Amateurfußball:Gottes Werk und Teufels Beitrag

Amateurfußball: Alltag in Pipinsried im April 2023: Szene aus dem Regionalliga-Spiel gegen Unterhaching - vor vier Zuschauern auf der Naturtribüne.

Alltag in Pipinsried im April 2023: Szene aus dem Regionalliga-Spiel gegen Unterhaching - vor vier Zuschauern auf der Naturtribüne.

(Foto: Sven Leifer/foto2press/Imago)

Als Pipinsried in die Regionalliga aufstieg, staunten alle über den Klub aus dem 580-Seelen-Ort. Doch dann wurde die Mannschaft in eine GmbH ausgegliedert, es kam zum Bruch mit dem allmächtigen Präsidenten Konrad Höß. Inzwischen stehen die Zeichen auf Abstieg und Versöhnung. Ein Lehrstück aus dem Dachauer Hinterland.

Von Christoph Leischwitz, Pipinsried

Anpfiff, der Ball rollt, doch er rollt langsamer als früher. Niemand hat gemäht. Vielleicht ist das auch gewollt. Ein langsames Geläuf gilt als Vorteil für die spielerisch schlechtere Mannschaft, und die ist an diesem Freitagabend eindeutig der Gastgeber FC Pipinsried, der schon vor der Partie gegen den FC Augsburg II als Regionalliga-Absteiger feststeht.

Früher wäre das undenkbar gewesen. Als Präsident und Greenkeeper in Personalunion schritt Konrad Höß weiland gerne auch mal barfuß über den Rasen, um diesen zu schonen. Der Rasen war ihm heilig. Das Gelände hatte er einst vom Bistum Augsburg erhalten, dank guter Beziehungen - 99 Jahre Erbpacht. Das Stadion hatten sie hier in Eigenregie gebaut. Und Höß, der Vereinsgründer, wurde so etwas wie ein Papa, ein Fußball-Papst mit Anspruch auf Unfehlbarkeit. Für Jahrzehnte war die Sprecherkabine seine Kanzel, dann pflegte er zu predigen: "Die Mannschaft spielt heut' wieder einen Schmarrn zamm!"

Anno 2018 allerdings kam es, dass Höß, damals 77, plötzlich nicht mehr allein bestimmen durfte, wer wann den Rasen betritt. Wann ein Spiel abgesagt wird und wann nicht. Denn Regionalliga - das ist eher was für Profis, nicht für alternde, herrische Präsidenten. Gesagt hat das so freilich niemand damals. Doch Höß wurde abgewählt, nach 51 Jahren, die erste Mannschaft wurde in eine GmbH ausgegliedert, ging also quasi in weltlichen Besitz über.

Amateurfußball: Andere Zeiten: 1860-Kapitän Sascha Mölders im Luftkampf gegen Pipinsrieds Keeper Thomas Reichlmayr - vor insgesamt 7000 Zuschauern und berstender Naturtribüne.

Andere Zeiten: 1860-Kapitän Sascha Mölders im Luftkampf gegen Pipinsrieds Keeper Thomas Reichlmayr - vor insgesamt 7000 Zuschauern und berstender Naturtribüne.

(Foto: Sven Leifer/foto2press/Imago)

Seitdem ist viel passiert, ein enormes Kommen und Gehen setzte ein beim Dorfklub des 580-Seelen-Ortes. Im Mai 2018 etwa kam der TSV 1860 zu einem legendären Regionalliga-Spiel, für das sie den Acker neben dem Spielfeld kurzerhand in eine "Naturtribüne" umfunktionierten - für 7000 Besucher; ein Event, auf das sie zu Recht noch heute stolz sind. Doch im Alltag zeigte sich: So ein kleiner Verein kann sich auch schnell verheben, wenn mal ein paar Ehrenamtliche zu wenig da sind.

Heute sagen manche: In Pipinsried hätten zu viele Externe das Sagen gehabt

Einen Monat vor seiner Abwahl hatte Höß der SZ gesagt: "Eine große Gefahr wird auf den FC Pipinsried zukommen, wenn der jetzige Trainer Fabian Hürzeler und Manager Roman Plesche, die ich hierher geholt habe, aufhören. Die machen gute Arbeit, aber sehen Pipinsried nur als Sprungbrett für den Profifußball. Es müssen nachher alle Register gezogen werden, damit der hochklassige Fußball in Pipinsried aufrechterhalten wird." Eine berechtigte Warnung. Die Saison 2022/23 mündete nun in einen krachenden Absturz. Die Revolution von 2018 fraß ihre Kinder.

Heute sagen manche: Beim FC Pipinsried hätten zu viele Externe das Sagen gehabt - Höß nennt sie "Fremde" -, denen Ämter und Prestige wichtiger gewesen seien als der Verein. Einer der elf Trainer, die in den vergangenen fünf Jahren kamen und gingen, sagte kürzlich: "Ich habe wieder aufgehört, weil ich alles allein machen musste." Niemand habe sich zuständig gefühlt.

Amateurfußball: "Ich war ein Genie": Konrad Höß scheint sich immerhin mit seinem Klub versöhnt zu haben. Am letzten Spieltag soll er zum Ehrenpräsidenten ernannt werden.

