen könnte. Doch es fiel ihm erkennbar schwer, überhaupt zu laufen. Dann sank er in der 17. Minute jäh zu Boden, nahe des Mittelkreises: Es ging einfach nicht mehr, das war für jeden offensichtlich. Und Ronaldo weinte, als er da lag, Tränen der Bitternis.

Ronaldo weint auf dem Platz

Er ließ sich von den Medizinern der Portugiesen zur Seitenlinie begleiten und, einmal dort angekommen, rund zwei Minuten lang behandeln. Sie versuchten, den Schmerz mit Eis zu betäuben, legten ihm einen Verband ums linke Knie. Unter dem Jubel der portugiesischen Fans kehrte er zurück aufs Feld. Wie kein Zweiter hat Ronaldo seinen Körper in eine Rüstung verwandelt. Doch das war nicht genug, um der Pein zu entgehen: Als die 24. Minute lief, war die Tragik vollkommen wie der traurigste aller Fados. Ronaldo signalisierte, dass er ausgewechselt werden müsse.

Da saß er nun, mit zusammengekniffenen Lippen, die Arme hinter dem Körper in den Rasen gebohrt, und machte keine Anstalten mehr, den Platz aus eigener Kraft zu verlassen. Er forderte die Trage. Als die Sanitäter bei ihm angelangt waren, und er die Motte verscheucht hatte, die sich auf seine Wange gesetzt hatte, übermannte es ihn wieder. Die Tränen kehrten zurück. Und mit ihnen die Gedanken an all das, was nicht mehr werden würde.

Es gab nichts Tröstendes

Es gibt ja kaum etwas, was er nicht gewonnen hätte. Die Champions League, den Weltpokal für Klubs, die spanische, die englische Meisterschaft, drei Weltfußballer-Titel. Unter anderem. Doch in diesen Tagen träumte Cristiano Ronaldo nur davon, Portugal zum ersten internationalen Titel zu führen. Er, Ronaldo, wollte der Hauptdarsteller dieser Tat werden. Nani, dem Ronaldo die Kapitänsbinde um den Arm band, legte ihm die Hand in den Nacken und sprach ihm Tröstendes zu. Doch es gab nichts Tröstendes.

Auch nicht, als er rücklings auf der Trage lag und Tränen über seine Wangen liefen, und er kaum mitbekam, dass sich viele Fans von ihren Sitzen erhoben, um ihm zu applaudieren, als er den Platz verließ. Zum Ende der regulären Spielzeit kehrte Ronaldo dann auf die Bank der Portugiesen zurück, er trug eine Trainingsjacke, darunter seine kurze Hose, und so sah eben auch jeder seinen Verband am linken Knie. In der Unterbrechung vor der Verlängerung lief Ronaldo dann zu seinen Kameraden - und immer noch kullerten ihm die Tränen über die Wangen. Während der Verlängerung konnte er nicht mehr an sich halten, bei den Chancen der Portugiesen war er stets der erste auf der Bank, der aufsprang. Und auch als Eder in der 109. Minute das Tor des Abends erzielte, hörte Ronaldo nicht auf zu weinen.

Doch diesmal weinte er vor Glück. In den letzten elf Minuten war der sonst so coole Kapitän dann sichtlich aufgelöst, wie ein zweiter Trainer dirigierte er die Mitspieler. Kurz vor dem Ende der Verlängerung rempelte Ronaldo den eigentlichen Trainer, Fernando Santos, gar an. Der Mann, der sich sonst so gerne inszeniert, schien alles um sich herum vergessen zu haben. Vor der Siegerehrung streifte ihm Nani wieder die Kapitänsbinde über, es sollte jetzt Ronaldo vorbehalten sein, diese Trophäe als Erster in die Luft zu heben. Und so nahm Ronaldo den silbernen Pokal, er schaute ihn sich genau an, küsste ihn, reckte ihn empor. Dann hüpfte er auf und ab.

© SZ vom 11.07.2016/ebc
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