Eishockey-Torfrau Sandra Abstreiter:Vom Garagentor in die 20 000-Zuschauer-Arena

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Pionierin in der Profiliga: Sandra Abstreiter, 25, im Trikot von Ottawa. (Foto: Richard A. Whittaker/Icon Sportswire/Imago)

Sandra Abstreiter aus Freising ist die einzige Deutsche in der nordamerikanischen Frauen-Eishockeyliga. In Ottawa ist sie die Nummer zwei. Das DEB-Team soll die Torhüterin bei der WM ins Viertelfinale führen - mindestens.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Jeder Bayer, der eine Zeit lang außerhalb jenes wunderbaren Bundeslandes gelebt hat, kennt dieses arge Problem: Man kann vielleicht Autos exportieren und Bier - aber eine anständige Breze wie auf dem Viktualienmarkt, die kriegt man in Nordamerika nur schwer. "Brez'n! Bayerische Brez'n!", sagte Sandra Abstreiter auf die Frage eines Reporters, ob sie etwas vermisse in Ottawa/Kanada, wo die Freisingerin als Eishockey-Torhüterin beim dortigen Profiklub unter Vertrag steht - in einer Liga, die es erst seit August 2023 gibt und deren Struktur bewusst an die sogenannten "Original Six" der Männerliga NHL erinnern soll, die einst ersten Vereine: Sechs Teams in Boston, New York, Minnesota, Montreal, Ottawa und Toronto, die noch keine Spitznamen tragen, sondern nur das Kürzel der "Professional Women's Hockey League" als Zusatz: PWHL. Der Verein von Abstreiter also: PWHL Ottawa.

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Abstreiter war die einzige deutsche Spielerin, die bei der Talentbörse gewählt worden ist - in der zwölften Runde als 68. Akteurin des Jahrgangs. Viel Spielzeit hat die 25-Jährige seit dem Saisonstart zu Jahresbeginn nicht bekommen - was aber nicht verwundert: Die Nummer eins in Ottawa ist Emerance Maschmeyer, die wohl beste Torfrau der Welt, Olympiasiegerin mit Kanada bei den Spielen 2022 in Peking. Trotzdem war der Schritt aus Abstreiters Sicht wichtig und richtig: "Ich kann da jeden Tag auf WM-Niveau trainieren und spielen", sagt Abstreiter, die bislang bei drei Partien im Ottawa-Tor stand und dabei mehr als 91 Prozent aller Schüsse abwehrte, ein respektabler Wert: "So blöd das vielleicht klingt: Man lernt da im Training auch unfassbar viel. Das hilft mir jetzt natürlich, dass ich vorbereitet bin auf die WM."

Kollegiales Miteinander: Im Team von Ottawa ist die kanadische Olympiasiegerin Emerance Maschmeyer (links) die klare Nummer eins, Sandra Abstreiter hat bei ihren Einsätzen aber gezeigt, dass auch auf sie Verlass ist. (Foto: Richard A. Whittaker/Icon Sportswire/Imago)

Die PWHL pausiert gerade, denn: Am Mittwoch hat die Frauen-WM in Utica im US-Bundesstaat New York begonnen, das deutsche Team startet an diesem Donnerstag (21 Uhr) gegen Aufsteiger Dänemark. Im deutschen Tor ist Abstreiter die unbestrittene Nummer eins; sie soll der Rückhalt sein, der das deutsche Team aus der Gruppe mit Dänemark, Schweden, Japan und China ins Viertelfinale und möglicherweise noch ein klein wenig weiter führt. "Sie kann einen zum Verzweifeln bringen", sagt Teamkollegin Bernadette Karpf, die als Angreiferin aus Erfahrung spricht: "Sie ist sehr groß, sie kann das Spiel sehr gut lesen. Das macht es uns Stürmerinnen unheimlich schwer, gegen sie zu treffen."

