Energie Cottbus Im Stadion der Freundschaft regiert die Angst

Polizeiaufmarsch bei einem Spiel zwischen Energie Cottbus und Hertha BSC 2015.

(Foto: dpa)
  • Der ehemalige Fußball-Bundesligist Energie Cottbus ist bis tief in die Regionalliga abgerutscht.
  • Der Verein ist finanziell angeschlagen. Noch viel größer jedoch sind die Probleme auf der Tribüne. Rechtsextreme und gewaltbereite Hooligans versuchen, Einfluss bei Energie Cottbus zu nehmen.
  • Der Verein will in der kommenden Saison nun reagieren.
Von Antonie Rietzschel, Cottbus

An die letzte Saison denkt Matthias Auth nur ungern zurück, doch das 3:1 gegen den FC Carl Zeiss Jena ist ihm in guter Erinnerung. Der FC Energie Cottbus besiegte im April den Regionalliga-Favoriten und späteren Aufsteiger klar. Im heimischen Stadion schoss Streli Mamba in der 86. Minute das dritte Tor für Cottbus. "Wir waren voller Energie", sagt Auth, Verwaltungsratsvorsitzender im Verein, und dann: "Es war ein friedliches Fußballfest." Endlich einmal.

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Dieses 3:1, so beschwor es Auth Ende Juni auf der Mitgliederversammlung, soll nun als Anknüpfungspunkt dienen für einen Neuanfang in der kommenden Saison. Spielerisch, aber vor allem mit Blick auf die Fankultur. Denn so harmonisch wie beim Spiel gegen Jena war es in der vergangenen Saison selten im Stadion der Freundschaft.

Einst spielte Energie Cottbus in der Bundesliga, Trainer Ede Geyer war Kult, dann folgte Abstieg auf Abstieg, es ging bis in die vierte Liga. Der Verein ist heute finanziell angeschlagen, eine Rückkehr in die dritte Liga bleibt ein Versprechen. Noch viel größer jedoch sind die Probleme auf der Tribüne von Energie.

Sie bestimmen, welche Flaggen gezeigt wurden

In den vergangenen Monaten versuchten Rechtsextreme und gewaltbereite Hooligans zunehmend, andere Fangruppen unter Kontrolle zu bringen. Sie bestimmten, welche Flaggen im Stadion gezeigt wurden und welche nicht. Wer sich wehrte, musste mit Prügel rechnen. Als die Situation im Frühjahr eskalierte, schaltete sich das brandenburgische Innenministerium ein. Der Landtag beschäftigt sich seitdem regelmäßig mit dem Thema. Die Funktionäre im Verein konnten nun nicht mehr wegschauen, zu groß war der politische Druck.

Konkret geht es um die Hooligan-Gruppierung Inferno und deren Nachwuchsorganisation Unbequeme Jugend. Unter den 100 Anhängern finden sich Rechtsextreme, Rocker und Kampfsportler. Mitglieder von Inferno sollen Anfang des Jahres auch bei einem Aufmarsch von 120 Neonazis dabei gewesen sein. Laut Innenministerium gibt es Überschneidungen zum mittlerweile verbotenen rechtsextremen Netzwerk Spreelichter. 2013 hatte Energie auf Druck der Sicherheitsbehörden ein Erscheinungsverbot für Inferno verhängt, das mittlerweile auf die Unbequeme Jugend ausgeweitet wurde. Die Gruppensymbole dürfen seitdem nicht mehr gezeigt werden - die Fans gelangen jedoch weiterhin ins Stadion.

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Dort waren sie in den vergangenen Monaten immer wieder für Stress und Einschüchterung verantwortlich. Nach dem Abstieg in die vierte Liga traf Energie im November 2016 auf den SV Babelsberg 03, ein Verein mit traditionell linker Fangemeinschaft. Auf dem Weg zum Stadion liefen die Babelsberger an rechtsextremen und antisemitischen Slogans vorbei, die an Wände gesprüht wurden. "Juden 03", stand da, "Energie den Deutschen" und "Nazihools Energie". Trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen im Stadion der Freundschaft schafften es Dutzende Vermummte mit Pyrotechnik in den Fanblock von Energie. Rechtsextreme brüllten mehrfach: "Arbeit macht frei, Babelsberg 03".