Gianni Infantino "Zwei Arbeiter sind vor meinen Augen im Stadion gestorben"

Das Bild der Deutschen prägt aktuell auch Sylvia Schenk, die als Sportexpertin für "Transparency International" seit vielen Jahren eng mit der Funktionärswelt zugange ist und jüngst in der Deutschen Welle befand: Bei allen Fehlern Infantinos sei doch "die Fifa als Institution auf jeden Fall vorangekommen"; speziell bei den Menschenrechten. Schenk, muss man wissen, sitzt im Menschenrechtsbeirat der Fifa, für den auch DFB-Interimschef Rainer Koch im Governance-Komitee der Fifa zuständig ist. Infantino hob in Paris nun das Wirken dieses Gremiums hervor - "Schauen Sie auf die Fortschritte in Katar, dank des Fußballs!" Blöd nur, dass gleichzeitig erste Meldungen ins Netz sickerten, dass ein WDR-Fernsehteam noch am selben Abend erschreckende Bilder in der Sendung Sport Inside präsentieren wolle: Ein Nepalese, der auf der Baustelle Al Bayt arbeitete, berichtete über die Ängste bei sich und den Kollegen, "vor allem in großer Höhe. Zwei Arbeiter sind vor meinen Augen im Stadion gestorben". Die Kolonne habe sich geweigert, weiterzuarbeiten, sei aber dazu "gezwungen" worden. Ein anderes Mal seien sieben Arbeiter im Büro eines Bau-Subunternehmers verprügelt worden.

Die Fifa antwortete am Rande des Kongresses auf diese TV-Recherchen. Sie räumte sogar ein, dass es bei einem WM-Stadionbau in Katar zu "Verstößen gegen die Standards für die Arbeiter" gekommen sei; man wolle diesen "schwerwiegenden Vorwürfen" nachgehen. Laut WDR hätten auf Anfrage weder die betroffenen Firmen noch die Behörden Katars reagiert. Indes schloss das Organisationskomitee der WM aus, dass es die beschriebenen Todesfälle auf der Baustelle gab; auch von Misshandlungen sei nichts bekannt.

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Das zwielichtige System der Fifa

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Solche Berichte aus der realen Welt setzen die Fifa unter Druck - und auch diejenigen, die in Infantinos Ägide substanzielle Verbesserungen sehen. Koch und Schenk etwa, die bezüglich der Menschenrechtslage im WM-Land 2022 gern Fortschritte darlegen. Doch womöglich ist es ein Unterschied, ob unabhängige Journalisten mit direkt Betroffenen reden und mit diskreter Kamera unterwegs sind, oder ob ein ausgesuchter Honoratiorenstab, warm empfangen von den Autoritäten des Wüstenstaats, Inspektionen vornimmt.

Und damit zurück in Infantinos wunderbarer Fußballwelt in Paris: In nur gut drei Jahren, so der Präsident, habe er die Fifa von einer "fast kriminellen" Organisation in einen Hort des Guten verwandelt. Denn: "Heute, am Wahltag, spricht niemand mehr über Krisen, über Skandale, niemand spricht mehr über Korruption!" Das war bemerkenswert kaltschnäuzig eingedenk der Tatsache, dass dem Fifa-Ethikkomitee seit März ein hunderte Seiten starkes Anklagedossier gegen Ahmad Ahmad vorliegt. Um nur ein Beispiel zu nennen.

Der FunktionärAhmad aus Madagaskar hatte Infantino Anfang 2016 eine UN-Mitarbeiterin in Ostafrika vorgestellt: Eine gewisse Fatma Samoura. Wenig später wurde die Senegalesin Fifa-Generalsekretärin - also Vorstandschefin des Weltfußballs. Aber nur auf dem Papier; Samoura hat auch nach drei Jahren kein Profil im Fußball entwickelt. Weshalb er die Afrikanerin berufen haben könnte, entfuhr Infantino womöglich nun im Überschwang des Kongress-Feiertags: "Wir haben in Fatma eine Frau als Generalsekretärin - und sie ist auch keine Europäerin!", rief er in die Halle. Im selben Moment tauchte das Gesicht der Senegalesin auf der riesigen Leinwand auf. Auch ohne viel Taktgefühl war erkennbar, wie Samoura diese Vorführung empfand. Wenigstens fühlte sich im überwiegend mit Männern gefüllten Saal niemand bemüßigt, auf die Schenkel zu patschen. Eine ebenso steile Karriere wie Samoura machte auch ihr Mentor Ahmad. Er wurde 2017 Chef des Afrika-Verbands Caf. Nun liegen harte Vorwürfe gegen ihn vor, erhoben vom ehemaligen CAF-Generalsekretär Amr Fahmy, den Ahmad gefeuert hatte. Es geht um Klassiker in der Fußball-Geschäftswelt: Ahmad soll Abzweigungen aus Fördergeldern für Verbandschefs von je 20 000 Dollar bewilligt haben (siehe Ausriss), verkleidet als "Aufwandsvergütung". Er soll für 830 000 Dollar Fußballausrüstungen zu überhöhten Konditionen bei der Firma eines Freundes geordert haben. Es geht um teure Autos, sogar um unangemessenen Umgang mit Verbandspersonal.

Ahmads bisherige Erklärungsversuche, vorgetragen bei der britischen BBC, klangen wenig überzeugend. Die Berufung Fahmys sei ein Fehler gewesen, Präsidentenkutschen müssten halt repräsentativ sein, und die Ausrüstung habe bestellt werden müssen, weil der Vorgänger keinen offiziellen Vertrag mit einer Bekleidungsfirma abgeschlossen habe. Ach so.

Was die Fifa-Ethikermittler unter der von Infantino ausgesuchten Kolumbianerin Claudia Rojas tun werden, ob sie den Fall des Präsidenten-Vertrauten überhaupt anschauen, ist nicht bekannt. Die Verwaltungsjuristin Rojas schwirrte in Paris im Party-Modus durch die Halle, herzte und grüßte die lieben Delegierten. Tags zuvor hatte sie den Aufpassern im Compliance-Komitee auf deren Eingabe hin mitgeteilt, dass sie keinen Anlass für ein Verfahren gegen Infantino sehe. Der Boss hatte mit einer Flut an Geschenken für einen privaten Freund offenkundig gegen Verhaltensregeln verstoßen. Aber wurscht. Über Skandale spricht ja keiner in Infantinos neuer Fifa.

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