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Strafverfahren gegen Infantino:"In der Fifa ist die Panik ausgebrochen"

Gianni Infantino

Fifa-Präsident Gianni Infantino.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Die Fifa verteidigt ihren schwer unter Druck der Justiz geratenen Präsidenten. Ein Trupp neuer Anwälte behauptet sogar, es gebe nicht den Hauch eines Verdachts gegen Gianni Infantino.

Von Thomas Kistner

Der Fußball-Weltverband Fifa ist in größter Unruhe. Diesen Eindruck vermittelt die konfuse Strategie, mit der die Fifa der Tatsache entgegentritt, dass ihr Präsident Gianni Infantino eine Strafermittlung der Schweizer Justiz am Hals hat. Und dieses Gefühl hat auch der Basler Governance-Experte Mark Pieth, den die Fifa am Wochenende über das Boulevardblatt Blick ins Visier nahm: "In der Fifa ist die Panik ausgebrochen", ließ Pieth in einer Erklärung über die Universität Basel wissen.

Er parierte damit eine bemerkenswert direkte Attacke, die die Fifa am Sonntag per Pressemitteilung vorgetragen hatte. Pieth habe als Chef der Fifa-Reformkommission von 2011 bis 2013 insgesamt 2,5 Millionen Franken kassiert - "für nichts", wie der Blick titelte. 215 000 Franken seien direkt in seine Tasche gewandert.

Infantino ist in größter Gefahr und abgetaucht, jetzt wird das grobe Werkzeug rausgeholt. Die Deutungshoheit bei der Fifa übernimmt der Schotte Alasdair Bell. Der Vize-Generalsekretär, für Infantino schon beim europäischen Verband Uefa tätig, teilte mit: "Pieth und das Basel Institute on Governance haben von der Fifa unter Sepp Blatter Millionen an Honoraren kassiert."

Auslöser des Schlachtenlärms ist ein Strafverfahren gegen Infantino wegen möglicher Anstiftung zum Amtsverrat, im Kontext dreier Treffen mit dem Berner Bundesanwalt Michael Lauber. Diese Meetings hatte ein Privatfreund Infantinos eingefädelt, sie wurden nie protokolliert; das letzte, im Juni 2017, wollen alle Teilnehmer kollektiv vergessen haben. Dazu liegt eine Mail Infantinos vor, in der er erklärt, dass er das Treffen nutzen wolle, um Laubers Behörde von seiner Unschuld zu überzeugen: Hier ging es um eine Strafermittlung zu einem TV-Vertrag der Uefa, den er einst selbst signiert hatte. All das stille Gemauschel führte zum Amtsenthebungsverfahren gegen Lauber. Und das Bundesverwaltungsgericht urteilte jüngst, der Chefankläger des Landes habe wegen des vergessenen Infantino-Treffens 2017 gelogen - "in Absprache" mit den Beteiligten.

Infantino fällt seit seinem Amtsantritt 2016 als Autokrat und Spalter im Fußball auf. Frühzeitig stellte er das Ethikkomitee mit Cornel Borbely (Schweiz) und Hans-Joachim Eckert (Deutschland) kalt; die Strafexperten hatten sowohl Sepp Blatter suspendiert, Infantinos Vorgänger in der Fifa, als auch Michel Platini, damals noch Uefa-Chef und Vorgesetzter von Infantino. Unter dessen Herrschaft bei der Fifa flog auch flott der renommierte Governance-Experte Miguel Maduro raus, ein früherer EU-Generalanwalt; Maduro hatte Russlands Sportminister Witali Mutko von der Wiederwahl in den Fifa-Rat ausgeschlossen; Mutko spielt eine Rolle in der russischen Staatsdoping-Affäre. Anstelle der harten Aufpasser installierte Infantino in Tomas Vesel (Slowenien) einen Governance-Chef, der sich die Sichtweise seines Bosses sogar in Entscheide reinschreiben lässt. Auch mit der Chefermittlerin Claudia Maria Rojas gelang eine Idealbesetzung: Die Verwaltungsjuristin aus Kolumbien wurde von Latino-Funktionären als "Superamiga" empfohlen, als Superfreundin; die 70-Jährige hatte nie etwas mit Strafrecht zu tun und beherrscht auch keine der drei Fifa-Amtssprachen. Ihr arbeitet ein Büro zu, das mit Infantino-Getreuen besetzt ist.

