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DEL in der Krise:"Unser Ziel ist, dass es uns danach noch gibt"

Sebastian Vogl (25, Straubing Tiger ), Thomas Sabo Ice Tigers Nuernberg vs. Straubing Tigers, Eishockey, DEL, 11.10.2019

Will endlich wieder Eishockey spielen: Straubings Torhüter Sebastian Vogl.

(Foto: Thomas Hahn/Eibner/imago)

Eine ansteckende Schwere bei den Spielern, drohende Millionenverluste und Fans, die sich nicht mehr sehen: Was Corona mit Erstliga-Eishockey macht, zeigt sich am Standort Straubing.

Von Johannes Kirchmeier

Gerade versöhnt die Straubinger nur die Erinnerung ans letzte Mal. 4674 Zuschauer standen am 8. März im Eisstadion am Pulverturm und feierten ihre Tigers zum Hauptrunden-Ende: "Deutscher Meister wird nur der EHC!", schrien die Fans durch die Halle. Sie sangen vom kleinen Eishockeyclub Straubing, der als Dritter, stark wie noch nie, mit großen Ambitionen in die Playoffs der Deutschen Eishockey Liga gehen sollte. Und doch nie ging.

Spiele gab es seit diesem Märzsonntag nicht mehr. Die DEL beendete ihre Saison wegen des Coronavirus vorzeitig - als erste deutsche Liga. Und als der Lockdown nach und nach beendet wurde, konkurrierende Sportarten wie Handball, Basketball oder Volleyball sich mit Hygienekonzepten ans Spielen wagten, blieb es in der DEL still. Was macht dieser Lockdown mit einer Sportart? Was macht er mit den Menschen, die ihr Geld damit verdienen? Am kleinsten DEL-Standort Straubing beginnen die Antworten heute mit einem geseufzten, fast bedrückten "mei". Und das heißt nichts Gutes in Niederbayern.

Bis Mitte November soll zum dritten Mal über den Starttermin der DEL entschieden werden, frühestens im Dezember könnte es losgehen, so recht glauben wollen daran gerade nur wenige im Eishockey. "Ohne Moos nix los", sagt Tigers-Geschäftsführerin Gaby Sennebogen und bringt die Misere schnell auf den Punkt. Ihr Sportlerherz sage zwar "ja" zum Start im Dezember, und darauf arbeiten sie in Straubing auch hin, aber: "Ich bin äußerst skeptisch, ob in dieser Saison noch ein Spielbetrieb stattfinden kann. Darüber traut sich nur keiner zu sprechen."

1,5 Millionen Euro Minus ohne Saison - oder vier Millionen mit maximal 20 Prozent Auslastung

60 Millionen Euro fehlen der Liga für den Betrieb, teilte ihr Aufsichtsratschef Jürgen Arnold vor vier Wochen nach Beratungen aller Klubs mit. Der Tenor: Sie würden gerne spielen, aber können so nicht.

Vor allem die derzeit erlaubte Stadionauslastung von maximal 20 Prozent bereitet Sorgen. Zu abhängig sind alle Klubs, die je 300 000 Euro vom TV-Partner Magenta Sport bekommen, von der Kundschaft live in der Halle. "Unser Geschäftsmodell basiert seit jeher auf Zuschauern im Stadion. Es wäre nie jemand auf die Idee gekommen, dass keine mehr reingelassen werden dürfen", sagt Sennebogen. Mit steigenden Infektionszahlen zerschlägt sich wohl auch die Hoffnung auf baldige Aufstockung, 40 bis 50 Prozent würde Sennebogen aus kaufmännischer Sicht gerne in der 5700-Zuschauer-Halle in der 50 000-Einwohnerstadt sehen. Ihr Credo bleibt Jahr für Jahr: Nur keine Schulden machen. Anders als manche Konkurrenten konnten die Straubinger daher auch Unterstützung aus dem Corona-Hilfspaket des Bundes beantragen, bis zu 800 000 Euro kann es für entgangene Zuschauereinnahmen geben.

Trotzdem lautet eine Rechnung Sennebogens mittlerweile so: 1,5 Millionen Euro Minus ohne Eishockey-Saison; oder vier Millionen Euro Minus mit maximal 20 Prozent Auslastung. Anderen Erstligisten geht es ähnlich, nur die Ligen unter der DEL wollen starten. "Vielleicht hat die DEL zum Schluss alles richtig gemacht. Das ist meine Hoffnung, auch wenn's gerade keiner versteht", findet Sennebogen. "Für mich steht die Wirtschaftlichkeit vor dem Sport. Unser Ziel ist, dass es uns danach noch gibt." Darauf schauen auch die 21 Straubinger Gesellschafter, eine Struktur, die nach der Insolvenz des EHC 2002 entstand. In der Krise kommt sie dem Klub entgegen: "Wir haben hier nicht 17 Jahre lang alles aufgebaut - und das war's dann." Noch halten auch die Sponsoren die Treue. Aber wer weiß, wie das nach anderthalb Jahren ohne Eishockey wäre.

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