Münchner Aus im DFB-Pokal:Gladbach 5, Bayern 0

Eine Sensation im XXL-Format: Die Borussia aus Mönchengladbach fügt dem FC Bayern die höchste Pokalniederlage seiner Geschichte zu - und hätte noch mehr Tore schießen können. Sportvorstand Salihamidzic spricht von einem "kollektiven Blackout".

Von Philipp Selldorf, Mönchengladbach

Um 22:38 Uhr war Schluss im Borussia-Park. Schiedsrichter Tobias Stieler zeigte es ordnungsgemäß mit einem schlichten Pfiff an, aber eigentlich hätte er einen Fanfarenstoß tun müssen, denn er hatte ein Spiel geleitet, das - jawohl! - in die Geschichte des DFB-Pokals und des deutschen Fußballs eingeht.

Dass Borussia Mönchengladbach den FC Bayern an einem besonderen Abend besiegen könnte, das hat man wohl für möglich gehalten, aber dass sie das mit 5:0 tun würde, sicherlich nicht. Aber so war es: Gladbach 5, Bayern 0, eine Sensation in XXL, und der in Quarantäne befindliche Cheftrainer Julian Nagelsmann dürfte angesichts der konfusen Leistung seiner Mannschaft einiges Porzellan in seiner Küchen-Kommandozentrale zerdeppert haben. Es war die höchste Niederlage in der langen Pokalgeschichte des Rekordpokalsiegers und überhaupt die höchste Pleite seit einem 1:7 gegen Fortuna Düsseldorf im Dezember 1978.

"Ich bin absolut schockiert. Wie waren einfach nicht da", sagte Sportvorstand Hasan Salihamidzic nach dem Spiel in der ARD. "Wir haben uns in jeder Situation den Schneid abkaufen lassen. Ein kollektiver Blackout", sagte Salihamidzic.

Die Bayern haben noch nie so hoch verloren im Pokal

Es war nicht so, dass die Bayern keine Ehrfurcht hervorgerufen hätten, als sie sich am Mittwochabend im Borussia-Park präsentierten. Als Niklas Süle aus zwanzig Metern den Ball volley in die Ecke zimmerte, war das Raunen auf den Rängen beachtlich. Aber das Problem bestand darin, dass dieses Meisterstück beim Einspielen stattfand, und das vielleicht noch größere Problem für die Münchner war, dass Süle auf dem Aufstellungszettel lediglich an hinterer Stelle auftauchte.

Der Nationalspieler, der zuletzt zuverlässig geglänzt hatte in der Hintermannschaft des FCB, bekam eine Pause auf der Reservebank. Dayot Upamecano und Lucas Hernández bildeten diesmal das Paar in der Zentralverteidigung, und dass sie dabei geglänzt hätten oder wenigstens durch Zuverlässigkeit aufgefallen wären, das lässt sich nicht mal beim Blick durch die Uli-Hoeneß-Oberfan-Brille behaupten.

Eine Minute und neunzehn Sekunden vergingen, bis Upamecano das erste Mal eine unglückliche Figur abgab, im Zweikampf mit Breel Embolo hatte er das Nachsehen, den Schuss zum 1:0 überließ der schweizerische Stürmer dem französischen Kollegen Emmanuel Koné.

Dass die übermächtigen Bayern mal kalt erwischt werden, das kommt schon mal vor, aber dieses Mal war es ein Schock mit Tiefenwirkung - und mit Methode. Die Gladbacher machten keine Anstalten, ihre schnelle Beute zu sichern, sie überraschten ihren Gegner mit aggressiven Dauerattacken, der Blick richtete sich dabei immer aufs Münchner Tor. Zum 2:0 fehlte schon ein paar Minuten später nicht mehr viel: Jonas Hofmann war Upamecano enteilt und lief allein auf Manuel Neuer zu. Ob Upamecanos spätes Eingreifen bei Hofmanns gescheitertem Schussversuch ganz legal war, blieb diskutabel, die Beschwerden des Gladbacher Angreifers blieben unerhört.

Münchner Aus im DFB-Pokal: Nicht zufrieden: Joshua Kimmich.

Nicht zufrieden: Joshua Kimmich.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Allmählich begannen die Leute sich an dieses komplett verkehrte Drehbuch zu gewöhnen, und dabei sollte es nun bis zum Schluss bleiben. Das 2:0 durch Rami Bensebaini (15.) war schon keine abenteuerliche Überraschung mehr, nachdem Neuer gerade erst einen Schuss von Embolo grandios über die Latte gelenkt hatte. Sensationell war nur der sehenswerte Hergang des Tores, die Kombination über Joe Scally, Embolo und Hofmann. Bayerns Verteidigung schaute ungläubig zu.

Selbst Welttorwart Manuel Neuer wird von den Gladbachern verladen

Die Münchner forcierten hektisch ihre Bemühungen, ins Spiel zurückzukommen, aber stattdessen gerieten sie immer mehr auf die schiefe Bahn. Der nächste fatale Klops im Deckungszentrum ging auf die Rechnung von Hernández, der alles andere als frei aufspielte. Statt Ball traf er Embolo, Schiedsrichter Tobias Stieler zögerte nicht mit dem Elfmeterpfiff und Bensebaini verlud den Welttorwart Neuer mit der Nervenstärke eines erfahrenen Panzerknackers (21.).

Die Bayern versuchten weiterhin eine Antwort auf diesen Überfall zu finden, aber sie suchten vergeblich, obwohl sich die Borussia ein wenig zurückzog. Bis zur Pause gab es keine ernsthafte Torchance zu verzeichnen, und altgediente Bayern-Mitarbeiter suchten in ihrem Gedächtnis nach vergleichbaren Erlebnissen. Sie landeten in grauen Vorzeiten der Nullerjahre. Höchste Niederlage im Pokal bisher: ein 1:5 beim 1. FC Köln 1972.

Die Angst vor der unkaputtbaren Münchner Maschinerie war dennoch im Stadion zu spüren. Konnte man diesem Glück trauen? Lange vor dem Wiederanpfiff standen die Roten auf dem Rasen, als ob sie die Aufholjagd gar nicht abwarten könnten. Ein paar brenzlige Minuten mussten die Gladbacher tatsächlich überstehen, Yann Sommer fischte einen Goretzka-Schuss aus der Ecke, Gnabry verzog beim Torschuss, doch in der 51. Minute war das alles kein Thema mehr, als Embolo, unwiderstehlich wie vielleicht nie zuvor, das 4:0 nachlegte.

Wieder hatten Hernández und Upamecano eher eine Komödie im Duett aufgeführt als seriös ihren Verteidiger-Beruf ausgeübt. Für Upamecano war folgerichtig kurz darauf Feierabend. Zu spät. Und auch der eingewechselte Süle konnte nicht verhindern, dass Embolo nach einem von zahlreichen Abspielfehlern im Münchner Mittelfeld ein weiteres Tor schoss (57.). 5:0 stand auf der Anzeigetafel, und es war kein Regiefehler.

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