Infantino spricht sich selbst frei

Nun werden nicht nur die Medien mit Selbstabsolutionen des Patrons eingedeckt, auch alle 211 Nationalverbände erhielten ein Schreiben, in dem sich Infantino selbst freispricht - ohne die konkreten Vorwürfe auch nur zu streifen. Drei Juristen bezahlt die Fifa, die nun für den Boss trommeln. Kräftig ins Zeug legt sich Jean-Pierre Méan, der Genfer Anwalt erzählt heimischen Medien ernsthaft: "Ich bin der Meinung, dass sich die Fifa tatsächlich reformiert hat. Wir sehen heute nicht mehr die ,böse' Fifa von früher." Dass dies nicht nur aus (erklärter) Sicht internationaler Experten Unfug ist, erkennt sogar der Laie.

Für Infantino gilt die Unschuldsvermutung, aber der Schweizer Sonderermittler Stefan Keller, der am Montag aus dem Urlaub zurückkehrte, hat bereits einen großen Flurschaden vor sich. Die Fifa, die laut Bell "voll kooperieren" will, zeigt öffentlich, wie sie sich das vorstellt: Kellers Vorgehen sei "absolut unfair", es gebe nicht den Hauch eines Verdachts gegen den Fußballboss. Die steile These vertrat einer der neuen Anwälte, Dave Zollinger, nun auch gegenüber dem australischen Radiosender ABC - so intensiv, dass die Reporterin verdutzt fragte, ob in der Schweiz wirklich ein schlichter "Vorwurf von irgendwem genügt, um ein Kriminalverfahren zu eröffnen?" Nein, sagte Zollinger, gewisse Glaubwürdigkeit brauche es schon: "Wenn zum Beispiel jemand sagt, er sei gestern Nacht von Aliens entführt worden" - bei solchen Angaben werde auch in der Schweiz nicht ermittelt. Immerhin, demnach wirken die Vorwürfe gegen Infantino auf die Fifa-Anwälte substantieller als eine Alien-Attacke.

Der kabarettistischen Qualität der Verteidigungslinie entsprechen die Vorwürfe gegen Pieth. Der empfiehlt Infantino nun, wenn ihm der Schweizer Rechtsstaat nicht passe, solle er die Fifa doch in ein Land umsiedeln, das seiner Geschäftstätigkeit eher entspreche. Der Professor rückte außerdem die Zahlen gerade: 2,5 Millionen Franken habe die Arbeit der Reform-Kommission unter ihm und seinem Basler Institut gekostet, über drei Jahre; inklusive Spesen und Honorare. Tätig war ja ein Dutzend Rechtsexperten aus aller Welt. Er selbst, so Pieth, habe "gar kein Geld" erhalten, wohl aber seine Arbeitszeit berechnet und die Beträge "wie üblich" an die Uni abgeführt. Einen Gewinn habe sein Institut nicht gemacht, verrechnet worden sei der effektive Aufwand. Nicht in Frage gekommen sei aber, "einer reichen Sportorganisation auch noch Geschenke" zu machen.

Den Vorwurf, sein Job sei nichtig und die von ihm berufenen Experten befangen gewesen, entkräftet die Realität: Just die Chefs des neuen Ethikkomitees, Borbely und Eckert, hatten ja Blatter und Platini suspendiert, nachdem ein Strafverfahren gegen Blatter eröffnet worden war. So wie jetzt gegen Infantino - aber hier sieht Nachfolgerin Rojas die Sache offenbar anders.

Die harten Controller der Pieth-Ära sind weg, aber Infantinos Neue belasten die Kasse noch mehr. 2018 verschlangen all die Kammern unter Vesel, Rojas und Co. laut Finanzreport knapp 2,5 Millionen Dollar; bei Gesamtaufwendungen für den juristischen Apparat von fast sechs Millionen. Resultate? Fehlanzeige. Also wäre nun besonders spannend zu wissen, was der neue PR-Juristenstab für Infantino kassiert.

Dabei wäre die interne Arbeit einfach. Rund 200 000 Dollar, just der Betrag, den Pieth für drei Jahre Arbeit kassiert haben soll, hat allein eine Reise von Infantino im Privatjet im April 2017 gekostet; weil der Linienflug aus Surinam Verspätung hatte und zuhause angeblich dringende Geschäfte warteten. Bewilligen musste die Sache Governance-Chef Vesel, und diesem tischte Infantinos Assistent als Rechtfertigung für den Flug eine Lüge auf: Infantino hätte ein Treffen mit dem Uefa-Präsidenten gehabt. Doch das gab es nie. Vesel schweigt zu Anfragen. Und die Fifa bleibt bei der nebulösen Behauptung, die Sache sei regelkonform verlaufen. Und Chefermittlerin Rojas: Ermittelt sie?

© SZ vom 11.08.2020/jki
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