FC Bayern: Interview mit Jörg Butt:"Van Gaal hat nicht mehr rein sportlich entschieden"

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SZ: So klang es aber bei Präsident Uli Hoeneß, der sagte, mit der Entscheidung habe "die ganze Scheiße" angefangen.

Butt: Das ging aber bestimmt nicht gegen Thomas Kraft. Hoeneß hat halt die allgemeine Situation kritisiert. Man muss doch sehen: Da hast du einen stabilen, über Jahrzehnte herausragend geführten Verein - und auf einmal ist vieles labil. Es gab am Ende doch gar keine Konstante mehr in der Mannschaft.

SZ: Sie meinen die Personalwechsel?

Butt: Ja, mein Fall ist nur eines von vielen Beispielen. Ich empfinde van Gaal nicht als Menschen, der mir bewusst etwas angetan hat. Nehmen Sie aber Bastian Schweinsteiger: Der hört das auch nicht gern, wenn sein Trainer öffentlich erklärt, man müsse ihn, falls er den Vertrag nicht verlängert, verkaufen. Es kann nicht sein, dass ein leitender Angestellter in einem funktionierenden Verein alles umwerfen will. Der FC Bayern hat eine sportliche Linie gesucht - aber niemanden, der den Verein übernehmen will. Das Problem war, dass er nicht bereit war, die Identität des Vereins anzunehmen.

SZ: Wie kommt es dann, dass sich Schweinsteiger und viele andere bis zuletzt positiv über van Gaal äußerten?

Butt: Da darf man nichts durcheinanderbringen. Louis van Gaal ist fachlich sicher einer der besten Trainer, die ich hatte. Das denken alle Spieler bei uns - auch die, die mit ihm Probleme hatten. Nur hat er am Ende eben nicht mehr rein sportlich entschieden. Er hat Entscheidungen getroffen, die tief in die Vereinspolitik hineingingen. Und wenn es plötzlich Lager gibt im Verein und dann noch der sportliche Erfolg ausbleibt - dann kommt es zu Reaktionen wie bei uns.

SZ: Gab es keine Möglichkeit, ihm zu sagen: Trainer, alles super, aber können Sie nicht etwas weniger radikal handeln?

Butt: Es gab ja diese Gespräche, ich hatte mit ihm auch mal ein sehr gutes, ganz am Anfang, als ich die Nummer zwei hinter Michael Rensing war.

SZ: Was haben Sie ihm gesagt?

Butt: Ich hab ihm gesagt, wie sein Auftreten auf die Mannschaft wirkt. Er war sehr laut in dieser Zeit, was einige eingeschüchtert hat. Er hat mir zugehört und das auch angenommen. Zwei Tage nach unserem Gespräch hat er sich vor die Mannschaft gestellt und gesagt: Ich will nicht eure Persönlichkeit als Spieler verändern, jeder darf seine Identität behalten - aber im Sinne meiner Philosophie. Und das ist ja auch völlig in Ordnung.

SZ: Aber das hielt nicht lange an?

Butt: Wir waren im ersten Jahr sehr erfolgreich, sicherlich dank seiner sehr guten Arbeit. Aber vielleicht hat er den Erfolg ein bisschen sehr auf sich bezogen.

SZ: Und dann kam zum Vorschein, was Hoeneß "beratungsresistent" nennt.

Butt: Van Gaal hat sich im Grunde selbst charakterisiert. Er hat gesagt: "Wenn ich zu Ajax Amsterdam zurückkehre, dann nur, wenn ich das alleinige Sagen habe." Das ist seine Motivation: der ganzen Welt zu zeigen, dass er der Beste ist. Das wäre nicht nötig, weil man ja ohnehin merkt, wie gut er fachlich ist.

SZ: Diese Radikalität produzierte auch Verlierer. Erst Sie, nun Kraft.

Butt: Vielleicht empfindet Thomas das so, aber ich sehe das anders. Ich habe erwartet, dass es Probleme geben wird, und es spricht für den Thomas, dass das sehr lange gut gegangen ist. Er hat das gut gemacht. Er ist kein Verlierer.

SZ: Warum haben Sie das erwartet?

Butt: Bei Bayern kannst du nicht von heute auf morgen einen unerfahrenen Mann ins Tor stellen. In anderen Städten geht das - aber nicht hier, bei diesem Druck. Du musst hier lernen, die Dinge auszublenden, das hätte ein Olli Kahn mit 20 nicht gekonnt, ich auch nicht. Einen Feldspieler wie Diego Contento kannst du auch mal rausnehmen, wenn er einen Hänger hat, da sagt keiner was. Aber du kannst nicht alle fünf Spiele den Torwart wechseln.

SZ: Im Grunde haben Sie gerade ein Plädoyer für Manuel Neuer gehalten.

Butt: Manu hat das eben schon erlebt, dass man Fehler macht und in Frage gestellt wird. Er hat inzwischen unglaublich viel Erfahrung auf hohem Niveau. Er ist die Nummer eins in Deutschland, hat eine gute WM gespielt. Mit ihm kannst du eine Ära prägen.

SZ: Sie werden nun aufhören, wenn Neuer nach München kommt, wohl schon diesen Sommer oder eben 2012. Sie werden nach der Karriere Nachwuchs-Chef der Bayern, wobei Sie dann auch für die zweite Mannschaft zuständig sind. Sie wird künftig vom Interimstrainer und Van-Gaal-Vertrauten Andries Jonker betreut - ist das der Versuch, ein bisschen van Gaal im Klub zu behalten?

Butt: Der FC Bayern hat viel von Louis van Gaal profitiert. Andries Jonker ist stark von van Gaal geprägt, das soll er einbringen. Und er hat uns jetzt einfach mal Freiheiten im Training gegeben, das war in unserer Situation mal wichtig. Aber er soll und wird nicht die Ajax-Schule hier verankern. Ich glaube, dass der Verein viel von van Gaal übernehmen und lernen sollte. Aber die Identität des FC Bayern muss erhalten blieben.

SZ: Dazu zählt auch die Anwesenheit in der Champions League. Sehen Sie nach dem 5:1 über Leverkusen sogar noch Chancen auf Platz zwei?

Butt: Sechs Punkte auf Leverkusen ist schon ein großer Rückstand bei vier Spielen, und Hannover ist nur einen hinter uns. Wir sollten zusehen, erst mal diesen Abstand zu vergrößern. Aber dass Leverkusen hier 1:5 verliert, obwohl sie realistische Chancen hatten, Dortmund unter Druck zu setzen, hätte ich nicht gedacht

SZ: Sie waren sechs Jahre in Lever- kusen, wie kann man diese sonderbare Tradition des Scheiterns erklären?

Butt: Ich will jetzt nicht über Leverkusen reden, aber sagen wir mal so: Es ist kein Zufall, dass der FC Bayern so erfolgreich ist. Hier ist nie einer zufrieden, und nach einem tollen Spiel in der Champions League ist das keinem egal, wenn du drei Tage später irgendwo nur unentschieden spielst. Ohne diesen Druck kannst du keinen Erfolg haben.

SZ: In München fliegen nach Unentschieden die Trainer, wie jetzt van Gaal.

Butt: Ja, aber ausschlaggebend war nicht dieses Unentschieden. Sondern die Entwicklung in den Monaten davor.

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