Europa League:Die Angst des David de Gea beim Elfmeter

Der Torhüter von ManUnited wird in einem beispiellosen Elfmeterschießen zum tragischen Helden. Villarreal feiert dagegen den ersten Titel der Klubhistorie - weil sogar Spieler treffen, die sonst nie Strafstöße schießen.

Von Javier Cáceres

Wer weiß schon, ob es bloß eine Hyperbel war. Oder ob es eben doch stimmte, was der Torwart des FC Villarreal, Gerónimo Rulli, volleuphorisiert in ein Mikrofon sprach, das ihm nach dem Ende des beispiellosen Elfmeterschießens des Europa-League-Finales gegen Manchester United unters Kinn gehalten worden war.

"Ich habe in meinem Leben nicht einen Elfmeter geschossen!", rief Rulli. Nun also dies: Auch nach 120 Minuten hatte im Finale von Danzig noch das 1:1 Bestand gehabt, das nach den Toren von Gerard Moreno (29.) und Edinson Cavani (55.) und damit nach dem Ende der regulären Spielzeit gegolten hatte. Es folgte ein Elfmeterschießen, das es so noch nicht gegeben hat - jedenfalls nicht bei einem Kontinentalfinale in Europa. 11:10 stand es da am Ende, in Worten: elf zu zehn. Man kann wohl darüber streiten, ob die Torhüter bei jedem Elfmeter eine gute Figur abgegeben hatten, eine Reihe davon waren exzellent geschossen. Nichts zu deuteln war dafür hieran: dass der spanische Torwart von Manchester United, David de Gea, zum tragischen Helden der kuriosen Nacht von Danzig geworden war.

Er hielt nicht einen einzigen der elf Elfmeter, die der FC Villarreal schoss, den letzten verwandelte der Kollege Rulli. Dann richtete sich de Gea die knielange Hose, lief auf den Ball zu und versuchte, ihn mit dem Innenrist platziert in die rechte Ecke des Tors zu schießen. Und verschoss. Rulli, 29, tauchte und wehrte den Ball ab. Villarreal hatte den ersten Titel seiner Geschichte geholt, durch ein 1:1 und ein 11:10 im Elfmeterschießen.

De Gea hat seit April 2016 keinen Strafstoß gehalten

"Heute hat bei uns sogar der Torwart getroffen!", feixte Raúl Albiol, der bärtige Kapitän. "Ich habe so etwas noch nie gesehen", stöhnte Dani Parejo, der Spielmacher, der die Freistoßflanke zu Morenos 1:0 getreten hatte. Marcos Senna, der Europameister von 2008, erinnerte sich auf der Tribüne an eine Episode aus vorvergangener Zeit. An den Elfmeter, den der argentinische Spielmacher Juan Román Riquelme vor Jahren gegen Jens Lehmann und den FC Arsenal verschoss. Es bedeutete damals, dass der bis zum Mittwoch titellose FC Villarreal das Champions-League-Finale von 2006 verpasste. Den größten Erfolg der Geschichte des Klubs versemmelte. "Riquelme trägt seit heute einen Rucksack weniger", sagte Senna. Einen Rucksack, der ungleich leichter war als der, den de Gea nun schultern muss.

Es gibt eine Reihe von Theorien darüber, dass der österreichische Schriftsteller Peter Handke grundfalsch lag, als er einer Erzählung einen Titel verlieh, der zum geflügelten Wort wurde: "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Eine Theorie besagt, Tormänner müssten keine Angst beim Elfmeter haben, schon gar nicht im Vergleich zum Schützen. Sie hätten nichts zu verlieren. Das Buch und die daraus entstehenden Theorien sind alle vor de Gea entstanden, und er ist auch schon 30 Jahre alt. Und er ist längst ein Tormann, der tatsächlich Angst beim Elfmeter haben muss.

Er hat seit April 2016 keinen einzigen Strafstoß mehr gehalten; dass Spanien bei der WM 2018 gegen Gastgeber Russland rausflog, hatte auch mit de Gea zu tun. Er hielt im Achtelfinale nicht einen einzigen von vier Elfmetern der Russen. "Es ist nicht der Abend, um mit dem Finger auf jemanden zu zeigen", versicherte Ole Gunnar Solskjaer, Uniteds unwahrscheinlichster Held und aktueller Trainer. Das war nicht selbstreferenziell gemeint, ließe sich aber so deuten. Ausgerechnet Solskjaer, der 1999 im Camp-Nou-Stadion als Einwechselspieler im Champions-League-Finale in der Nachspielzeit das 2:1 gegen die Bayern schoss, vercoachte sich.

Er wartete bis zur neunten Minute der Nachspielzeit, ehe er den ersten Wechsel vornahm; die nächsten vier teilte er auf die Minuten 115 und 122 auf. "Die waren platt", sagte Pau Torres. Und erklärte auch, warum Villarreal nach einer Stunde Spielzeit mehr und mehr das Zepter übernahm. "Wir waren eigentlich sicher, dass wir vor Ende der Partie gewinnen würden", sagte Trainer Unai Emery, der seinem Ruhm als Mr. Europa League alle Ehre machte. Nach seinen drei Triumphen mit dem FC Sevilla hat er nun zum vierten Mal die Trophäe hochhalten dürften.

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Geübter Pokalstemmer: Zum vierten Mal holte Trainer Unai Emery die Trophäe für die Europa League.

(Foto: Rafal Oleksiewicz/imago)

"Ich hab meinen letzten Elfmeter in der F-Jugend geschossen", sagt Kapitän Albiol

Als die Partie vorbei war, stürzten alle auf Rulli zu. Auch Pau Torres, der beileibe nicht der einzige war, der an diesem Abend Tränen in den Augen hatte, aber vielleicht die größten Emotionen zeigte. Torres wurde im 50 000-Einwohner-Städtchen Villarreal geboren und hat die Jugendabteilung des Klubs durchlaufen, der wegen der Trikots "Das gelbe U-Boot" genannt wird. Auf der spärlich mit Zuschauern gefüllten Danziger Stadiontribüne sah Torres Freunde, Nachbarn, frühere Spielkameraden, die Frau von Rulli, die in die argentinische Fahne weinte, die sie wie ein Cape auf den Schultern trug.

Es fehlte der Mäzen Fernando Roig, dem nach einer -frisch überstandenen - Covid-Infektion der Zutritt ins Stadion verwehrt worden war. Er flog wieder heim und sah am TV, wie Rulli zum Helden und de Gea zum Häuflein Elend wurde - wie zum achten Mal in zwölf Jahren eine spanische Mannschaft die Europa League gewann. Durch ein unvergessliches Elfmeterschießen.

"Elfmeter sind keine Lotterie", sagte Emery, der vor dem Finale keine Elfmeter üben lassen hatte. "Ich hab meinen letzten Elfmeter in der F-Jugend geschossen", behauptete Kapitän Albiol lachend. In Danzig verwandelte er sicher - und trug so seinen Teil dazu bei, dass Villarreal es ehrenhalber - als fünfte spanische Mannschaft - in die nächste Saison der Champions League schaffte.

© SZ/tbr/sjo
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