Deutschland gegen England:It's a Klassiker

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EM 96 Deutschland England 26 6 in Wembley 1 1 n V u 6 5 n Elfm Einmarsch der Mannschaften v; England

Einmarsch der Mannschaften: Andreas Möller (rechts) und Tony Adams führen 1996 Deutschland und England aufs Feld.

(Foto: Horstmüller/imago)

Fußballer müssen Spiele rational angehen - doch bei einer Partie zwischen Deutschland und England in Wembley beeinflussen schon vorher die Emotionen die Vorbereitung. Es ist und bleibt eine besondere Konstellation.

Kommentar von Philipp Selldorf

Widerstreitende Gefühle beschäftigten die deutschen Spieler und Trainer nach dem 2:2 gegen Ungarn. Viele der Beteiligten waren noch lange nach dem Abpfiff gezeichnet vom Schrecken dieses gefährlichen Abends, man war unzufrieden mit sich selbst, dass man es so weit hatte kommen lassen, aber auch erleichtert und ein bisschen stolz, die Bedrohung gemeinsam abgewendet zu haben. Bis sich bald reihum die Verwirrung in Erleuchtung verwandelte: Die nächste Station des Turniers würde Wembley heißen, und man würde gemeinsam Geschichte schreiben. Selbst der eben noch grimmige Chefkritiker Joshua Kimmich hatte plötzlich einen glücklichen Ausdruck im Gesicht: "Es gibt schlimmere Spiele als in Wembley gegen England", fiel ihm ein.

Der Klang des Wortes Wembley hat auf Fußballer immer noch eine magische Wirkung. Hört man sie über das Stadion reden, könnte man glauben, sie redeten von einem 2000 Jahre alten Tempel, der auf einem fernen Berg liegt und den Rang eines heiligen Ortes hat. Wenn dann auch noch eine Begegnung mit England ansteht, dann wähnen sich deutsche Spieler schon in der Ahnengalerie verewigt. Sie glauben, in Wembley automatisch vom Mantel der Geschichte gestreift zu werden.

Den besten Kommentar zu diesem Phänomen hat natürlich Franz Beckenbauer gesprochen, als er einst englische Reporter über das Verständnis der Partie in Deutschland aufklärte: "We call it a Klassiker", teilte er ihnen mit und prägte damit wieder mal eine Sentenz für alle Lebenslagen.

Selbst erfahrene Spieler lassen sich vom Mythos des Ortes Wembley bewegen

Selbstverständlich hat der Kaiser recht. So viele Begegnungen mit England finden sich sofort abrufbar im kollektiven Bewusstsein der Fußballnation: Das WM-Finale 1966 mit dem dritten Tor, das keines war (oder doch?). Die Halbfinals bei der WM 1990 und der EM 1996, die edelmütigen Ritterkämpfen glichen und bei den Engländern das unauslöschliche Elfmeter-Trauma hinterließen. Rechnet man die Resultate in bedeutenden Partien zusammen, liegen die Deutschen ohnehin klar vorn.

Eigentlich heißt das zwar nichts, doch selbst erfahrene Spieler wie Thomas Müller lassen sich vom Mythos des Ortes Wembley und den Vorzeichen der deutsch-englischen Fußballhistorie bewegen. Einerseits versichert er, dies sei auch nur eines von so vielen Achtelfinalspielen, andererseits gibt er zu, den Zauber seiner nostalgischen Erinnerungen an 2010 (WM-Achtelfinale in Südafrika) oder 2013 (Champions-League-Triumph in Wembley) immer wieder wachzurufen. Das Hirn signalisiert: Es ist nur ein Fußballspiel. Doch Emotion und Aberglaube lassen sich von dem rationalen Diktat nicht verdrängen.

Das Spiel am Dienstag wird also auf jeden Fall wieder ein Klassiker werden. Vielleicht endet es bloß mit einem dürren 1:0 - aber schon beim übernächsten Treffen wird dieses 1:0 verklärt erzählt werden.

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