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Energie Cottbus:Im Stadion der Freundschaft regiert die Angst

Polizei im Fussballstadion

Polizeiaufmarsch bei einem Spiel zwischen Energie Cottbus und Hertha BSC 2015.

(Foto: dpa)
  • Der ehemalige Fußball-Bundesligist Energie Cottbus ist bis tief in die Regionalliga abgerutscht.
  • Der Verein ist finanziell angeschlagen. Noch viel größer jedoch sind die Probleme auf der Tribüne. Rechtsextreme und gewaltbereite Hooligans versuchen, Einfluss bei Energie Cottbus zu nehmen.
  • Der Verein will in der kommenden Saison nun reagieren.

An die letzte Saison denkt Matthias Auth nur ungern zurück, doch das 3:1 gegen den FC Carl Zeiss Jena ist ihm in guter Erinnerung. Der FC Energie Cottbus besiegte im April den Regionalliga-Favoriten und späteren Aufsteiger klar. Im heimischen Stadion schoss Streli Mamba in der 86. Minute das dritte Tor für Cottbus. "Wir waren voller Energie", sagt Auth, Verwaltungsratsvorsitzender im Verein, und dann: "Es war ein friedliches Fußballfest." Endlich einmal.

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Dieses 3:1, so beschwor es Auth Ende Juni auf der Mitgliederversammlung, soll nun als Anknüpfungspunkt dienen für einen Neuanfang in der kommenden Saison. Spielerisch, aber vor allem mit Blick auf die Fankultur. Denn so harmonisch wie beim Spiel gegen Jena war es in der vergangenen Saison selten im Stadion der Freundschaft.

Einst spielte Energie Cottbus in der Bundesliga, Trainer Ede Geyer war Kult, dann folgte Abstieg auf Abstieg, es ging bis in die vierte Liga. Der Verein ist heute finanziell angeschlagen, eine Rückkehr in die dritte Liga bleibt ein Versprechen. Noch viel größer jedoch sind die Probleme auf der Tribüne von Energie.

Sie bestimmen, welche Flaggen gezeigt wurden

In den vergangenen Monaten versuchten Rechtsextreme und gewaltbereite Hooligans zunehmend, andere Fangruppen unter Kontrolle zu bringen. Sie bestimmten, welche Flaggen im Stadion gezeigt wurden und welche nicht. Wer sich wehrte, musste mit Prügel rechnen. Als die Situation im Frühjahr eskalierte, schaltete sich das brandenburgische Innenministerium ein. Der Landtag beschäftigt sich seitdem regelmäßig mit dem Thema. Die Funktionäre im Verein konnten nun nicht mehr wegschauen, zu groß war der politische Druck.

Konkret geht es um die Hooligan-Gruppierung Inferno und deren Nachwuchsorganisation Unbequeme Jugend. Unter den 100 Anhängern finden sich Rechtsextreme, Rocker und Kampfsportler. Mitglieder von Inferno sollen Anfang des Jahres auch bei einem Aufmarsch von 120 Neonazis dabei gewesen sein. Laut Innenministerium gibt es Überschneidungen zum mittlerweile verbotenen rechtsextremen Netzwerk Spreelichter. 2013 hatte Energie auf Druck der Sicherheitsbehörden ein Erscheinungsverbot für Inferno verhängt, das mittlerweile auf die Unbequeme Jugend ausgeweitet wurde. Die Gruppensymbole dürfen seitdem nicht mehr gezeigt werden - die Fans gelangen jedoch weiterhin ins Stadion.

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Dort waren sie in den vergangenen Monaten immer wieder für Stress und Einschüchterung verantwortlich. Nach dem Abstieg in die vierte Liga traf Energie im November 2016 auf den SV Babelsberg 03, ein Verein mit traditionell linker Fangemeinschaft. Auf dem Weg zum Stadion liefen die Babelsberger an rechtsextremen und antisemitischen Slogans vorbei, die an Wände gesprüht wurden. "Juden 03", stand da, "Energie den Deutschen" und "Nazihools Energie". Trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen im Stadion der Freundschaft schafften es Dutzende Vermummte mit Pyrotechnik in den Fanblock von Energie. Rechtsextreme brüllten mehrfach: "Arbeit macht frei, Babelsberg 03".

Statt einem Gespräch gibt es Prügel

Im März 2017 folgte ein Versuch der Gegenwehr: Während eines Spiels in Bautzen warfen zunächst Anhänger von Inferno Cottbus und Unbequeme Jugend brennende Bengalos und Böller auf das Spielfeld. Als ein Ordner eine Fackel löschen wollte, traf ihn ein weiterer Brandsatz. Das Spiel musste unterbrochen werden. Doch dann riefen zahlreiche Fans in Richtung Inferno: "Wir sind Cottbusser und ihr nicht!" Sie rissen eine Blockfahne herunter, unter der sich die Randalierer unbeobachtet von der Polizei schnell umziehen wollten.

