Joachim Löw:"Ich bin mit mir im Reinen"

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Joachim Löw auf seiner letzten Pressekonferenz als Bundestrainer. (Foto: Federico Gambarini/dpa)

Auf seiner letzten Pressekonferenz als Bundestrainer spricht Joachim Löw über seine 15 Jahre im Amt, die bitterste Niederlage, eine mögliche Aussprache mit Mesut Özil und darüber, was ihm persönlich in Erinnerung bleiben wird.

Von Martin Schneider

Nach 15 Jahren saß er also da im Kapuzenpullover, nahm noch mal einen Schluck Wasser und dann sprach Joachim Löw in seiner Funktion als Bundestrainer zum nun wirklich allerletzten Mal. Um das Spiel in London ging es nur noch am Rande. Mit Thomas Müller habe er in Herzogenaurach über die vergebene Chance zum möglichen 1:1 gesprochen, sagte Löw. "Er hat das in seiner ureigenen humorvollen Art kommentiert", verriet er. "Er hat gesagt: 'Trainer, wenn ich den gemacht hätte, hätte uns das sicher nicht geschadet.' Ich mache ihm da aber keinen Vorwurf."

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Natürlich übernehme er die Verantwortung für das Ausscheiden "ohne Wenn und Aber", es sei nicht der Abschied gewesen, den man sich vorgestellt habe. Aber auf Spieldetails wollte keiner mehr eingehen, auch Löw nicht. Nein, es ging hier schon um die letzten Worte einer Ära, in der das Spiel gegen England ein wichtiges Spiel, aber eben ein Spiel von sehr vielen war. "15 Jahre sind unvorstellbar lang", sagte Löw.

Er habe sich von der Mannschaft verabschiedet, habe nochmal eine Ansprache gehalten, sich bedankt für das Vertrauen und die gemeinsame Zeit, erzählte Löw, wobei keiner der Spieler, zu denen er sprach, so lange dabei war wie Löw selbst.

Es war keine Pressekonferenz, bei der der 61-Jährige von seinen Emotionen überwältigt wurde, es kamen ihm keine Tränen, aber ein bisschen Wehmut, die konnte man schon heraushören. "Es gibt viele Momente und viele Bilder, die ich in meinem Herzen abgespeichert habe. Vor allem die gemeinsame Zeit. Wo wir Pläne geschmiedet haben, wo wir nach 2012 ( dem bitteren EM-Halbfinal-Aus gegen Italien, Anm.) uns hochgearbeitet haben. 2014 bei der WM gab es auch Momente, in denen es kritisch war im Turnier. Ich erinnere mich da an viele Gespräche am Pool oder mit dem Espresso mit den Spielern. Das sind Augenblicke, die man nicht vergisst."

Von allen Wörtern, die Löw sprach, war "Dankbarkeit" das Wort, das er am häufigsten aussprach. Für die Zeit, die Menschen, die er getroffen hat. Löw: "Es ist vielleicht in ein paar Jahren nicht mehr ganz so entscheidend, ob man ein Spiel mehr oder weniger verloren hat. Entscheidend ist der Weg mit den Spielern und Betreuern und Freundschaften, die über diese Zeit hinausgehen."

Ein Reporter aus den Niederlanden fragt, ob Löw gerne Oranje trainieren würde

Das Halbfinal-Aus bei der EM 2016 in Frankreich sei vielleicht die bitterste Niederlage, sagte Löw, weil man ein gutes Turnier in einer unglücklichen Halbzeit gegen Frankreich verloren habe, auch die Episode rund um den Rücktritt von Mesut Özil sei eine "menschliche Enttäuschung" gewesen, sagte Löw, wobei er sich versöhnlich äußerte und sicher war, dass der Tag kommen werde, an dem man sich aussprechen könne.

Angesprochen auf sein Vermächtnis sagte Löw, dass es nach 2008 gelungen ist, das deutsche Spiel fußballerisch zu verbessern, eine Spielkultur einzuführen, sich nicht nur auf die deutschen Tugenden zu verlassen. "Es verschafft mir eine unglaublich große Befriedigung, dass es uns zwischen 2010 und 2017 unabhängig von den Turnierergebnissen gelungen ist, mit dem Fußball die Fans zu begeistern."

Und nun? "Ich werde weiter mit ganzem Herzen Fan dieser Mannschaft sein", sagte Löw dann noch. Er habe gar keine Pläne, nicht mal einen Urlaub habe er geplant, sagte Löw. Ein Reporter aus den Niederlanden fragte, ob er gerne Oranje trainieren würde, was Löw verneinte. Mit seinem Nachfolger Hansi Flick stand Löw schon vor und während der EM in Kontakt. Konkrete Ausblicke wollte DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der neben Löw auf dem Pressepodium saß, aber noch keine geben. Nur, dass kein aktueller Nationalspieler einen Rücktritt angedeutet habe.

"Ich habe immer mit bestem Wissen und Gewissen mit Hingabe und Leidenschaft für den DFB gearbeitet", sagte Löw. Er habe so viele Dinge erlebt, "die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Ich bin mit mir im Reinen". Sagte er noch - und dann war er nicht mehr Bundestrainer.

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