European Championships in München:Spielen erlaubt!

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Olympiapark in München

Das Münchner Olympiastadion aus der Ferne - wer im August zu den European Championships den Weg hierher findet, wird an 1972 erinnert.

(Foto: Alexander Pohl/Imago)

"Back to the Roofs": 50 Jahre nach den Sommerspielen 1972 kehrt die Vielfalt des Sports unter das berühmte Dach des Münchner Olympiaparks zurück. Schaut auch der olympische Geist mal wieder vorbei?

Von Volker Kreisl

Eine schiefe Ebene. Ein Betonkeil, der aus dem Boden ragt. Was kann man damit anfangen? Raufklettern, runterrutschen, freihändig raufsteigen, runterrutschen, rauflaufen, runterlaufen, ausruhen und: schauen. Aus dem Betonkeil ragt etwas heraus, ein Seil, nein, es ist mehr: ein fettes Tau aus Metall, Stahl wahrscheinlich, dick wie ein Mast. Das Tau führt nach oben, in Richtung Himmel, und es ist da oben an einem riesigen durchsichtigen Zelt befestigt, auf dem die Sonne glitzert, ein Zelt, das aussieht wie die Berge im Winter.

Es sind nicht nur die Kinder, die spielen und staunen im Münchner Olympiapark. Alles ist in Bewegung, ziemlich viel wird gehämmert und akkugeschraubt, an Bühnen, Buden und Sportstätten. Lastwagen stehen quer, Lichterketten werden montiert, Lautsprecherboxen sind bereits aufgetürmt, alles skeptisch beobachtet von einer gewaltigen Schar wilder Graugänse, die sich ordentlich verteilt haben auf den noch leeren Grastribünen gegenüber.

Das werden also die European Championships in München sein, 50 Jahre nach den Olympischen Spielen, die hier stattfanden. Eine damals auch über den Sport hinaus besondere Olympiaausgabe, an die sich jeder Münchner, jeder Oberbayer, jeder Besucher noch erinnert, auch deshalb, weil dieser Park, anders als das jeweilige Gelände der meisten anderen Olympiaausrichter auf der Welt, bis heute existiert.

Aber Olympia ist doch um so vieles größer. Es ist gigantisch geworden. Olympische Spiele sind heute Orte, an denen sich auch Erwachsene leicht verlaufen und Reporter kostbare Zeit verlieren können, wenn sie am Media Main Transport Hub morgens den falschen Shuttle-Bus erwischen, der sie dann ans falsche Ende von Tokio, Rio oder London fährt. Allein fürs große Medienzentrum veranschlagen die Organisatoren oft mehrere Messehallen.

European Championships in München: Diesmal sind es "nur" neun Sportarten, aber der Olympiapark ist bereit wie schon 1972.

Diesmal sind es "nur" neun Sportarten, aber der Olympiapark ist bereit wie schon 1972.

(Foto: Vitalii Kliuiev /Imago)

Hier aber, 2022 in München, geht es jetzt nur um neun Sportarten, und überhaupt: Es handelt sich nur um Europameisterschaften, und bitte, die stehen im Rang ja zwei Stufen tiefer. Andererseits werden diese Championships doch beachtliche Ausmaße annehmen, größer als jedes Sportereignis seit 1972 in der Stadt. Es wird ein Treffen vieler verschiedener Sportlerinnen und Sportler werden, mit viel Publikum drum herum, weshalb vom 11. August auf dem Gelände des ehemaligen Oberwiesenfeldes in München etwas vom Olympischen Geist wieder aufleben wird.

Oder?

Grundsätzlich ist der olympische Sport zwar umwölkt von alten Idealen der Fairness und des Friedens, tatsächlich ist er aber längst heftig vermarktet. Der olympische Geist existiert eher in beschwörenden Reden, und in seinen Prinzipien, die sich zumeist auf den Wettkampf selbst beziehen. "Der Beste möge gewinnen"; oder: "Dabei sein ist alles". Oder das Motto "Citius, Altius, Fortius" - schneller, höher, stärker. Und: "Niemand soll betrügen", ein bisschen zeitgemäßer formuliert: Du sollst nicht dopen.

