bedeckt München 10°

Fifa: WM-Vergabe:Züricher Farce

Das Doppel-Votum für Russland und Katar entlarvt die Fifa-Granden um Sepp Blatter. Ihnen geht es nicht um die Entwicklung des Fußballs, stattdessen entscheiden ganz andere Kriterien.

Thomas Kistner

Grundsätzlich sei festgestellt, dass rein sportlich wenig gegen ein WM-Turnier in Russland spricht, Osteuropa war mal an der Reihe. Und warum sollte nicht eine WM im arabischen Raum stattfinden? Inszenieren lässt sich das Ereignis heute überall, das ist eine reine Geldfrage. Oberflächlich betrachtet also kann jeder, der Fußball als globales Spiel begreift, sogar einige Argumente dafür finden, dass die Weltmeisterschaft 2018 in Russland und die WM 2022 in Katar stattfindet. Sobald man aber beide Veranstalter in Kombination betrachtet, sobald man den Weltfußballverband Fifa bei seinen eigenen Worten nimmt, wird der Widersinn dieses Doppel-Votums deutlich. Die Fußballfürsten, die sich um Fifa-Präsident Sepp Blatter scharen, haben sich gegen sich selbst gestellt. Sie haben gegen die eigenen Erkenntnisse votiert und sich damit selbst entlarvt.

RNPS IMAGES OF THE YEAR 2010 - SWITZERLAND -

Die Fußballfürsten, die sich um Fifa-Präsident Sepp Blatter scharen, haben sich gegen sich selbst gestellt.

(Foto: Reuters)

Wie die Fifa-Granden denken und handeln, wurde am Umgang mit dem Klassenbesten, mit England, deutlich. In allen Prüfungen, die technische Kommissionen im Auftrag der Fifa unter den neun WM-Bewerbern vorgenommen hatten, erhielt die englische Bewerbung Bestnoten. Die Folge: England wurde mit zwei von 22 Stimmen der Fifa-Exekutive aus dem Wettbewerb katapultiert - eine der beiden Stimmen war die eigene. Im direkten Duell um die WM 2018 verlor England klar gegen Russland, wo im Prüfbericht überflüssige Stadionneubauten und Reisestrapazen angemahnt wurden.

Der offiziell schwächste Kandidat, Katar, zog souverän durch alle Runden. Die Vergabe zeigt, dass es der Fifa eben nicht, wie so oft salbungsvoll von Blatter formuliert, um die Entwicklung des Sports geht. Fußball hat in einem Land wie Katar weder Vergangenheit noch Zukunft. Vier Wochen lang wird dort bei 45 Grad ein Weltmeister ausgebrütet, dann sollen, so der Plan, die Stadien abmontiert und in Entwicklungsländer verfrachtet werden - dorthin, wo man sie brauchen kann. Vom Gedanken, dass eine WM allen gehört, dass diese Mustermesse im Vier-Jahres-Rhythmus auch ein Dank ans eigene Stammpublikum sein soll, hat sich das irrlichternde Gremium aus Zürich längst entfernt.

Stattdessen wird nach Willkür belohnt und bestraft. Zwei Stimmen für England - für jenes Land, welches das Fußballspiel erfunden hat und dem es jetzt gestohlen wurde - bedeuten nicht nur eine sportpolitische Ohrfeige, sie sind auch ein Akt nachträglicher Zensur. Englische Zeitungen hatten jüngst aufgedeckt, dass fünf der ursprünglich 24 Wahlmänner käuflich seien, nur zwei wurden daraufhin suspendiert. Dass der englische Bewerbungschef nun behauptet, Blatter habe seine Männer am Vorabend der Wahl an die "teuflischen Medien" erinnert und eine Mappe mit negativen Fifa-Artikeln präsentiert, wird nicht weit von der Wahrheit entfernt sein.

Nicht Russland, nicht einmal Katar, sondern die Kombination (inklusive der englischen Demütigung) entlarvt das Votum als Farce. Offen ist in den Verlierer-Ländern von Korruption die Rede, von gekauften Turnieren. So groß ist die Enttäuschung, dass selbst Politprofis das diplomatische Parkett verlassen. Barack Obama sprach in Bezug auf Katar, gegen das die USA verlor, von einer "falschen Wahl". Auffällig war, dass Wladimir Putin, der starke Russe, der Veranstaltung in Zürich fernblieb. Erst als Russlands Sieg verkündet war, reiste er in die Schweiz. War er sich der Sache so sicher, dass er sich das leisten konnte?

Dass es zu solchen Fragen kommt, liegt an vielen demokratischen Staatenlenkern selbst. Diese geben sich für Inszenierungen wie am Donnerstag in Zürich - anders als Triumphator Putin - als Statisten her, statt langfristig auf Veränderungen hinzuarbeiten. Der Druck auf die Fifa wird nun hoffentlich wachsen, zumindest den Wahlmodus zu ändern. Es wäre ein Anfang, um die Macht über den Fußball denen zurückzugeben, die dieses wunderbare Spiel am meisten lieben.

© SZ vom 04.12.2010/alin

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite