bedeckt München 26°

FC Bayern:Lewandowski steht unter dem Verdacht, ein Winterweltfußballer zu sein

Das ist die Fallhöhe, aus der diese Debatte nun entstanden ist. Denn das ist es ja, was Kahn, der große Bällehypnotisierer, meint: Von einem, der so gut ist wie Lewandowski und der (zu Recht) so viel von sich hält, darf man schon erwarten, dass er eben auch mal Bälle hypnotisiert und Spiele auf seine Seite zwingt. Und dass er den Ball nicht kunstvoll vorbei schlenzt, wenn er frei vor Reals Torwart Navas auftaucht, wie in der Schlussphase dieses Hinspiels.

Lewandowski, 29, muss auf einmal damit leben, dass die Leute einen kritischen Blick in seine Bilanzen werfen. Er muss auch damit leben, dass Nachspiel-Analysen wie jene von Thomas Müller ("Wir brauchen eine andere Killermentalität") plötzlich auf ihn, auf Lewandowski, bezogen werden. Und er muss damit leben, dass dieser Blick nicht immer gerecht ist. Das unglücklich verlaufene Hinspiel hat jedenfalls dazu geführt, dass dieser durchaus große Stürmer plötzlich im Verdacht steht, ein September-bis-März-Weltstar zu sein, ein Winterweltfußballer, dem auf einmal der Haxn zittert, wenn im April und Mai die ganz großen Spiele kommen.

Ein paar Jahre brauchen sie Lewandowski schon noch in München

In der aktuellen Champions-League-Saison hat er fünfmal getroffen, seit Februar überhaupt nicht mehr. Dass Kahn im 2017er-Viertelfinale gegen Real den Stürmer Lewandowski nicht sah, lag daran, dass dieser fehlte - im Rückspiel traf er dann, trotz störender Schulterverletzung. In den Halbfinals 2016 gegen Atlético Madrid sowie 2015 gegen Barcelona traf er ebenfalls jeweils im Rückspiel, gegen die Katalanen sogar trotz störender Gesichtsmaske. Bei den entscheidenden Niederlagen im Hinspiel war er allerdings tatsächlich kaum zu sehen, nicht nur für Kahn.

Auch am Mittwoch wirkte Lewandowski nicht richtig scharf, er selbst hält diesen Vorwurf aber für ungerecht. Er sieht es so, dass er sich taktisch fürs Team eingesetzt und Lücken in der Mitte gerissen habe, indem er auf die Flügel auswich und den Bewacher Sergio Ramos mit nach draußen zog - nur rückte in der Mitte eben niemand nach. Die Kritik von Kahn, sagt auch Elber, "kann ich so nicht stehen lassen". Da nach Arjen Robbens früher Auswechslung fast jeder Angriff etwas fantasielos über Franck Ribéry gelaufen sei, "konnte sich Reals Abwehr schön orientieren, sie konnten Robert leicht abschirmen", sagt er.

Erst im Frühjahr hat Lewandowski seinen Agentenstab erweitert, Pini Zahavi berät ihn nun, ein schillernder Mensch, der auch den 222-Millionen-Transfer von Neymar einfädelte. Für Zahavi rechnet sich die Arbeit mit Lewandowski nur, wenn er seinen Klienten aus dem Vertrag bis 2021 herauskaufen lässt. Aber dass es so weit kommt, werden die Bayern nicht zulassen, sie wissen genau, dass sie im Moment keinen adäquaten Ersatz finden würden.

Ein paar Jahre brauchen sie Lewandowski schon noch, für die Zeit danach halten sie in ihrer Ahnengalerie aber vorsorglich einen Rahmen frei. In ihm, so versichern Insider, könnte mal das Porträt des aktuellen HSV-Talents Jann Fiete Arp, 18, hängen.

© SZ vom 28.04.2018/jki
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB