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FC Bayern:Drei Punkte, vier Verletzte

Lucas Hernandez krachte im Spiel in die Bande - Robert Lewandowski kümmert sich.

(Foto: Thomas Kienzle/Afp)

Das 3:1 gegen Stuttgart zeigt, dass dem Rekordmeister die Klasse seiner Individualisten gerade reicht. Doch der Verschleiß macht sich bemerkbar.

Von Christof Kneer, Stuttgart

Natürlich haben sie auch in Stuttgart an Diego Maradona gedacht, und sie haben dabei sogar Bildmaterial aus dem eigenen Archiv verwendet. "In diesem Stadion feierte er einen seiner größten Erfolge", sagte der Stadionsprecher vor dem Spiel gegen den FC Bayern und ließ ein Bild auf die Anzeigentafel werfen, das einen großen und einen kleinen Helden zeigte. Der große Held war Diego Maradona, er trug das Trikot des SSC Neapel, und er schüttelte die Hand eines kleinen Helden, der die Nummer 7 trug und Maradona immerhin einen erstklassigen Kosenamen voraushatte. Karl Allgöwer, der "Wasen-Karle", führte den VfB Stuttgart als Kapitän im Mai 1989 ins Uefa-Cup-Finale gegen Maradonas Napoli, 3:3 endete die Partie in Stuttgart. Aber weil die Italiener das Hinspiel 2:1 gewonnen hatten, blieb den Stuttgartern später vor allem die Erinnerung, ihm ein großes Spiel geliefert zu haben, ihm, dem mutmaßlich Größten aller Großen.

Ja, die Stuttgarter waren mal eine ziemliche Nummer, in Europa sogar, und im Moment sind sie - immerhin - schon wieder so weit, dass sie von Europas bester Vereinsmannschaft Komplimente bekommen, die vielleicht sogar ernst gemeint sind. "Einen guten Ball" spiele dieser Aufsteiger, lobte Bayerns Thomas Müller nach dem Sieg beim VfB, "sie haben viele Spieler, die was Besonderes am Ball können". Von Thomas Müller weiß man das übrigens gar nicht so genau (also, ob er was Besonderes am Ball kann), aber das war an diesem niederträchtig kalten schwäbischen Nachmittag auch irgendwie egal.

Stuttgart vergibt zwei Großchancen zum möglichen 2:0

Die Bayern haben einen neuen Zustand erreicht, es ist keiner, den sie besonders lieben, aber sie haben ihren Frieden gemacht damit. Es ist ein Zustand, in dem es ausreicht, dass die meisten bayerischen Spieler was Besonderes am Ball können; im Moment muss das nicht mehr in jeder Spielsekunde sein, aber jene Augenblicke, in denen das Besondere blitzt, sind genug, um ein Ergebnis wie in Stuttgart zu erzielen: Die Bayern gewannen beim erstaunlich spielstarken Aufsteiger mit 3:1 (2:1) - es war ein Sieg, der, um es mal so zu sagen, zwei Tore zu hoch ausfiel.

"Einem Rückstand hinterherzulaufen, kostet viel Kraft, mental und körperlich, umso höher kann man den Sieg einordnen", sagte Leon Goretzka später, es war ein treffendes Fazit, aus dem sich eine bedrohliche Nachricht für den Rest der Liga ergab: nämlich, dass diese nicht unverdienten Siege der Bayern eine andere Farbe haben als früher. Selbst wenn die Münchner unter ihrem Niveau spielen, selbst wenn sie hinten ein bisschen fahrig sind und im Mittelfeld zu oft den eigenen Ballverlusten hinterher rennen: Selbst dann sind sie nicht mehr die Dusel-Bayern, denen Roy Makaay in der 88. Minute den Siegtreffer organisiert. Die Bayern im Herbst 2020 schaffen es, rührend und gleichzeitig grausam zu sein: Geradezu rührend ist es, wie sie weitgehend jammerfrei gegen ihre eigene Müdigkeit anspielen, gegen diesen Rhythmus, der sie jeden dritten Tag in ein Pflichtspiel zwingt. Ziemlich grausam ist es, wie sie am Ende halt doch diese Punkte mitnehmen.

