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FC Bayern:Flick sucht die Versöhnung mit Lauterbach

Bayern München - Arminia Bielefeld

Bayern-Trainer Hansi Flick hat seine Meinung geäußert - jetzt gibt es mit Karl Lauterbach einiges zu klären.

(Foto: Andreas Schaad/dpa)

Nach dem wilden 3:3 gegen Bielefeld muss der Trainer der Bayern weniger über das Spiel sprechen - vor allem geht es um jene Debatte, die er tags zuvor selbst ausgelöst hatte.

Von Philipp Schneider

Manchmal erkennt man eine Schieflage der Dinge daran, dass Themen plötzlich merkwürdig gewichtet werden. Wenn auf einmal ein Graben klafft zwischen dem, was besprochen werden müsste - und dem, was tatsächlich diskutiert wird.

Am späten Montagabend saß Hansi Flick, der Trainer des FC Bayern München, auf dem Podium - nach einer erinnerungswürdigen Partie. Während der 90 Minuten hatten sich die Geschichten getürmt wie der Schnee, den die fleißigen Helfer in der ersten Halbzeit mit ihren Räumschippen während zwei Spielunterbrechungen vom Rasen an den Seitenrand geschoben hatten. Wenn der FC Bayern nur 3:3 spielt gegen eine Mannschaft wie Arminia Bielefeld, der man wohl nicht zu nahe tritt, wenn man sagt, dass sie sich am anderen Ende der Nahrungskette bewegt als die Münchner - dann ist das erfahrungsgemäß ein Auslöser umfassender Diskussionen.

Aber nach diesem Unentschieden im Schneegestöber musste Flick den Großteil der Redezeit darauf verwenden, eine Debatte fortzuführen, die er am Vortag selbst eröffnet und die deutschlandweit Menschen elektrisiert hatte. Vielleicht sei es "ganz gut, wenn ich mich mal mit dem Karl Lauterbach ausspreche. Nicht in einer Talkshow, persönlich unter vier Augen", sagte also Flick. Er habe nicht erwartet, dass seine Aussagen, die "aus der Emotionalität heraus" entstanden seien, derart hohe Wellen schlagen würden.

Flick will mit SPD-Mann Lauterbach sprechen

Nicht in einer Talkshow, sondern auf der Pressekonferenz vor dem Bielefeld-Spiel, hatte Flick argumentiert, der Talkshow-übergreifend allgegenwärtige Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach, der in diesen finsteren Tagen strenggenommen der Überbringer der schlechten Nachrichten ist, trage in diesen ansteckenden Zeiten zu wenig zur Problemlösung bei. Lauterbach war immer wieder mal mit kritischen Bemerkungen zu der Vielzahl von Ausnahmeregelungen aufgefallen, die der Spitzensport, insbesondere der Fußball und damit dessen blinkendes Kronjuwel, der FC Bayern, derzeit genießt. Flick klagte, Lauterbach habe "immer zu irgendwas einen Kommentar abzugeben". Es wäre wesentlich zielführender, schlug der Fußballtrainer vor, wenn Politik und Experten für die Bevölkerung eine Perspektive schaffen würden, einen Ausweg aus der Pandemie.

Am späten Montagabend warb Flick dann um Verständnis dafür, dass er diese Debatte "Flick vs. Lauterbach" überhaupt eröffnet hatte. Er habe am Sonntag nicht nur als Trainer, sondern auch als Familienvater, Großvater und ehemaliger Unternehmer gesprochen. Dazu muss man wissen, dass Flick, bevor er Trainer der Bayern wurde, insgesamt 22 Jahre lang ein Sportgeschäft geführt hat. Knapp vier Jahre ist es inzwischen her, dass er den Laden "Hansi Flick Sport und Freizeit" in Bammental, einer kleinen nordbadischen Gemeinde zwischen Heidelberg und Sinsheim, zugesperrt hat.

Deshalb könne er nachempfinden, wie sich all die Unternehmer fühlen, die derzeit damit klarkommen müssen, dass ihre Geschäfte im Lockdown geschlossen sind: "Die Pandemie ist für uns alle eine wahnsinnige Belastung. Das nagt an uns allen, da wird man ein bisschen müde. Viele Menschen leiden, haben extreme Ängste", sagte Flick.

Für die größte Verwunderung hatte jedoch gesorgt, dass er Karl Lauterbach als "sogenannten Experten" bezeichnet hatte, obwohl der seinem Studium der Humanmedizin einst noch eines der Gesundheitsökonomie mit Schwerpunkt Epidemiologie in Harvard folgen ließ. Er sei "keiner, der einen Menschen, wenn er einen nicht kennt, in so ein Licht stellen möchte", stellte Flick am Montagabend klar. Grundsätzlich stehe er zwar zu seinen Aussagen, aber: "Das ein oder andere könnte man anders formulieren." Er wisse auch "ganz genau, dass der Fußball sehr privilegiert ist".

Am Sonntag, in den Stunden nach seinen Aussagen, habe er "einige Nachrichten" erhalten, erzählte Flick, "die ein bisschen böser sind". Er sprach von einer "extremen" Erfahrung. "Damit muss ich leben, ich komme gut damit zurecht und habe kein Problem damit."

Ob diese Nachrichten so niederträchtig waren wie jene, die Lauterbach seit Beginn der Pandemie erhält, ist unklar. Dass der Politiker kein Problem mit diesen Drohungen habe, lässt sich jedenfalls nicht behaupten. Am Sonntag twitterte Lauterbach: "Erneut rollt eine Hasswelle über mich im Internet, mit Morddrohungen und Beleidigungen, die schwer zu ertragen sind. Immer wieder Aufrufe zur Gewalt. Meine Büroschreibtische sind voll von Anzeigen und Ermittlungsgefahren. Es ist immer der Versuch, warnende Stimmen einzuschüchtern."

Das Gesprächsangebot von Flick nahm er trotzdem an: Am Dienstag schrieb er: "Sehr gerne spreche ich mit Hansi Flick. Seine Kritik nehme ich sportlich. Verständlicherweise liegen bei vielen derzeit Nerven blank." Dass die Nerven auch im Fußballbetrieb blank liegen, der ja fast so weitermachen darf wie vor der Pandemie, mag erstaunen. Aber Flick hatte ja gesprochen als Familienvater, als Großvater und ehemaliger Unternehmer.

© SZ/mok/bek
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