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FC Bayern:Niko Kovac ist als kleiner Sieger herausgegangen

FC Bayern-Trainer Niko Kovac

Unaufgeregt in aufgeregten Zeiten: Bayern-Trainer Niko Kovac.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Die Fans sehen die Schuld an der Bayern-Krise bei Vorstand und Spielern, nicht beim Trainer, der seine Entlassung auch aus eigener Kraft zunächst abgewendet hat. Aber wie lange hält der Schulterschluss?

Kommentar von Martin Schneider

Ein Hundejahr sind sechs Menschenjahre, jedenfalls ungefähr. Es gibt dafür keine genormte Umrechnungstabelle, aber weil der Mensch den Hund gerne vermenschlicht, hat irgendwer mal eine Übersicht aufgestellt, wie man die Lebensjahre umrechnen kann. Eine Tabelle, wie viele Menschenwochen eine Trainerwoche sind, hat noch niemand erstellt. Vielleicht liegt das daran, dass man Trainer nicht so gerne vermenschlicht. Aber wahrscheinlicher ist, dass es keine Tabelle gibt, weil Trainer nicht gleich Trainer ist. Eine Trainerwoche von Christian Streich könnte beim SC Freiburg ziemlich genau einer Menschenwoche entsprechen. Und die Trainerwoche, die Niko Kovac gerade hinter sich hat, die wäre mit keiner genormten Umrechnung zu fassen.

Niko Kovac ist Bayern-Trainer und spielte am vergangenen Samstag 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf. Präsident Uli Hoeneß, der irgendwann mal sagte, er werde diesen Trainer "bis aufs Blut" verteidigen, sagte nach diesem Spiel, man müsse sich zusammensetzen. Und dass Kovac "gegen Lissabon" noch Trainer sei. Als Kovac in der Champions League gegen Lissabon mit 5:1 gewann, sagte Sportdirektor Salihamidzic, Kovac sei gegen Bremen Trainer und man werde in Bremen gewinnen. Auf Nachfrage, was passiere, wenn nicht, sagte Salihamidzic: "Wir werden gewinnen." Und nun hat Kovac in Bremen gewonnen.

Der 47-Jährige ist aus dieser Woche, die mit Diskussionen um seine mögliche Nachfolge begann, tatsächlich als kleiner Sieger herausgegangen. Auf der Jahreshauptversammlung reagierten die Bayern-Mitglieder milde bis wohlwollend bis aufmunternd, wenn von ihm die Rede war. Was insofern erwähnenswert ist, da Hoeneß, Salihamidzic und auch Teile der Mannschaft (namentlich Jérôme Boateng) nicht besonders gut wegkamen. Bayern-Fans sehen die Schuld an Platz fünf offenbar mehrheitlich bei Vorstand und Spielern und weniger beim Trainer.

Die Unterstützung des Vorstandes und des Präsidenten, umgangssprachlich gern "Bosse" genannt, für Kovac, die nach dem 3:3 gegen Düsseldorf ausblieb, war am Freitagabend wieder da. Auch Karl-Heinz Rummenigge, der sich in der Vergangenheit tendenziell kritischer gegenüber dem Trainer zeigte, äußerte sich nun mehrfach unterstützend.

Ein "Schulterschluss" und taktische Anpassungen

Woran das nun liegt? Darüber kann man spekulieren. Hoeneß sprach von einem "Schulterschluss" zwischen Mannschaft und Trainer, was allerdings die Interpretation nahelegen würde, dass dieser nötig war, weil sich Mannschaft und Trainer zerstritten hatten. Neben dem "Schulterschluss" änderte Kovac erst seine Aufstellung und erklärte seine Rotation für beendet. Gegen Lissabon stellte er in Joshua Kimmich und Leon Goretzka nicht nur eine neue Doppelsechs auf, sondern ließ diese Doppelsechs auch tiefer verteidigen. Und weil dadurch Rafinha als Rechtsverteidiger in die Mannschaft rückte und der grundsätzlich tiefer steht als Kimmich, ist die Ausrichtung insgesamt defensiver geworden. Gegen Bremen brachte der FC Bayern das 2:1 am Ende mit Befreiungsschlägen über die Zeit.

In der Pressekonferenz vor dem Bremen-Spiel sprach Kovac plötzlich von sogenannten "Fixstartern" - also einem Stamm, den er aufstellen wolle. Eine klare Abkehr von der Rotation, von der es heißt, sie hätte mehr Unruhe in der Mannschaft erzeugt als alles andere. Rummenigge sagte dazu auf der Jahreshauptversammlung vielsagend: "Ich sehe jetzt einen Niko Kovac, der kämpft und der bereit ist, ein paar Dinge zu verändern, das gefällt mir."

Bleibt Kovac nun Bayern-Trainer? Um nun von einer Wende zu sprechen, dafür war Lissabon zu schwach und der Sieg gegen Bremen zu wackelig. Der FC Bayern spielt in elf Tagen beim formstarken Ajax Amsterdam um den Gruppensieg in der Champions League. Und vor Weihnachten innerhalb von drei Tagen zu Hause gegen Leipzig und dann bei Eintracht Frankfurt. Wenn Kovac nach der Reise zu seinem alten Verein immer noch Bayern-Trainer ist, dann ist er vom kleinen zum großen Sieger geworden. Wie viele Tage er in die Zeit gealtert ist, das muss man ihn dann irgendwann mal fragen.

© SZ vom 02.12.2018/schma
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