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FC Bayern:Missbilligung am Ende eines Märchens

Flick und Salihamidzic

Ihre Wege werden sich trennen: Bayern-Trainer Hansi Flick (links) und Sportvorstand Hasan Salihamidzic.

(Foto: David Inderlied/dpa)

Auf die Abschiedsankündigung von Hansi Flick reagiert der FC Bayern mit einer Mitteilung, die das Zerwürfnis mit dem Trainer offensichtlich macht.

Von Javier Cáceres und Sebastian Fischer

Karl-Heinz Rummenigge erhob sich von seinem Sitzplatz im Wolfsburger Stadion wie nach einem Theaterstück, das ihn begeistert hatte. Bravo, rief er, nach dem 3:2 des FC Bayern gegen den VfL Wolfsburg, das so gut wie sicher die neunte Meisterschaft in Serie bedeutete. Er applaudierte. Den Höhepunkt der Aufführung verpasste er allerdings.

Der Vorstandschef des FC Bayern war schon auf dem Weg zum Privatflugzeug nach München, als Hansi Flick am Samstag im Wolfsburger Stadion für die Fernseh-Interviews wieder aus der Kabine kam. Der Mannschaft hatte der Trainer da soeben erzählt, was er danach bekanntgab: dass er, der mit dem FC Bayern demnächst den siebten Titel innerhalb von eineinhalb Jahren gewinnen dürfte, den Klub darum gebeten habe, seinen Vertrag im Sommer vorzeitig aufzulösen.

Spätestens da war eine beispiellose sportliche Erfolgsgeschichte zu einem beispiellosen Streit geworden. Spätestens da ging es nicht mehr um die glorreiche Gegenwart des deutschen Rekordmeisters, sondern um die unklare Zukunft.

Es war längst keine Überraschung mehr, dass Flick, 56, im Sommer nicht mehr in München weiterarbeiten würde. Seit Monaten ist sein Zerwürfnis mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic bekannt, in dem es zunächst um die unterschiedliche Bewertung von Spielern ging, die der FC Bayern verpflichtete, später um Einfluss und Mitsprache, die der Trainer einforderte - bis irgendwann ein irreparabel zerrüttetes Verhältnis zwischen zwei Männern übrigblieb. Seit Monaten schon reifte Flicks Entschluss, im Sommer aufzuhören - wohl schon bevor sich durch den angekündigten Rücktritt von Bundestrainer Joachim Löw nach der Europameisterschaft eine offensichtliche Alternative bot. Unter der Woche, nach dem Viertelfinal-Aus in der Champions League gegen Paris Saint-Germain, informierte er den Vorstand darüber.

Auf den berüchtigten Fluren der Geschäftsstelle an der Säbener Straße geht es um die Macht beim FC Bayern

Rummenigge, 65, war der Einzige aus der Chefetage, der in den vergangenen Wochen das schier Unausweichliche noch abzuwenden versuchte, jedenfalls seinen öffentlichen Aussagen zufolge. Er, der am Jahresende scheidende Vorstandschef, hatte Flick gegen alle Wahrscheinlichkeiten noch gestützt. "Wir wären ja verrückt, wenn wir jetzt unseren Trainer vorzeitig gehen lassen würden", hatte er unter anderem gesagt. Doch am Sonntag war es damit dann auch vorbei. Da stand der gesamte "Vorstand der FC Bayern München AG" als Urheber unter einer Klub-Mitteilung, die deutlicher kaum formuliert sein konnte. "Der FC Bayern missbilligt die nun erfolgte einseitige Kommunikation durch Hansi Flick", stand darin.

Als Flick am Donnerstag beim Vorstand vorgesprochen hatte, sei vereinbart worden, zunächst die kommenden drei Spiele abzuwarten, um den Erfolg in der Bundesliga nicht zu gefährden - und die Unterredungen nach der Partie gegen Mainz 05 am kommenden Wochenende fortzuführen. Von einem "kurzen Gespräch" hatte Flick schon tags darauf in der Pressekonferenz erzählt, ohne auf die Inhalte einzugehen. Der Grund, aus dem Flick dann am Samstag die Absprache brach, hatte allerdings nicht nur mit dem Sieg gegen Wolfsburg zu tun, der den Vorsprung auf Verfolger RB Leipzig auf sieben Punkte erhöhte. Er habe die Mannschaft informieren wollen, bevor sie durch den "Flurfunk" von seiner Entscheidung zu erfahren drohte.

Dort, auf den berüchtigten Fluren der Geschäftsstelle an der Säbener Straße ging es längst nicht mehr nur um den Streit zwischen Flick und Salihamidzic. Dort geht es seit jeher um die Macht beim FC Bayern. Und während Rummenigge wohl noch lange zu Flick hielt, war es zunehmend auch Ehrenpräsident Uli Hoeneß, der seinen Einfluss geltend machte und Salihamidzic stützte. Oliver Kahn, der zum Jahresende den Vorstandsvorsitz von Rummenigge übernimmt, sah offensichtlich keinen Sinn darin, noch um Flick zu kämpfen.

