FC Bayern Carletto, der Mittelgroße

"Deutscher Fußballmeister, deutscher Fußballmeister, deutscher Fußballmeister ... Eff-Ce-Beeeh": Auch Bayern-Coach Carlo Ancelotti singt mit.

(Foto: dpa)
  • Der FC Bayern ist wieder Deutscher Meister, Trainer Carlo Ancelotti feiert einen besonderen Titel.
  • Er hat als Fußballtrainer nun Trophäen in fünf Ländern gewonnen.
  • Einen Makel allerdings hat seine Bilanz aus Münchner Sicht.
Von Javier Cáceres, Wolfsburg

Als das Spiel in Wolfsburg vorüber war, legte Carlo Ancelotti ein glaubwürdiges Zeugnis seiner Integration ab. "Deutscher Fußballmeister, deutscher Fußballmeister, deutscher Fußballmeister ... Eff-Ce-Beeeh", sang Ancelotti und tanzte vor der Kurve der Arena, in der die Bayern-Fans standen, etwas ungelenk auf und ab. Und nicht nur das: Sämtliche Eitelkeit hatte er fallen lassen, unter das Sakko seines Anzugs hatte er dieses rote T-Shirt gezogen, das mit einer offenen, weißen Hand bedruckt war und den fünften Meistertitel in Serie symbolisieren sollte. Zuvor hatte er den Klubchef Karl-Heinz Rummenigge so innig geherzt, dass nur noch ein Bruderkuss russischer Bauart fehlte.

Hier ist einer, sollte das wohl heißen, der sich als Teil des Ganzen fühlt, obwohl er doch erst seit dem vergangenen Sommer in München ist: Ich, Carletto.

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27 nationale Meistertitel hat der FC Bayern nun gewonnen, und dass die letzten fünf davon aneinandergereiht wurden, stellt eine nie dagewesene Bestleistung in der Bundesliga-Geschichte dar. Es war aber nur der eine Rekord, der am Wochenende nach dem 6:0 in Wolfsburg zu begutachten war. Der andere Rekord gehörte Ancelotti. Er hat nun in vier verschiedenen Ligen Meistertitel geholt - in Italien mit dem AC Mailand, in England mit dem FC Chelsea, in Frankreich mit Paris St. Germain, in Deutschland mit dem FC Bayern. Und weil er mit Real Madrid einen Champions-League-Titel folgen ließ, kann er nun behaupten, in fünf verschiedenen Ländern Silberware abgeräumt zu haben.

Welcher Ancelotti ist nun der wahre Ancelotti?

"Es fehlt ihm nur noch ein Titel in Amerika, um ihn den neuen Garibaldi nennen zu können, einen Helden zweier Welten", schwärmte Villiam Vecchi, der viele Jahre die Torhüter der Ancelotti-Teams präparierte. Vecchis Interpretation der Zahlen ist die eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen, es gibt auch eine andere. Denn man könnte ebenso festhalten, dass Ancelotti in 22 Jahren als Coach nur vier nationale Titel geholt hat - obwohl er mit Ausnahme des AC Reggiana (1995/96) ausschließlich bei Klubs angestellt war, die Herrscher ihrer jeweiligen Liga waren und auf reiche, einflussreiche Machthaber zählen konnten. Ancelotti war beim AC Parma des Callisto Tanzi, bei der Juve der Agnellis, bei Silvio Berlusconis AC Milan, dem FC Chelsea des Roman Abramowitsch, dem Paris St. Germain von Scheich Hamad al-Thani - und dem Real Madrid des Florentino Pérez.

Welcher Ancelotti nun der wahre Ancelotti ist? Ist er ein Carletto der Große, weil er wie Karl der Große halb Europa unterworfen hat? Oder ist er eher der Ancelotti, der es schaffte, Paris St. Germain als Tabellenführer der französischen Liga zu übernehmen und dann die Meisterschaft an Montpellier zu verspielen?

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Beim FC Bayern, der als Hegemonialmacht der Bundesliga in die Reihe der vorgenannten Klubs so sehr passt, wie er sich aus vielen anderen Gründen von ihnen unterscheidet, haben sie sich einstweilen für die Karl-der-Große-Version entschieden - vielleicht auch, weil sie aktuell keine andere Wahl haben. "Er hat es in diesem Jahr gut gemacht, sonst wären wir nicht drei Spieltage vor Schluss und mit zehn Punkten Vorsprung als Meister vom Platz gegangen", sagt Rummenigge. Doch das kann kaum kaschieren, dass die Bayern das Pokalfinale zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt nur auf der Couch anschauen dürfen - und dass man einen Champions-League-K.-o. in Madrid bilanzieren muss, der nicht nur einer denkwürdigen Schiedsrichter-Leistung (Rummenigge: "Wir sind beschissen worden!"), sondern auch einigen diskutablen Coaching-Aktionen Ancelottis geschuldet war.