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Unklar ist, ob es sich dabei wie vom Verein dargestellt um einfache Fans handelte, die Inferno Cottbus die Stirn boten. Oder vor allem um Anhänger der Ultra-Gruppen Ultima Raka und Colletivo Bianco Rosso. So oder so witterte Inferno Verrat. Einem Szenebeobachter zufolge baten deren Anhänger einzelne Personen anderer Fangruppen zum "Gespräch". Doch geredet wurde offenbar nicht wirklich. Stattdessen gab es Prügel.

Sie drohten mit Hausbesuchen

Vor dem Auswärtsspiel gegen Viktoria Berlin passten Anhänger von Inferno andere Energie-Fans ab. Sie drohten mit Hausbesuchen, sollten sie ihre Gruppensymbole im Gästeblock zeigen. Tatsächlich hingen im Stadion das Banner der "Sektion Spreewald" am Zaun und eine Fahne mit der Aufschrift "Fighting Wendish Chosebuz". Beides verschwand während des Spiels. Banner der Gruppierungen Colletivo Bianco Rosso oder Ultima Raka waren Beobachtern zufolge gar nicht zu sehen. Stattdessen T-Shirts von Inferno Cottbus und Unbequeme Jugend. Die Fans reagierten mit Stimmungsboykott. Die anfänglichen Gesänge verstummten fast völlig.

Beim Rückspiel in Babelsberg Ende April kam es dann zu schweren Ausschreitungen. Im Block der Energie-Fans war mehrfach der Hitler-Gruß zu sehen. Mehrere Vermummte stürmten den Platz, darunter Rechtsextreme, die in Cottbus Stadionverbot haben. Sicherheitskräfte verhinderten, dass auch Babelsberger Fans auf das Spielfeld gelangten. Insgesamt nahm die Polizei 19 Strafanzeigen auf, unter anderem wegen Landfriedensbruchs und Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Es herrscht ein Klima der Angst

Der Fernsehsender RBB und die Potsdamer Nachrichten berichteten von einem Klima der Angst, das unter den Fans herrschte. Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter schaltete sich ein und machte die Versäumnisse des Vereins deutlich: Polizei und Verfassungsschutz seien in den vergangenen Jahren immer wieder vorstellig bei Energie geworden. Doch auf Hinweise und Vorschläge habe man nicht reagiert. "Wenn der Verein das nicht umsetzt, muss man sich auch nicht wundern, wenn aus einem kleinen Krebsgeschwür eine große Wucherung entsteht", sagte Schröter. Auch Vertreter von Parteien und Zivilgesellschaft bemängeln schon lange das fehlende Engagement des Fußballvereins. Die Kritik richtet sich vor allem gegen den früheren Präsidenten Wolfgang Neubert, der das Problem allein auf die Sicherheitsbehörden abwälzte. Sein Nachfolger Michael Wahlich distanzierte sich zumindest wiederholt von den Störern.

Aus Angst vor einem Verbot hat sich Inferno mittlerweile aufgelöst. Die Truppe veröffentlichte bei Facebook eine entsprechende Mitteilung. Doch deren Anhänger sind weiterhin aktiv. Und auch in anderen Gruppen gibt es eine gewisse Nähe zu rechtsextremen Gruppierungen, etwa bei Colletivo Bianco Rosso. Deswegen nutzte Energie die Sommerpause für ein Treffen mit Vertretern des Cottbuser Aufbruchs, einer zivilgesellschaftlichen Initiative, bei der sich Vereine und Parteien über Rechtsextremismus austauschen.

Der Fußballverein arbeitet derzeit an einem konkreten Maßnahmenkatalog. 2018 soll eine neue Stelle entstehen. Ein Beauftragter für Vielfalt und Toleranz wird künftig die Zusammenarbeit mit der Stadt und zivilgesellschaftlichen Akteuren aber auch dem Verfassungsschutz koordinieren. Außerdem will Energie seine Satzung überarbeiten und demokratische Werte verankern.

Es soll kein Zweifel am Willen des Vereins aufkommen

Der Verwaltungsratsvorsitzende Matthias Auth trug die einzelnen Punkte während der Mitgliederversammlung energisch vor. Es sollte kein Zweifel am Willen des Vereins aufkommen. Doch Auth war auch wütend. Schuld ist die jüngste Entscheidung des Sportgerichts des Nordostdeutschen Fußballverbands. Energie soll unter anderem wegen der Vorfälle in Bautzen und Babelsberg 16 000 Euro Strafe zahlen. Unfair findet das Auth, unfair finden das auch die Fans. Was in Bautzen doch nach den Bengalo-Würfen von Inferno passierte, war aus deren Sicht Zivilcourage. "Dafür werden wir bestraft", sagte Auth und bekam auf der Versammlung Applaus.

Energie hat gegen das Urteil Einspruch eingelegt. Auch weil die Cottbuser Mannschaft beim ersten Heimspiel der Saison vor einem komplett leeren Fanblock auflaufen müsste, so hat es das Sportgericht entschieden.

Kein schöner Auftakt für den geplanten Neuanfang.

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