VfL Wolfsburg - Bayern München

Matchwinner beim Sieg gegen Wolfsburg: Doppeltorschütze Jamal Musiala.

(Foto: Michael Sohn/dpa)

Es ist nicht nur der Trainer, der den Umgang im Klub in diesen Tagen befremdlich findet. Miroslav Klose, Flicks Assistent, der schon in seiner Zeit als Jugendtrainer beim FC Bayern mit Salihamidzic aneinandergeriet, sagte der Bild-Zeitung, es mache ihn "wirklich nachdenklich", wie "hier gerade miteinander kommuniziert wird". Klose, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft, gilt auch als möglicher Assistent Flicks, sollte der Nationaltrainer werden.

Auch Flick selbst setzte am Samstag allerdings wieder eine Spitze, wie schon in den vergangenen Wochen. Seine Entscheidung sei "nicht einfach" gewesen, sagte er in der Pressekonferenz. Der Verein habe ihn schon seit seiner Kindheit begleitet, "ich war Fan. Ob das Gerd Müller oder Paul Breitner oder Kalle Rummenigge waren - alles meine Idole zur Jugendzeit". Er sprach seine "ewige" Dankbarkeit aus dafür, Trainer beim FC Bayern geworden zu sein, adressiert an "Kalle, Uli oder Herbert Hainer", den Präsidenten. Salihamidzic erwähnte er nicht.

Wer kommt nun: Nagelsmann? Ten Hag? Oder gar Allegri?

Umso mehr betonte der Trainer sein Zusammengehörigkeitsgefühl mit der Mannschaft, "die eine enorme Qualität und Mentalität hat", und seinem Trainerteam. Er lobte den zweimaligen Torschützen Jamal Musiala für seine Arbeit am Kopfballpendel mit Assistenztrainer Hermann Gerland. Und die Spieler lobten zurück. "Das müssen wir als Mannschaft erst einmal verarbeiten, weil wir eine sehr erfolgreiche und schöne Zeit hatten", sagte Manuel Neuer. "Er hat sehr viel Energie gelassen in den intensiven vergangenen eineinhalb Jahren", sagte Thomas Müller, seit 21 Jahren im Verein, über Flick: "Als Trainer beim FC Bayern braucht man grundsätzlich ein dickes Fell."

Es trug dabei wohl auch zur gewachsenen Protesthaltung Flicks bei, dass Julian Nagelsmann von RB Leipzig seit Wochen als ein Trainer gilt, dem Salihamidzic die Aufgabe des Bayern-Coachs zutraut. Es wird nun zwar auch mit Namen wie Erik ten Hag spekuliert, dem Trainer von Ajax Amsterdam, der beim FC Bayern einst die zweite Mannschaft trainierte. Auch Massimiliano Allegri, den früheren Trainer von Juventus Turin, halten manche offenbar für einen Kandidaten. Doch es ist Nagelsmann, über dessen Situation sich die Münchner bereits mit dessen Arbeitgeber ausgetauscht haben sollen.

Der gebürtige Bayer hat zwar bei RB Leipzig noch einen Vertrag bis 2023, und er wehrt sich seit Wochen überzeugend auf Nachfragen zu einem möglichen Wechsel zum FC Bayern. "Es gibt und gab keine Gespräche und kein Angebot. Deswegen weiß ich nicht, was der Wunsch von Bayern ist", sagte er auch in einer Pressekonferenz in Leipzig am Sonntag und wiederholte, wie er schon in den vergangenen Tagen betont hatte, einen Wechsel keinesfalls erzwingen zu wollen: "Dass ich keinen Krieg anfange mit meinen Vertragspartnern - das ist immer noch so."

Als er an anderer Stelle allerdings über eine Zusammenarbeit mit seinen Vorgesetzten in Leipzig sprach, wirkte es fast schon offensichtlich wie ein Kontrast zur Situation von Flick in München, der ein Veto-Recht bei Transfers eingefordert hatte.

Er sei ein Trainertyp, "der immer die Meinung des Klubs für wichtiger hält als die des Trainers", sagte Nagelsmann. Natürlich sei es wichtig, die Wünsche des Trainers anzuhören, "das ist wertvoll". Doch er sei "keiner, der aus allen Wolken fällt, wenn der Klub mal einen strategischen Transfer macht, der mich oder uns ad hoc nicht so viel weiter bringt. Das gehört dazu, das ist die Aufgabe eines Vereins".

Ob das eine Bewerbungsrede war oder nur so klang? Auf den Fluren des FC Bayern, so viel ist sicher, würden die entscheidenden Personen damit übereinstimmen.

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