Eishockey-WM:Eine wichtige Prüfung für den Kopf

Moritz Seider 53 of Germany after the match GERMANY - KAZAKHSTAN 2-3 IIHF Ice hockey, Eishockey WORLD CHAMPIONSHIPS Grou

"Jeder, der dachte, dass man einfach durch ein Turnier spaziert, weiß spätestens jetzt, dass dem nicht so ist": Moritz Seider (links) und die deutsche Eishockeymannschaft nach dem 2:3 gegen Kasachstan.

(Foto: ActionPictures/Imago)

Das deutsche Eishockey-Team muss nach der ersten Niederlage gegen Kasachstan schnell den Reset-Knopf drücken. Bei der WM warten schon die nächsten schweren Aufgaben.

Von Christian Bernhard

Wenn alles anders ist als sonst, kann es passieren, dass schon eine Sanddüne zum Spektakel wird. Für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft war der Ausflug in die nähere Umgebung der lettischen Hauptstadt Riga jedenfalls ein Höhepunkt ihrer inklusive Vorbereitungszeit nun schon sechswöchigen WM-Kampagne und eine Abwechslung zum eintönigen Alltag in der Corona-Blase in Lettland. Zwei Stunden Dünen-Besuch inklusive eigenem Pavillon und Catering - mehr Auslauf ist nicht drin.

Als "ziemlich lebenseinschränkend" beschreibt Franz Reindl, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), die Bedingungen für Spieler, Trainer und Betreuer in Riga. Einfach rausgehen und frische Luft schnappen "ist hier nicht möglich", ergänzte Sportdirektor Christian Künast. Umso besonderer war der Ausflug am Donnerstag, begleitet von einer Polizeieskorte, den die Spieler für einen Spaziergang am Wasser und die Trainer für eine Joggingrunde nutzten. Zuvor hatten sie in Riga nur den Speisesaal, ihre Hotelzimmer und das Stadion von innen gesehen. Bundestrainer Toni Söderholm wollte mit dem Ausflug am Tag nach der ersten Turnierniederlage gegen Kasachstan (2:3) den "Reset-Knopf" drücken. Seine Spieler sollten den Kopf frei bekommen.

Der Einzige, der nicht in den Genuss des Frischluftschnappens kam, war Dominik Kahun. Der Stürmer der Edmonton Oilers war erst am Mittwoch im Teamhotel angekommen und muss noch seine dreitägige Einzelquarantäne auf dem Zimmer absitzen. Seinen ersten Wunsch, ein Rad-Ergometer, bekam er zügig erfüllt. "Es wäre Blödsinn, drei Tage nur im Zimmer zu sitzen und mich nicht zu bewegen", sagte er im Video-Interview. Kahun hat eine lange und "ziemlich stressige" Anreise hinter sich. Nach dem Playoff-Aus seiner Oilers gegen Winnipeg und seiner Rückkehr nach Edmonton um fünf Uhr morgens hatte der 25-Jährige nur wenige Minuten Zeit, sich zu entscheiden, ob er zur WM reisen wolle.

Er wollte - und startete um elf Uhr kanadischer Ortszeit seine nächste Flugreise, die ihn via Montréal und Frankfurt am Main nach Riga führte. "Ich bin sicher, dass ich der Mannschaft noch mal Schwung gebe", sagte Kahun, dessen erster Einsatz laut Künast theoretisch schon am kommenden Montag gegen die USA möglich sei. Realistischer sei das letzte Gruppenspiel am Dienstag gegen Lettland. Über seine Rolle im Team und potenzielle Reihenkollegen habe er noch nicht mit Söderholm gesprochen, sagte Kahun.

Ob Lukas Reichel gegen Finnland wieder mitspielen kann? "Wir reden über einen 19-Jährigen, ich werde da kein Risiko fahren", sagt der Bundestrainer

Die Laune des Bundestrainers bei diesem Gespräch wird aber mit Sicherheit besser sein, als sie es am Mittwoch nach dem Spiel gegen Kasachstan war. Speziell als es um eine bestimmte Szene ging. Sein jüngster Spieler Lukas Reichel, 19, konnte vom zweiten Drittel an nicht mehr mitspielen, weil er zuvor einen rüden Check des Kasachen Ivan Stepanenko abbekommen hatte. "Das ist bereits der dritte Check gegen den Kopf gegen einen unserer Spieler in vier Spielen", schimpfte der Bundestrainer. Söderholm fühlte sich an eine ähnliche Szene vor zwei Jahren erinnert, als der damals 18-jährige WM-Debütant Moritz Seider eine Gehirnerschütterung erlitt und drei Spiele aussetzen musste. Reichel gehe es so weit gut, sagte Künast am Donnerstag, der Stürmer sei "nicht auffällig". Das Trainerteam geht das heikle Thema äußerst vorsichtig an. "Wir reden über einen 19-Jährigen", betonte Söderholm, "ich werde da kein Risiko fahren."

Was dem Bundestrainer nicht viel besser gefallen hatte, war die Art, wie sein Team gegen den Aufsteiger aufgetreten war. Die Müdigkeit nach dem schwer erarbeiteten 3:1-Sieg gegen Kanada zwei Tage zuvor war spürbar. Das Kanada-Spiel habe sehr viel Kraft gekostet, bestätigte Kapitän Moritz Müller. "Wir waren im Kopf ein bisschen langsam", ergänzte Söderholm, der dennoch auch im vierten Turnier-Spiel denselben 22 Akteuren vertraut hatte. Müller weiß, dass das schnelle Verarbeiten solcher Negativerlebnisse von essenzieller Wichtigkeit bei einem Turnier ist. Man könne nicht erwarten, zu einer WM zu kommen und jedes Spiel zu gewinnen: "Jeder, der dachte, dass man einfach durch ein Turnier spaziert, weiß spätestens jetzt, dass dem nicht so ist." Niederlagen gehörten dazu, "das müssen wir genauso verarbeiten wie den Sieg gegen Kanada".

Auf das DEB-Team warten weitere große Namen: Am Samstag (19.15 Uhr) geht es gegen Weltmeister Finnland, dann gegen die USA und zum Abschluss der Vorrunde gegen Lettland - alle Kandidaten für das Viertelfinale. Demnächst könnten sich auch die Rahmenbedingungen ändern, Reindl geht davon aus, dass noch Zuschauer in den Hallen zugelassen werden: "Vielleicht schon am Sonntag." Söderholm glaubt vor dem Duell mit seinem Heimatland, dass die finnische Spielweise seiner Mannschaft liegt. Moritz Seider weiß, was die deutsche Mannschaft erwartet. "Viele große Jungs, erfahrene Stürmer, eine starke Abwehr. Ein schnelles Team. Aber wir brauchen uns nicht zu verstecken." Schon gar nicht hinter einer Sanddüne bei Riga.

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