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Eishockey: 42 Penaltys:"Hey, was geht ab, wir schießen die ganze Nacht"

Schuss auf Schuss: Bis das 5:4 der Straubing Tigers beim EHC München feststeht, dauert es nach der Verlängerung noch einmal 35 Minuten.

Es war kein besonders spannendes Eishockeyspiel zwischen dem EHC München und den Straubing Tigers. Nach der Verlängerung stand es 4:4. Wasdann folgte, hatte es in der Geschichte der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) noch nie gegeben: 35 Minuten Penaltyschießen. Erst nach dem 42. Versuch stand der Sieger fest - Straubing gewann 5:4. Eine Chronologie:

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Auch Straubings Sandro Schönberger (links) kann seinen Penalty nicht verwandeln.

(Foto: imago sportfotodienst)

Es muss, natürlich, über Sebastian Elwing gesprochen werden, den Torhüter des EHC München. Eishockey ist ein Torwart-Sport, für sie ist der Grat zwischen Heldentum und Hohn schmal, furchtbar schmal. Elwing hätte am Sonntag der große Gewinner werden können, aber er wurde der unglücklichste Verlierer in einer unglücklichen Verlierermannschaft. Elwing hatte im zweiten Drittel ein blödes Gegentor kassiert, ein harmloser Schuss von der Mittellinie war in einer Delle auf dem Eis gelandet und versprang so, dass Elwing keine Chance mehr hatte, "aber ausgesehen habe ich wie ein kleiner Depp". Das Penalty-Schießen bietet ihm die Chance zu spätem Ruhm, und Elwing macht seine Sache beeindruckend gut. Eigentlich.

21.28 Uhr: Das Penalty-Schießen beginnt. Straubings Derek Hahn, kanadischer Topscorer der Liga, sitzt auf der Strafbank. Er hat zum Ende der Nachspielzeit eine Zwei-Minuten-Strafe ausgesprochen bekommen. Hahn ahnt noch nicht, dass er die längsten zwei Minuten seines Lebens absitzen muss. Er blickt ruhig hinter der Scheibe hervor, nur ein etwas grimmiger Blick fällt auf.

21.40 Uhr: Hahn sitzt noch immer. Beide Teams haben je einmal getroffen. Danach vergehen etwa zehn Minuten ohne Tor, stets nach folgendem Schema: Der Spieler einer Mannschaft trifft nicht, daraufhin verschießt auch der Schütze des anderen Teams. Trifft der eine, trifft auch der andere. Ein Krimi.

21.52 Uhr: Hahn, noch immer auf der Strafbank, diskutiert mit einem DEL-Verantwortlichen, ob er nicht einfach zu seinen Kumpels auf die Bank darf. Der Verantwortliche verneint.

Situationskomik und Küchenpsychologie

Während das Publikum singt: "Hey, was geht ab, wir schießen die ganze Nacht", denkt Derek Hahn sich ein Spiel gegen die umgreifende Langeweile aus - zusammen mit seinen Kumpels von der gegenüberliegenden Ersatzbank. Und das Spiel geht so: Die Spieler auf der Ersatzbank setzen sich nach und nach umgekehrt ihren Helm auf, in der Hoffnung dadurch zu treffen. Ein Aberglaube, der seinen Ursprung in der amerikanischen Baseball-Liga hat. Dort nennt man es "rally cap". Bringt auch nichts.

Nach dem 26. Penalty folgt der 27. Penalty; die Straubinger Fans reiben sich die Augen. "Wer steht da?", wundern sie sich im Kollektiv. "Der Draxinger." Tobias Draxinger, Verteidiger der Straubinger, schießt eigentlich in etwa so häufig aufs Tor wie Oliver Kahn zu seinen besten Offensivzeiten. Sein Trainer, Jürgen Rumrich, sagt, in diesem Moment habe er auf seinen Bauch gehört, "also mal den genommen, mal den genommen". Jetzt also den Draxinger. Der schießt einfach. Und trifft.