Vor allem Letzteres, weit verbreitetes Doping, hat auch olympische Wettkämpfe in Glaubwürdigkeitskrisen gestürzt. Seit 1972 ist viel von der olympischen Unschuld verloren gegangen. Das begann ja schon in München selbst, wo das Attentat auf israelische Sportler die Welt erschütterte. Später wurden die Spiele von Diktaturen vereinnahmt (was sie auch 1936 in Berlin schon mal waren), Dopingfälle häuften sich, zum Teil wurde der Betrug, wie 2014 in Sotschi, sogar von den Gastgebern selbst organisiert.

Zudem erfährt jeder, der mit dem olympischen Tross unterwegs ist, wie anonym Olympia auch sein kann. In Riesenstädten wie Tokio, Rio, London oder Peking war es für Sportler eher die Ausnahme, den Kollegen einer ganz anderen Sportart beim schönen "Citius, Altius, Fortius" zuzuschauen; die Strecken sind einfach sehr weit. Auch ambitionierte Zuschauer befinden sich manchmal mehr auf der Straße, als dass sie wirklich Live-Sport erleben. Wenn einer also den Geist der Ringe sucht, dann könnte er ihn demnächst in München wiederfinden.

Wenn er nämlich irgendwo wirklich Wurzeln geschlagen hat, dieser Geist, dann in diesem Olympiapark, über den Arno Hartung sagt: "Er hat sich nur ein wenig verändert." Hartung ist bereits im Ruhestand, aber weil er als 23-Jähriger schon bei den Spielen '72 als Helfer dabei war, später lange Chef der Medienabteilung und am Ende noch einige Jahre Chef des gesamten Olympiaparks, findet man kaum einen besseren Kenner des Münchner Olympiageists.

European Championships in München: Die Vermessung des Olympiastadions im Jahr 1970.

Die Vermessung des Olympiastadions im Jahr 1970.

(Foto: Heinz Gebhardt/Imago)

Der sei zwar immer noch so stark wie früher, habe sich aber auch gewandelt, sagt Hartung. 1972, das war die Phase der Entdeckung, "die Besucher sind damals durch den Park gelaufen und haben die Atmosphäre geschnuppert. Alles war ja neu, man musste es erst kennenlernen". Und ja, man genoss auch das Gefühl, der Welt unter dem - 1972 noch ziemlich gegenwärtigen - Eindruck des Dritten Reiches zeigen zu können, wie Deutschland sich gewandelt hat.

Der Park bringt die Menschen zusammen, alle unter einem Dach. 1972 war das die Welt, 2022 ist es zumindest Europa. Der Park bringt sie auf direkte Weise zusammen, durch die Nähe vieler Wettkampfstätten - Leichtathleten, Turner, Triathleten, BMX-Freestyler -, viele sind nur wenige Minuten zu Fuß voneinander entfernt, und in die Münchner Innenstadt, wo am Königsplatz geklettert und Beachvolleyball gespielt wird, wo am Odeonsplatz die Radfahrer, Geher und Marathonläufer ins Ziel kommen, sind es auch nur ein paar Minuten mit der U-Bahn. Zudem, der Park bringt die Menschen auch indirekt zusammen, durch das kollektive Erleben und Dabeisein, und durch ein elf Tage dauerndes Fest, das zwischen all dem Sport auch noch abgehen soll.

Natürlich stieg auch 1972 schon ein Fest, das Kulturprogramm der Spiele füllte einen dicken Wälzer - aber im Olympiapark war vor allem dieses Staunen, über den hohen Turm, der da nun stand, über das schwebende Glasdach, über die vielen Leute aus aller Welt. Heute, bei Klein-Olympia, weiß Arno Hartung aus seinen Jahren als Veranstalter, haben die Gäste andere Ansprüche. Früher waren die Leute schon glücklich, wenn irgendwo eine Blaskapelle gespielt hat, heute wird ein Programm über den gesamten Tag aufgestellt, mit Ständen und kleinen Bühnen, alles unter dem Motto "Back to the Roofs", zurück unter die Dächer. Weil hier in München eben weniger irgendwelche Bretter die Welt bedeuten, sondern seit 50 Jahren dieses Zeltdach.