Lernen von der Legende: In Erding trainierte Abstreiter unter Viona Harrer, der ersten Torfrau in einem deutschen Männer-Profiteam

Die Karriere der 1,81 Meter großen Abstreiter begann vor der Garage des Elternhauses in Freising in Bayern (legendär dort, das aber nur nebenbei: die Schweller-Brez'n). Die Garage war das Tor, der Bruder schoss - und weil sie viel hielt, kam sie in den Nachwuchs des TSV Erding; und so gehen nun mal die wunderbaren Sport-Geschichten: Sie trainierte in Erding unter der erfahrenen Torhüterin Viona Harrer, in der Saison 2007/08 beim EC Bad Tölz die erste Frau, die bei einem Männer-Oberligisten auf dem Eis stand. Mit dem deutschen Team erreichte Harrer bei Olympia 2014 in Sotschi den siebten Platz.

"Ich habe von ihr Equipment bekommen und mit ihr trainiert", sagt Abstreiter - sie erfuhr über die Karriere des Vorbilds aber auch: Mit Eishockey als Frau Geld verdienen ist in Deutschland in etwa so schwer wie die Brez'n-Suche in Nordamerika. Abstreiter wechselte 2017 ans US-College zu den Providence Friars, im Jahr 2021 wurde sie dort über die Disziplinen hinweg als beste Sportlerin der Uni ausgezeichnet. Sie war bereits im vergangenen Jahr die Nummer eins im deutschen WM-Tor; ihre Fangquote (92,9 Prozent) war außerordentlich, gegen Frankreich blieb sie sogar ohne Gegentor. Nach der Viertelfinal-Niederlage gegen die USA stand am Ende Platz sieben. Das soll in diesem Jahr besser werden.

Rückhalt im deutschen Team: Sandra Abstreiter im vergangenen November beim Deutschland Cup in Landshut. (Foto: ActionPictures/Imago)

"Mindestziel ist Viertelfinale", sagt Abstreiter, die Bundestrainer Jeff MacLeod eben nicht nur als Rückhalt, sondern auch als Inspiration für die Kolleginnen identifiziert hat: eine, die nun mal in der besten Liga der Welt spielt, vor jeweils 8500 Zuschauern in der meist ausverkauften Arena in Ottawa - in Toronto kamen bereits 19 250 Menschen; die Partie zwischen Montréal und Toronto nach der WM ist mit 21 000 Tickets ausverkauft. Die Liga boomt, die Leute kommen, im kommenden Jahr soll jedes Team 32 statt derzeit 24 Partien in der regulären Saison austragen. Auf dem eigenen Liga-Kanal bei Youtube sind auch in Deutschland alle Spiele live zu sehen.

"Wirklich, es hätte keinen besseren Start für die Liga und auch für mich geben können", sagt Abstreiter, die nun den Kolleginnen davon berichten kann, wie das so ist in dieser neuen Liga - und dass sich all das Training und alle Strapazen lohnen können, weil jetzt auch in Nordamerika Frauen Eishockeyprofis werden können.

Sandra Abstreiter zeigt ihre Heimatverbundenheit auf ihrer Torwartmaske. (Foto: ActionPictures/Imago)

Viel Zeit zum Plaudern bleibt freilich nicht. Nach dem Auftakt gegen Dänemark geht es gleich am Samstag gegen Japan und dann am Montag (Schweden) und Dienstag (China) um die Teilnahme an der K.-o.-Runde. Egal, wie das Turnier enden wird: Es bleibt auch danach kaum Zeit zum Durchschnaufen, die PWHL macht nur vier Tage nach dem WM-Finale weiter - Ottawa spielt am 20. April in Minnesota. Auf ordentliche bayerische Brez'n muss Sandra Abstreiter also noch ein bisschen verzichten.

Gruppenspiele des deutschen Nationalteams bei der Frauen-WM:

Donnerstag, 4. April (21 Uhr): Dänemark - Deutschland

Samstag, 6. April (21 Uhr): Japan - Deutschland

Montag, 8. April (17 Uhr): Deutschland - Schweden

Dienstag, 9. April (17 Uhr): Deutschland - China

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