Der 28. Penalty, EHC-Center Christian Wichert läuft an, er weiß, der Puck muss an Dimitri Pätzold, dem Torwart der Straubinger vorbei. Sonst ist es vorbei für den EHC. Pätzold selbst muss, als er Wichert auf ihn zulaufen sieht, kurz an Tennis denken: "Ich komme mir vor wie bei einer US-Open-Night-Session, als ob es im fünften Satz 17:17 stehen würde." Wichert fährt nach rechts, schießt nach links, Pätzold taucht ab, hält nicht. Ausgleich. Alles auf Anfang. Großes Tennis.

Sebastian Osterloh, der Kapitän der Straubinger versucht EHC-Torwart Elwing mit Situationskomik zu überwinden, fährt acht mal zwischen der linken und der rechten Bande hin und her, bevor er abzieht. Er trifft nicht, sogar die Straubinger Bank lacht. Auch Situationskomik hilft nicht.

35. Penalty: Neville Rautert trifft. Andy Canzanello im 36. Versuch auch. Auf ein Wiedersehen. Denn: Beide Trainer holen die Küchenpsychologen aus sich heraus; sie lassen beim 37. und 38. Penalty wiederum Rautert und Canzanello antreten. Beide verschießen. Küchenpsychologie hilft auch nicht.

22.03 Uhr: Straubing hat 5:4 gewonnen.

Langsam macht sich Endzeitstimmung breit. Sowohl die EHC-, als auch die Straubing-Fans singen: "Nur nach Hause wollen wir fahren."

Straubings Draxinger trifft zum zweiten Mal. "Ich habe seit ich ein kleines Kind war, keinen Penalty mehr geschossen", sagt er im Anschluss an die Partie. Und: "Verteidiger halt."

22.02 Uhr: Sebastian Elwing im Münchner Tor gegen Eric Meloche, der 41. Versuch. In so einer Situation, sagt Elwing, "blendest du alles aus". Wer zuerst zuckt, hat verloren. Elwing kurvt aus dem Tor heraus, verkürzt den Winkel und verdeckt doch das Tor. Meloche stürmt auf ihn zu. Als er vor ihm ist, muss für Elwing alles ganz schnell gehen: Stock vor, links runter, rechts runter, rechter Arm hoch, linker Arm hoch - es gibt eine Vielzahl von Entscheidungen. Elwing hat am Sonntag viele richtige Entscheidungen getroffen, er hat 16 von 21 Schüssen gehalten, "das ist eigentlich genug". Dennoch liegt er bis drei Uhr nachts wach im Bett: Es war eine Parade zu wenig. Meloche trifft.

Irgendwann, sagt EHC-Trainer Pat Cortina, "ist es frustrierend geworden". Als nächsten Schützen bestimmt er Stéphane Julien: Der Kapitän hat seinen bis dahin einzigen Versuch zwar verschossen, aber die Schiedsrichter mussten dazu den Video-Beweis heranziehen. Julien hat also fast getroffen, und an diesem verrückten Abend spricht sogar das für ihn. Julien läuft an, die Augen auf Pätzold gerichtet, er zieht nach links, Pätzold wirft sich nach rechts unten, genau dort will Julien ihn haben, "da hast du das Spiel in deiner Hand": nun nur noch den Puck links oben rein. Julien schießt aber flach, auf den Schoner von Pätzold. Julien kurvt zurück, ganz langsam, an ihm vorbei stürmen die Straubinger Spieler auf Pätzold zu. 22.03 Uhr: Straubing hat 5:4 gewonnen.

Auch Derek Hahn darf nun endlich von der Bank. Eigentlich schaut er immer Sonntagnacht zusammen mit seinem kanadischen Kollegen, Eric Meloche, dem Siegtorschützen, ein Sonntagsspiel der Major League Baseball an. An diesem Abend aber wartet seine Mutter daheim auf ihn. Es wurde etwas später.

© SZ vom 23.11.2010/alin
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