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FC Bayern:Next-level-Hansi

FC Bayern München: Hansi Flick und Corentin Tolisso beim Spiel gegen den VfB Stuttgart

Hansi Flick (r.) mit Corentin Tolisso.

(Foto: dpa)

Hansi Flick steht vor seinem nächsten Schritt als Bayern-Trainer: Nach all den Titeln muss er mit seinen Spielern nun durch die Mühen der Ebene - und lebt eine klaglose Seriosität vor.

Von Christof Kneer, Stuttgart

Die Würde des Reklamierarms ist unantastbar, ihn zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt: So lautet ein Artikel des internationalen Fußball-Grundgesetzes. Hätte Tanguy Coulibaly das nicht wissen müssen? Jedenfalls zupfelte der 19-jährige Franzose den heiligen Torwart des FC Bayern tatsächlich kurz am Ärmelchen, Manuel Neuer strauchelte, ließ den Ball aus seinen himmlischen Händen rutschen, direkt vor die Füße des irdischen Philipp Förster, der den Ball zum 2:1 für den VfB Stuttgart ins Tor schoss. Förster jubelte dann sogar, hätte er es nicht ebenfalls besser wissen müssen?

Was er nicht sehen konnte: Während er enthemmt Richtung Eckfahne rannte, hatte Neuer den Arm, an dem er gerade noch gezupfelt worden war, bereits standardmäßig zum Reklamieren erhoben.

Für diese Geste ist Manuel Neuer inzwischen berühmt, er weiß ja, wie wirksam die Autorität eines Welttorhüters ist. Wenn der Neuer protestiert, dann wird schon was gewesen sein ... Diesmal verlieh er seiner Autorität noch weiteren Nachdruck, indem er den Ball sehr lässig ans Eck des Fünfmeterraums legte. So, als sei es völlig selbstverständlich, dass es jetzt Freistoß gibt.

Es gab dann auch Freistoß. Nach kurzer Konsultation des Bildschirms am Spielfeldrand befand Schiedsrichter Harm Osmers das Zupfeln für strafwürdig.

Goretzka ist "definitiv sehr müde"

Ob dieser Moment der spielentscheidende war bei Bayerns 3:1 in Stuttgart, dürfte indessen auch der Bildschirm am Spielfeldrand nicht eindeutig beantworten können. Derselbe Förster hatte ja nach Stuttgarts hübsch herausgekonterter 1:0-Führung durch denselben Coulibaly (20.) zwei weitere große Chancen zum 2:0 ausgeschlagen, einmal scheiterte er dabei frei stehend an Neuers Parierarm. Wie die Bayern bei diesem sehr lebhaften Aufsteiger wohl mit einem 0:2-Rückstand umgegangen wären?

Man weiß es nicht. Was man aber weiß: Eine Aufholjagd hätte noch mehr Kraft gekostet. Noch mehr Kraft, als die Bayern ohnehin aufwenden mussten, um jenen Ballverlusten hinterherzurennen, die sich inzwischen in ihr Spiel geschlichen haben. Es sind nicht viele Ballverluste, jede andere Elf wäre stolz darauf, aber es sind zu viele, als dass die Bayern es akzeptieren könnten. Sie sind das nicht von sich gewohnt.

"Das ist aktuell unser Thema", sagte Leon Goretzka nach dem Spiel, "wir machen mit Ball zu viele Fehler und laden den Gegner ein." Aber was ist das für ein Luxusproblem: Die Bayern können sich solche Einladungen dank ihrer herausragenden individuellen Qualität ja (meistens) erlauben - auch, weil sie sich wieder eine unbarmherzige Effizienz angewöhnt haben, die es ihnen erlaubt, kleine Räume brutalstmöglich zu nutzen. Kingsley Coman (38.), Robert Lewandowski (45.) und Douglas Costa (87.) brauchten je eine Chance für je ein Tor, und so kam am Ende jener 3:1-Sieg zustande, der um zwei Tore zu hoch ausfiel.

Die Bayern seien "auf dem Zahnfleisch" dahergekommen, sagte Stuttgarts Kapitän Gonzalo Castro später - wer so was Frevelhaftes behauptet, kassiert von den Bayern zurzeit keinen Reklamierarm, sondern volle Zustimmung. "Konzentrationsschwächen, fehlende Frische im Kopf", so lautete die Selbstdiagnose von Dr. Goretzka, die er später mit einem Schmunzeln erneuerte. "Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf, aber ich bin definitiv sehr müde." Der Trainer wolle ja nicht, dass man öffentlich darüber rede, Müdigkeit solle ja keine Ausrede sein; aber soll man das jetzt leugnen, wenn es selbst der Kapitän des Gegners sagt?

Am kleinen Frage-Antwort-Spiel zwischen Mittelfeldspieler und Trainer ließ sich später ablesen, warum die Bayern wohl trotz ihres verrückten Drei-Tage-Taktes nicht in jene Herbstkrise stürzen werden, die sie unter den Trainern Niko Kovac und Carlo Ancelotti so beschäftigte. Herr Flick, ihr Spieler Goretzka hat gesagt, er sei müde!, versuchte ein Reporter den Trainer nach dem Spiel in einen Konflikt zu locken; aber offenbar verfügt auch der Trainer über einen funktionstüchtigen Parierarm, mit dem er die Frage lässig abwehrte.

Spektakulär unspektakulärer Pragmatiker

Wenn Leon das so sage, "muss man das einfach so stehen lassen", meinte Flick und begann, Goretzka dann erst mal gründlich dafür zu loben, dass er inzwischen nicht nur "die defensivere Sechserrolle angenommen", sondern in Vertretung des verletzten Nachbarn Joshua Kimmich "auch Leaderqualitäten gezeigt" habe.

Hansi Flick ist kein Showman und auch kein Drillmeister, er will nicht den eisernen Hans markieren, der seinen Spielern die Erschöpfung verbietet. Er ist ein spektakulär unspektakulärer Pragmatiker, der sich als Trainer eine kraftsparende Spielweise angewöhnt hat. Warum sollte er Substanz verlieren, indem er sich über einen Spielplan aufregt, den er eh nicht ändern kann? Wäre Flick ein Spieler wie Goretzka, so könnte man auch ihm nun attestieren, dass er gerade den nächsten Schritt macht.

Es ist der Next-level-Hansi, den Team und Öffentlichkeit gerade kennenlernen. Er ist nun nicht mehr der, der's angeblich leicht hat, weil er die Mannschaft vom ungeliebten Kovac erlöst, weil er sie endlich wieder nach ihrem Naturell spielen lässt, weil er nur einen Lauf moderieren muss (was alles schwer genug ist, übrigens).

Flick muss mit seinen Spielern jetzt durch die Mühen der Ebene, draußen ist es kalt, die Gegner sind heiß, die Plätze sind schmierig und die Helden überarbeitet. Flick hat beschlossen, nicht zu jammern und eine klaglose Seriosität vorzuleben, und in Neuer, Goretzka oder Thomas Müller findet er Verbündete, die diese Mentalität auf den Platz transportieren.

In Stuttgart humpelten nun auch noch Corentin Tolisso, Lucas Hernández, Jérôme Boateng und Javi Martinez vom Platz; ob sie am Dienstagabend bei Atlético Madrid mitspielen können, ist noch offen. Schwere Blessuren werden nicht erwartet, aber noch liegen keine Diagnosen vor. Fest steht allerdings bereits eines: Hansi Flick wird nicht lamentieren. Der Reklamierarm bringt ja höchstens auf dem Rasen was.

© SZ vom 30.11.2020/bek
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