"Ich war ein Genie": Konrad Höß scheint sich immerhin mit seinem Klub versöhnt zu haben. Am letzten Spieltag soll er zum Ehrenpräsidenten ernannt werden.

(Foto: Goldberg/Beautiful Sports/Imago)

Es gibt also den Vorwurf der Gentrifizierung, der kommt aus dem Ort selbst. Und es gibt die Vorwürfe von außen, wonach einfach nichts passiert sei. Dazu passt die Anekdote, dass Türkgücü München, vor einem Jahr auf verzweifelter Suche nach einem Stadion, auch in Pipinsried vorstellig wurde. Das Angebot für eine Handvoll Partien war überaus lukrativ, heißt es, doch es wurde abgelehnt. Begründung: zu viel Arbeit.

Vergangenen Herbst ging dann plötzlich alles sehr schnell. Eine kurzsichtige Kaderzusammenstellung, sportlicher Misserfolg, dann musste Spielertrainer Nikola Jelisic gehen. Aus Protest hörte Angreifer Pablo Pigl auf. Einige Spieler weigerten sich, den neuen Trainer Frank Peuker auch nur zu grüßen, der war nach einem Spiel wieder weg. Im Winter kehrten mehrere Leistungsträger dem Verein den Rücken, die sportliche Talfahrt mündete im Chaos. Am 13. April versendete der FC Pipinsried eine dürre Pressemitteilung: "Der sportliche Leiter des FC Pipinsried hat heute erklärt, dass er mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurücktritt. Der FC Pipinsried bedankt sich für seinen Einsatz." Gemeint war Tarik Sarisakal. Wenig später trat Präsident Roland Küspert nicht mehr zur Wahl an, sein Nachfolger ist nun Benny Rauch. Zusammen mit seinem neuen Team scheint es dem 41-Jährigen zu gelingen, den freien Fall aufzuhalten.

Das Spiel gegen Augsburg II geht an jenem Freitagabend 0:4 verloren. "Aber wir haben uns nicht abschlachten lassen. Es ist wichtig, noch ein Gesicht zu zeigen", befindet Enver Maltas, der aktuelle Trainer. In der kommenden Saison wird er sportlicher Leiter sein. Er weiß, dass die verbleibenden Auftritte trotz sportlicher Bedeutungslosigkeit wichtig sind für die kommende Saison. Es geht um Signale, um eine Aufbruchsstimmung. "Nur eine Pause, kein Abschied", zitiert Präsident Rauch einen Sponsor, der womöglich bald wieder zurückkehrt.

Beim letzten Heimspiel gegen Burghausen soll Höß zum Ehrenpräsidenten ernannt werden

Neu-Präsident Rauch dürfte die nötigen Nehmerqualitäten mitbringen, im vergangenen Juni wurde er Kickbox-Weltmeister in der Klasse Ü35, Zweiter in der offenen Männerklasse. Wichtig ist freilich, sein Gewicht zu kennen. Der FC Pipinsried habe tolle Sachen in der Regionalliga erlebt, sagt er nun, aber man benötige diese Liga nicht. Jedenfalls nicht um jeden Preis: "Sie ist auch nicht so attraktiv, wie sie oft gemacht wird." Rauch sagt, der FC habe oft sein Potenzial nicht ausgenutzt - was er nicht sportlich meint, sondern die Fähigkeit, als Sportverein für seine Region zu stehen. Die Bayernliga passe diesbezüglich sehr gut, findet er. Einer mit viel Identifikation wird nun auch Sportdirektor: Atdhedon Lushi ist ein Aufstiegsheld des FC Pipinsried, unter dem damaligen Spielertrainer Fabian Hürzeler - der derzeit beim FC St. Pauli .

Während die Kaderplanung läuft, gibt es noch eine wichtige Sache zu erledigen. Eigentlich hatten sie schon 2018 gesagt, Konrad Höß müsse zum Ehrenpräsidenten ernannt werden. Nur blieb der ewige Präsident verärgert fern, war sauer darüber, was mit seinem Lebenswerk und seinem Rasen gemacht wurde. Mittlerweile kommt er wieder zu den Heimspielen und steht wie einst mit Cordmütze neben dem Tor, an die Werbebande gelehnt. Beim letzten Heimspiel der Saison, gegen Burghausen, soll er zum Ehrenpräsidenten ernannt werden.

"Ich bin glücklich, wieder hier zu sitzen, wo alles begonnen hat", sagt Augsburgs Tobias Strobl bei der Pressekonferenz im Vereinsheim. "Und ich bin glücklich, dass Conny wieder hier ist. Nicht nur beim Verein, sondern im Verein", sagt er. Strobl ist 35, besitzt die höchste Trainerlizenz. Er war 24, als Höß ihn zum Spielertrainer machte. Höß blickt skeptisch von einem Foto aus dem Jahr 1979 herab, das direkt über Strobl hängt. Doch manchmal kann Höß auch lächeln. Etwa, wenn man ihn darauf anspricht, wie viele erfolgreiche Spieler und Trainer er hervorgebracht hat, einen wie Strobl eben. "Ich war ein Genie", sagt Höß. Vielleicht, aber nur vielleicht, ist das Grinsen ironisch gemeint.

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