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Eishockey-WM:Versehentlich Volksheld

2017 IIHF World Championship

Emotional: Antoine Roussel feiert eines seiner Tore gegen Finnland.

(Foto: REUTERS)
  • Die französische Eishockey-Nationalmannschaft hat sich mit 5:1 überraschend deutlich gegen Finnland durchgesetzt.
  • Mit zwei Toren und einer körperbetonten Spielweise war der französische Leistungsträger Antoine Roussel maßgeblich am Sieg beteiligt.
  • Der in der NHL aktive Linksaußen ist das neue Gesicht der Nationalmannschaft, obwohl er nur durch Zufall mit dem Eishockey begann.

Von Daniel Timm, Paris/München

Jetzt haben also auch die Franzosen einen Grund, sich für die Eishockey-WM im eigenen Land zu begeistern. Normalerweise firmiert die Grande Nation ja eher unter der Bezeichnung "Eishockeyzwerg", weil der Sport dort keine allzu große Rolle spielt. Aber es ist nun mal WM und da schaffte der Gastgeber vor einer Woche ein 5:1 gegen Finnland. Finnland, das ist als Unterscheidung wichtig, gilt weitläufig eher als sogenannter "Eishockeyriese". Unter der Woche besiegte Frankreich außerdem die Schweiz und schlug sich auch bei der knappen 2:3-Niederlage gegen Mitfavorit Kanada beachtlich. Mit ihren Vorrunden-Auftritten haben die Franzosen daheim einen kleinen Eishockey-Boom ausgelöst - und mitten drin befindet sich ein Mann namens Antoine Roussel.

Er ist der prägende Spieler des Nationalteams, der einheimische Heiland, den diese in Paris und Köln ausgetragene WM gebraucht hat. Gegen die Finnen schoss der NHL-Profi aus Dallas zwei Tore und verhalf seiner Mannschaft mit seinem Temperament zur bisher größten Überraschung des Turniers. Seitdem erfreut sich Frankreich an der Geschichte eines Mannes, dessen Eishockey-Karriere eigentlich auf einem Versehen basiert.

Wie für sportaffine junge Männer in Frankreich nicht unüblich, begeisterte sich der in Roubaix geborene Stürmer zunächst für Rugby. Mit dem Kufensport begann er erst, als er beim Rugby in Ungnade fiel. "Es war zu heiß draußen", erinnert sich der 27-Jährige in einem Interview mit dem Eishockey-Weltverband IIHF. "Ich war ständig dehydriert und bin andauernd vom Feld gerannt." Die Macken des jungen Rugbyspielers Roussel störten die Übungseinheiten und animierten seine Mitspieler dazu, es ihm gleichzutun.

Als sein Trainer von diesen Eigenheiten genug hatte, warf er Roussel aus dem Team. Seine Mutter hatte daraufhin den Einfall, ihren Sohn in die Eishalle zu schicken - und beschloss, dass Eishockey genau das richtige sei, um das Gemüt des Filius abzukühlen.

Eine Idee, auf die man in Frankreich erst mal kommen muss: Eishockey erfreut sich regional zwar größerer Beliebtheit, verbreitet ist das Spiel etwa in der Voralpenregion im Südosten, doch die Strahlkraft des Fußballs oder des berühmten Rugby-Nationalteams erreicht es nicht. Eine WM gibt es in Frankreich nun zum ersten Mal seit 66 Jahren wieder - als Co-Ausrichter mit Deutschland.

Beliebt als technisch begabter Unruhestifter

"Früher war das schwierig. Wir konnten schließlich kein Eishockey im Internet ansehen", erzählt Roussel vom Großwerden im analogen Zeitalter. "Mein Vater kaufte mir immer ein Eishockey-Magazin, das jeden Monat erschien. Also ich wusste schon Bescheid, wenn [der ehem. NHL-Held] Peter Forsberg ein gutes Spiel machte... halt nur einen Monat später." Für das französische Eishockey war er bald zu groß, und so zog Roussel im Alter von 16 Jahren nach Kanada, wo "Hockey" weit mehr als ein Nationalsport ist. "Um ehrlich zu sein: Ich war mir nicht sicher, dass ich Profi werden könnte", sagt Roussel heute, "ich hatte ein paar Kontakte und kam so an einen Vertrag. Das hat ganz gut gepasst."

Und wie es passte: Der Junge aus dem fernen Frankreich entwickelte sich in Nordamerika zum Topspieler. Seine Wucht und seine Strafzeitensammlung sind bemerkenswert - vergangene Saison packte er in acht Spielen die Fäuste zum Prügeln aus. In der NHL sind Unruhestifter wie er gerne gesehen - vor allem dann, wenn sie auch technisch einiges drauf haben.

Der 27-Jährige erzielte in der abgelaufenen NHL-Saison 12 Tore und 15 Vorlagen in 60 Spielen, machte sich einen Namen als Leader und ist seither bei den Dallas Stars Fanliebling. Von diesem Hype möchte nun auch das Nationalteam Frankreichs profitieren. Das Viertelfinale scheint möglich zu sein, sollte Frankreich am Sonntag (16.15 Uhr) Tschechien besiegen. Tschechien gehört eher zu den "Eishockeyriesen". Doch die Franzosen wissen mittlerweile, dass sie solche Teams besiegen können. In der internationalen Weltrangliste des Eishockey-Weltverbandes ist Frankreich noch auf Rang 14 gelistet - dank Roussel könnte sich das bald ändern.

© SZ.de//jbe
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