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Ultras in der Bundesliga:Suche nach der roten Trennlinie

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Maskierte Zaungäste präsentieren Beute: Dortmund-Anhänger am 28. Februar 2015 beim Revier-Derby mit königsblauen Fan-Utensilien des FC Schalke 04.

(Foto: imago/Ulmer)

Im Stadion sorgen die "Ultra"-Fans für Stimmung - aber immer häufiger auch für Gewalt. Nach den jüngsten Grenzüberschreitungen stellt sich die Frage: Findet in den Kurven eine Radikalisierung statt?

"Akute Lebensgefahr!" Rainer Wendt, der Bundesvorsitzende der zweitgrößten Gewerkschaft der deutschen Polizisten, hatte, wie fast immer, die besten Hardliner-Statements zum Thema parat. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir den ersten Toten haben", kommentierte Wendt die Zusammenstöße von Polizei und Ultra-Fans nach dem Bundesligaspiel des VfB Stuttgart gegen Hertha BSC vor einer Woche. Zwölf Polizisten wurden verletzt. Ein Beamter hatte dreimal mit scharfer Munition in die Luft gefeuert, weil er sich gegen die Schlägertruppe nicht mehr anders zu helfen wusste.

Nun gilt der Talkshow-Dauergast Wendt zwar fast allen im Fußball-Milieu, vom Präsidenten bis zum Hooligan, als verbaler Hyperventilierer, der für einen knackigen Spruch gerne mal den Rechtsstaat links liegen lässt. Doch die Empörungswelle, auf der auch Wendt surft, nimmt gerade wieder Tsunami-Höhen an. Der Fußball diskutiert über seine zugleich leidenschaftlichsten und umstrittensten Fans: die Ultras. In Stuttgart reichte es für rund 80 Vermummte als Motiv für Krawall, dass die Fans des ungeliebten badischen Rivalen Karlsruher SC mit jenen von Hertha BSC Berlin eine Fanfreundschaft pflegen.

In Köln dürfen jetzt, so entschied es dieser Tage der Deutsche Fußball-Bund, komplette Fanblocks mehrere Spiele lang nicht besetzt werden, weil gut zwanzig FC-Ultras beim Auswärtsspiel in Mönchengladbach den Platz stürmten, alle in weißen Overalls.

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Als der vom ungeliebten Red-Bull- Milliardär Dietrich Mateschitz gesponserte Zweitligist RB Leipzig jüngst zum Auswärtsspiel in Karlsruhe weilte, wurde das Leipziger Teamhotel von KSC-Ultras besucht. Eine Machtdemonstration. Und in Dortmund und Dresden wurde der Fußball-Kommentator Marcel Reif angepöbelt und bedroht. Reif, dessen Vater mit knapper Not dem KZ entging und der nach dem Krieg aus dem damals anti-semitischen Polen emigrieren musste, will sich nicht einschüchtern lassen und kommt an diesem Samstag für den Sender Sky gleich wieder nach Dortmund, um vom Spiel gegen den 1. FC Köln zu berichten.

Hat die Eskalation der Gewalt eine neue Stufe erreicht? Sind manche der sogenannten Ultras, die sich gern zur Elite unter den Fußball-Fans erklären, endgültig durchgeknallt? Eskaliert womöglich gerade der Machtkampf zwischen den Ultras, den unbestrittenen Stimmungskanonen in den Stadien, und den offiziellen Vereins-Bossen sowie dem Liga-Verband DFL? Und: Welcher Fußball-Anhänger ist eigentlich "ultra" - und welcher nicht? Wer bestimmt das eigentlich? SPD-Innenminister Boris Pistorius aus Niedersachsen, der 2013 den Antrag der Länder auf ein Verbot der NPD mit angeschoben hat, hält Hysterie angesichts der aktuellen Vorfälle für falsch.

"Es gibt bei einigen Ultras eine niedrigere Hemmschwelle zu stärkerer Gewalt", sagt er. "Das mag sein. Aber ich sehe keine Gewaltwelle, die zunimmt. Selbst das, was in Stuttgart passiert ist, halte ich für Einzelfälle." Pistorius, jahrelang Oberbürgermeister am Fußball-Standort Osnabrück und einst Amateur-Kicker, will aber, dass die Trennlinie zur Gewalt, die im Ultra-Milieu oft nur schwer zu vermitteln ist, von allen anderen Beteiligten noch klarer definiert wird. Staatsanwälte und Polizei könnten schärfer und ganz individuell gegen die tatsächlichen Täter vorgehen, heißt es in vielen Vereinen. Sie würden es aber oft genug verweigern.