Ein weiterer, in München neu betonter Aspekt des olympischen Geistes ergab sich 1972 aus dem Titel der ganzen Veranstaltung: Olympische Spiele. Gewiss, es wäre naiv zu glauben, bei olympischen Wettkämpfen (oder auch nur bei einer EM) ginge es nicht ums Siegen. Ein Favorit wie der unweit der Olympia-Regattastrecke aufgewachsene Einer-Ruderer Oliver Zeidler will nichts anderes als Gold holen. Und wenigstens eine Medaille begehren alle Mitfavoriten. Umso angenehmer ist die Leichtigkeit der Anlage im Olympiapark, in die Zuschauer und Darsteller treten, wenn der Kampf vorbei ist. Wenn es einen Ort gibt, der einlädt zu spielen, ja, sogar verführt, fast zwingt zu spielen, dann dieser Park.

Kommt man, nachdem man wenigstens gedanklich die Stahltaue bis hoch aufs Dach geklettert ist, oben an, befindet man sich in der Spielewelt der Erwachsenen. Schon vor vielen Jahren hat der Olympiapark ein Angebot für Schwindelfreie aufgelegt: das Wandern auf dem Dach des Olympiastadions, mit Blick rüber auf die majestätische Alpenkette. Heute können Verwegene vom oberen Dachteil an einer Seilkonstruktion quer hinüber bis auf die andere Stadionseite zischen, eine spektakuläre Zirkusnummer für jedermann.

European Championships in München: Die 10 000 Meter bei den Spielen 72: Frank Shorter (1014), Emiel Puttemans (61), Mariano Haro (169), Miruts Yifter (197) und der spätere Sieger Lasse Viren ( 228).

Die 10 000 Meter bei den Spielen 72: Frank Shorter (1014), Emiel Puttemans (61), Mariano Haro (169), Miruts Yifter (197) und der spätere Sieger Lasse Viren ( 228).

(Foto: Colorsport/Imago)

Draußen im Park drängen sich auch andere Sportarten auf. Hier heißt es seit 50 Jahren: Rasenfläche betreten erlaubt! Ein spezielles Gras war damals gesät worden, das einiges aushält, Fußballkicks und alles andere, was die Fantasie hervorbringt. Der Park an sich stellt eine Einladung dar. Hartung sagt, die gesamte Anlage biete nicht nur an, "sich niederzulassen oder zu flanieren, sondern lädt dazu ein, selber aktiv zu sein".

European Championships in München: Zahlreiche Menschen genießen das schöne Wetter im Olympiapark. Im Hintergrund ist das Dach der Olympiahalle zu sehen.

Zahlreiche Menschen genießen das schöne Wetter im Olympiapark. Im Hintergrund ist das Dach der Olympiahalle zu sehen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Alles ein Spiel. Die Münchner Rahmengestalter nahmen das Spielen 1972 ernst, sie initiierten die "Spielstraße" - eine Aktion verschiedener Künstler, die sich durchaus auch als olympiakritisch erwiesen. Etwa persiflierten Gaukler, die sich gerade so auf dem Hintern von im Kreis rennenden Zebras (bestehend aus je zwei Menschen in Zebra-Stoffhaut) halten konnten, den olympischen Ehrgeiz, und machten sich zugleich über den Ernst des Kunstbetriebs lustig, der damals noch gepflegt wurde. Nein, falls man nicht gerade ein Ruderer ist, der wochenlang schwer trainiert hat, um eine Medaille zu gewinnen, dann darf man den Sport zwischendurch auch mal weniger ernst nehmen.

Der olympische Geist hat 1972 nicht nur große Stunden erlebt, sondern er wäre fast dauerhaft beschädigt worden mit dem Attentat auf die israelischen Sportler, den fatalen Fehlern der Polizei und der mechanischen Reaktion des obersten Olympiers Avery Brundage, der forderte, die Spiele müssten unbedingt weitergehen. Am Ende lebte er weiter und wenn der olympische Geist in den Jahren danach halbwegs mit der Zeit gegangen ist, dann hat er auch heute noch Lust aufs Spielen. Dann wird er mithelfen, dass diese elf EM-Tage von München - nach einem fabelhaften Sommer - nicht plötzlich verregnet sind. Überhaupt wird sein Spirit zu spüren sein, in den Geschichten der Wettkämpfe, der Stimmung der Zuschauer, dem Zusammenkommen bei Partys und Konzerten. Gerade weil er es nicht immer leicht hatte in den vergangenen Jahren, müsste er sich in München auch 2022 wieder von seiner besten Seite zeigen. Die Graugänse drüben auf den Grastribünen freuen sich auch schon.

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