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Anschlag auf BVB-Bus:"Der BVB ist für Dortmund viel mehr als nur ein Fußballverein"

Meisterfeier Borussia Dortmund

Meisterfeier auf dem Borsigplatz in Dortmund 2012. Der BVB ist für die Stadt von besonderer Bedeutung.

(Foto: dpa)

Wieso ein Anschlag ausgerechnet auf Borussia Dortmund? Und wieso sind verschiedene Gruppen von Tätern denkbar? Fragen an den Dortmunder Politikwissenschaftler Dierk Borstel.

Nach dem Sprengstoffanschlag auf den BVB-Bus gibt es immer noch keine genauen Informationen über Täter und Motive. Ein am Tatort aufgefundener Brief deutet auf einen islamistischen Hintergrund hin. Seine Echtheit überprüfen derzeit die Ermittler. Ein zweites Schreiben erweckte den Eindruck, die Täter könnten aus der linken Szene stammen - es wird jedoch von Experten für eine Fälschung gehalten. Wer auch immer letztlich den Anschlag beging, es bleibt die Frage: Wieso ist ausgerechnet der BVB zum Ziel geworden?

Dierk Borstel ist Politikwissenschaftler an der Fachhochschule Dortmund. Er kennt sich mit den Extremisten in der Stadt aus.

SZ.de: Wir kennen gezielte Anschläge auf Politiker und Terror, der darauf zielt, möglichst viele Zivilisten zu töten. Wieso aber verübt jemand ausgerechnet einen Anschlag auf eine Fußballmannschaft?

Dierk Borstel: Der BVB ist in Dortmund viel mehr als nur ein Fußballverein. Er steht für den Zusammenhalt der Gesellschaft in dieser Stadt. Der BVB ist das, was Dortmund über alle Brüche, alle sozialen Verwerfungen zusammengehalten hat, über Generationen. Als es zum Strukturwandel gekommen und die Globalisierung durchgefegt ist, waren hier alle Familien betroffen.

Aber wenn dann der BVB gegen Schalke 2:1 gewonnen hat, war die Welt in Ordnung. Das unterscheidet den Verein etwa von Bayern München oder Hertha BSC Berlin. Wenn eine extremistische Bewegung hier die Gesellschaft in ihrem Kern treffen will, dann tut sie das mit einem Anschlag auf den BVB.

Bei dem Anschlag wurde ein Spieler verletzt. Es hätte noch schlimmer kommen können.

Ihr Ziel haben die Terroristen aber erreicht: Gewaltanwendung mit hoher symbolischer Kraft.

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BVB

Anschlag in Dortmund: Zwei Verdächtige, eine Festnahme

Die Polizei fasst einen 25-jährigen Iraker. Ein 28-jähriger Deutscher aus dem Kreis Unna ist ebenfalls verdächtig. Die beiden sollen Bezüge zur islamistischen Szene haben.

Wenn der BVB aufgrund seiner Bedeutung für Dortmund als Anschlagsziel gewählt wurde, müssten die Täter sich dessen bewusst gewesen sein. Heißt das, sie kommen wahrscheinlich auch aus Dortmund? Gibt es dort Gruppen, denen Sie es zutrauen, dass sie Menschen ermorden wollen?

Ich glaube jedenfalls eher nicht, dass die Täter fanatische Anhänger eines rivalisierenden Fußballvereins sind, also Ultras. Und es gibt in Dortmund drei extreme Bewegung, aus denen die Täter theoretisch kommen könnten. Die salafistische Szene, die extremen Linken und die extremen Rechten. Alle drei sind Gegner der freiheitlichen, liberalen, offenen Gesellschaft. In allen drei Szenen gibt es eine gewisse Gewaltbereitschaft.

Diejenigen aus der rechten Szene, die zu so einem Anschlag am ehesten in der Lage wären, sind meinem Wissen nach allerdings alle im Gefängnis. Da müsste sich jemand sehr schnell radikalisiert haben. Oder es ist jemand Neues auf dem Feld erschienen. Das glaube ich aber eher nicht.

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Zweifel an zweitem Dortmund-Schreiben

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Sie trauen einen solchen Anschlag auch den Linksextremen zu?

An der Echtheit des Bekennerbriefs, der für Täter aus dieser Gruppe zu sprechen schien, gibt es ja offenbar inzwischen erhebliche Zweifel. Wenn die Frage aber ist, ob man ihnen so einen Anschlag zutrauen könnte: Wir beobachten in Dortmund in den letzten zwei, drei Jahren eine Radikalisierung auf der rechten und linken Seite. Das hat sich etwa am Rand von Demonstrationen gezeigt. Wenn die Nazis hier aufmarschiert sind, dann ging die Gewalt sehr häufig auch von den Linken aus. Das ist in der Stadt zu wenig thematisiert worden. Auch Steinewerfer riskieren ja schwere Verletzungen oder sogar den Tod der Betroffenen.

In der Vergangenheit haben Linksextreme außerdem zum Beispiel auch Anschläge auf ICE-Strecken verübt. Wer die Entgleisung eines Zuges in Kauf nimmt, nimmt auch den Tod von Passagieren in Kauf. Tödlichen Terror von links hatten wir zwar schon lange nicht mehr, aber in der Vergangenheit ist er ja durchaus vorgekommen.

Dierk Borstel

Dierk Borstel ist Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Dortmund.

(Foto: oh)

Wie sieht es mit der islamistischen Szene in Dortmund aus?

Darüber sagt viel aus, dass der Attentäter von Berlin, Anis Amri, regelmäßig zu Besuch in einem Dortmunder Moscheeverein war. Ein Teil seiner Radikalisierung erfolgte hier. Die Stadt hat das Thema Salafismus zwar inzwischen aufgegriffen, aber erst relativ spät.

Islamistische Terroristen haben in der Vergangenheit meist versucht, möglichst viele Menschen zu töten. Das scheint bei dem Anschlag auf den BVB-Bus nicht das Ziel gewesen zu sein.

Terroranschläge haben das Ziel, die Gesellschaft zu treffen und die eigene Ideologie zu verbreiten. Und Terroristen kommen nicht nur aus dem Ausland. Es sind auch junge Menschen darunter, die in Deutschland aufgewachsen sind. Und jeder, der in Dortmund wohnt, weiß, welche große symbolische Bedeutung der BVB hat. Das spricht also nicht dagegen, dass es ein islamistischer Anschlag gewesen sein könnte.

Jedenfalls sind alle drei extremistischen Bewegungen im Kern zutiefst menschenfeindlich. Und Terror zielt nicht auf bestimmte Menschen. Wer verletzt wird oder stirbt, oder ob es sogar nur eine Explosion gibt und niemand getroffen wird, ist nicht so wichtig. Wichtig ist den Terroristen vielmehr zu zeigen, dass sie jederzeit zuschlagen können und es jeden treffen kann.