Wie diese Partie wohl verlaufen wären, wenn Stuttgarts Startelf-Debütant Philipp Förster zumindest eine seiner beiden großformatigen Chancen aus der 35. und 36. Minute genutzt hätte? Erst verfehlte er Manuel Neuers Tor um wenige Zentimeter, eine Szene später scheiterte er freistehend am Nationaltorhüter - ein Tor zu diesem Zeitpunkt hätte das 2:0 bedeutet, denn der VfB lag nach einem zügigen Konter, eingeleitet vom selben Förster und vollendet vom 19-jährigen Tanguy Coulibaly, bereits 1:0 vorn (20.).

Zwei Minuten später fand Müller bei einem Konter Kingsley Coman, und dem reichte der Raum, den er hatte, zu einem Solo durchs Mittelfeld samt eiskalten Abschluss (38.). Solche Szenen sind es, mit denen die Bayern gerade durch ihre anstrengenden Wochen kommen: Die individuelle Klasse im Team ist so herausragend hoch, dass die Elf es sich auch mal leisten kann, gut zu arbeiten und sich ansonsten auf ein paar entscheidende Momente zu konzentrieren. Nach selbem Muster fiel das 2:1: Diesmal fand Coman den freien Raum, in den sich Robert Lewandowski davongestohlen hatte, und dem Mittelstürmer gelang mit knackigem Distanzschuss eines seiner seltenen Tore außerhalb des Strafraums. Zuvor hatte Schiedsrichter Osmers den Stuttgartern ein Tor aberkannt (39.): Neuer hatte den Ball nach einer Rückgabe nicht zu fassen bekommen, Förster hatte den Ball ins Tor geschoben - aber das Fernsehbild zeigte, wie Coulibaly den Bayern-Keeper zuvor am Ärmelchen gezupfelt hatte.

"Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf, aber ich war heute schon müde", sagt Leon Goretzka

"Am Limit" sei seine Mannschaft zurzeit, räumte Trainer Hansi Flick später ein, es war das Maximum dessen, was er einzuräumen bereit war. Flick klagt nicht gern, er will seinen Spielern kein Alibi verschaffen, aber an diesem Nachmittag wollte er Leon Goretzka dann doch nicht widersprechen. Man solle das ja eigentlich nicht als Ausrede benutzen, schmunzelte der Mittelfeldspieler, "ich weiß also nicht, ob ich das sagen darf, aber ich war heute schon müde". Wenn Leon das so sage, meinte Flick später und schmunzelte auch, "dann darf man das ruhig mal so stehen lassen".

Natürlich war Bayerns Trainer milde gestimmt, natürlich hatte er das Dortmunder 1:2 gegen Köln mitbekommen; umso größer wirkte am Ende ja dieser Bayern-Sieg, den der eingewechselte Douglas Costa kurz vor Schluss sicherstellte (87.) - natürlich wieder pünktlich, nachdem die ebenso begabten wie manchmal etwas naiven Stuttgarter ein paar gute Chancen zum Ausgleich missachtet hatten.

Am Dienstag geht es schon wieder weiter für die Bayern, in der Champions League bei Atletico Madrid, so viel ist gewiss. Ungewiss ist noch, wer alles mit auf Reisen geht. Corentin Tolisso musste mit einer Muskelverletzung ausgewechselt werden, auch Jérôme Boateng, Lucas Hernández und Javier Martínez gingen angeschlagen vom Platz; am Sonntag werden die Diagnosen erwartet. Und am nächsten Samstag kommt dann RB Leipzig nach München - Leon Goretzka wird noch ein bisschen durchhalten müssen.

© SZ/schm
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