Niederlande nach dem EM-Aus:Viele Namen, wenig Zeit

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Letzte Alternative: Frank de Boer gab am Dienstag seinen Rücktritt bekannt.

(Foto: Pro Shots/Imago)

Die Liste der potenziellen Nachfolger für den zurückgetretenen Bondscoach Frank de Boer ist lang. Überraschend findet sich darauf auch Joachim Löw. Doch der niederländische Verband weiß: Der nächste Schuss muss sitzen.

Von Ulrich Hartmann

Joachim Löw hat schon durchaus noch Fans. Die größten Bewunderer findet man dieser Tage allerdings eher außer Landes. Da wären zum Beispiel jene Leser der niederländischen Tageszeitung Algemeen Dagblad, die ihn in einer Online-Umfrage für den idealen Trainer ihrer Nationalmannschaft halten. Als Oranje-Coach ausgerechnet jener Mann, der am liebsten Schwarz trägt und der die deutsche Mannschaft nicht über das EM-Achtelfinale hinausgebracht hat - da hätten sie natürlich auch gleich ihren Trainer Frank de Boer behalten können. De Boer aber hat am Dienstag entnervt hingeschmissen.

Die Resonanz aus den Medien, aus der Bevölkerung und vermutlich auch innerhalb des Königlich-Niederländischen Fußball-Bunds KNVB war zu seinem Verbleib nicht geeignet. Die allgemeinen Zweifel an den Fähigkeiten des 51-Jährigen waren schon groß gewesen, als er im vergangenen September die Nachfolge des beliebten, aber zum FC Barcelona gewechselten Ronald Koeman antrat. Das Aus im EM-Achtelfinale am vergangenen Sonntag gegen Tschechien hat die Zweifel bestätigt. De Boer hatte keine andere Wahl als zurückzutreten. Jetzt rätselt die Nation, wer neuer Bondscoach wird. Die Liste der Kandidaten ist lang.

Dass in der Dagblad-Umfrage der 69 Jahre alte Louis van Gaal weit vorne rangiert, hat einerseits mit dem unter ihm errungenen dritten Platz bei der WM 2014 zu tun - ist andererseits aber womöglich auch eine satirische Protestnote gegen die eine oder andere Trainerentscheidung des KNVB in den vergangenen 15 Jahren. Während in Deutschland in diesen eineinhalb Jahrzehnten ausschließlich Löw amtierte, gaben sich bei Oranje acht Trainer die Klinke in die Hand: Marco van Basten, Bert van Marwijk, Louis van Gaal, Guus Hiddink, Danny Blind, Dick Advocaat, Ronald Koeman und Frank de Boer.

Die einst stolze Fußballnation hat sich in den vergangenen Jahren in die Bedeutungslosigkeit verabschiedet

Das EM-Viertelfinale 2008, das WM-Finale 2010 gegen Spanien (0:1 nach Verlängerung) und WM-Bronze 2014 (3:0 gegen Brasilien) prägten die bislang letzte gute Phase des niederländischen Fußballs. Doch mit dem Verpassen der EM 2016 und WM 2018 sowie dem Achtelfinal-Aus jüngst am Sonntag hat sich die einst stolze Fußballnation in die Bedeutungslosigkeit verabschiedet. Diese Entwicklung wird zunehmend dem richtungslosen Verband angekreidet. In mangelhaften Personalentscheidungen sehen viele das größte Problem des niederländischen Fußballs.

Unter Druck steht in der Trainerfrage jetzt auch der Sportdirektor Nico-Jan Hoogma, 52, von 1998 bis 2004 Abwehrspieler beim Hamburger SV. Am 1. September spielt Oranje in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2022 eine wichtige Partie in Norwegen. Nach einer 2:4-Niederlage zum Auftakt in der Türkei können sich die Niederlande am vierten Spieltag nicht noch eine blamable Niederlage leisten. "Schnelle" sei geboten, sagt Hoogma über die Trainerfindung. Doch die Bedeutung der Neubesetzung für die mittelfristige Zukunft des Oranje-Fußballs erlaubt keine neuerliche Fehlentscheidung. Es geht um viel. Und weil sich das ganze Land Sorgen um seine "Elftal" macht, mischen die Medien bei Vorschlägen so tüchtig mit wie selten zuvor.

Louis van Gaal (bis 2016 Manchester United), Giovanni van Bronckhorst (zuletzt Guangzhou City), Peter Bosz (Olympique Lyon) und dann gleichauf Joachim Löw, Antonio Conte (zuletzt Inter Mailand) und Henk ten Cate (Al-Wahda FC Abu Dhabi) lautet die Reihenfolge der Dagblad-Umfrage. Die Sportnieuws nennen zusätzlich zu van Gaal auch Frank Rijkaard (bis 2013 Nationaltrainer von Saudi-Arabien) und Dick Advocaat (zuletzt Feyenoord Rotterdam). Sie zweifeln bei allen dreien aber die Bereitschaft an. Rafael van der Vaart hat im Fernsehen den dänischen Nationaltrainer Kasper Hjulmand ins Spiel gebracht. De Telegraaf wünscht sich Henk ten Cate, Ruud Gullit (bis 2017 Co-Trainer der Niederlande) und Marcel Keizer (Al-Jazira Abu Dhabi) als "Trio". Es ist ein herrliches Namedropping.

Mit Löw wird es kurzfristig nichts werden. "Da bin ich im Moment mit Sicherheit nicht interessiert", sagte der 61-Jährige am Mittwoch. "Die Holländer haben viele gute Trainer, die den Fußball auch gut kennen." Die Mannschaft habe sich zuletzt "gut entwickelt, leider aber ein bisschen zu früh aus dem Turnier verabschiedet."

Grundsätzlich interessant ist die niederländische Mannschaft gewiss für viele Trainer. Sie verfügt über Spieler wie Denzel Dumfries, Georginio Wijnaldum und Memphis Depay, vor allem aber über große Talente wie Matthijs de Ligt (21, Juventus), Frenkie de Jong (22, FC Barcelona), Donyell Malen (22, PSV Eindhoven) oder Ryan Gravenberch (19, Ajax). Solche Spieler in ein funktionierendes taktisches Format einzubinden, in dem sie ihre Stärken umfänglich ausspielen können, ist etwas, das Frank de Boer nicht geschafft hat - das dem nächsten Bondscoach aber unbedingt gelingen sollte.

© SZ/sjo/lib/cch
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