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DFB-Elf:Die Regisseurin kehrt zurück

Germany Press Conference & Training - FIFA Women's World Cup France 2019

"Die Dzseni wird im Viertelfinale wieder auflaufen, dafür haben wir alles gegeben, dafür sind wir marschiert, dafür hat dieses Team gearbeitet."

(Foto: Getty Images)
  • Dzsenifer Marozsán, die fußballerisch Beste der deutschen Mannschaft, kehrt im Viertelfinale wohl nach ihrem Zehenbruch zurück.
  • Das Team hatte es nicht geschafft, die kreative Regisseurin vollverwertig zu ersetzen: Man merkte dem Spiel ihr Fehlen an.
  • Es ist zu erwarten, dass ihre Rückkehr der Mannschaft einen deutlichen Schub gibt.

Von Anna Dreher, Grenoble

Wann bei einer Pressekonferenz unter so vielen Sätzen die entscheidenden gesagt werden, weiß vorher niemand. Die Intonierung hilft nicht immer, es gibt auch keine Warnleuchte über dem Podium, die dann angeht, um zu signalisieren: So, jetzt bitte alle aufpassen! Gäbe es eine, hätte sie nach dem 3:0-Sieg der deutschen Fußball-Frauen gegen Nigeria in dem Moment angefangen zu blinken, in dem Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg über Ballstafetten und gute Standards sprach. Dabei erinnerte sie auch daran, dass die mit einem Zehenbruch ausgefallene Dzsenifer Marozsán zwei Wochen lang nicht einsatzfähig gewesen ist, und dann - Auftritt Warnleuchte! - sagte sie: "Uns fehlt eine der besten Fußballerinnen der Welt - und trotzdem wird teilweise hinterfragt, warum wir dieses oder jenes nicht noch besser machen. Die Dzseni wird im Viertelfinale wieder auflaufen, dafür haben wir alles gegeben, dafür sind wir marschiert, dafür hat dieses Team gearbeitet.

Und deshalb sind wir alle glücklich." Voss-Tecklenburg, 51, platzierte diese Information in ihre Antwort auf eine Frage nach der Passgenauigkeit ihrer Spielerinnen gegen Nigeria. Doch nichts an dieser Aussage war beiläufig eingebettet. Es war nach dem Einzug ins Viertelfinale die wichtigste Information des Abends: Marozsán, die technisch und fußballerisch Beste dieser Mannschaft, ausgeknockt nach einem Tritt im ersten Gruppenspiel gegen China, wird im Viertelfinale gegen Schweden oder Kanada wieder auf dem Platz stehen.

Die 27 Jahre alte Spielmacherin von Champions-League-Sieger Olympique Lyon hatte beim Achtelfinale in Grenoble zum ersten Mal seit dem WM-Auftakt wieder dem Kader angehört, nachdem sie am Freitag ihr erstes komplettes Mannschaftstraining seit der Verletzung absolviert hatte. Voss-Tecklenburg hatte schon in den Tagen davor optimistisch geklungen, wenn es um die Einsatzchancen Marozáns ging. Es mutete fast schon überraschend optimistisch an, angesichts dessen, dass da nach nur elf WM-Minuten ein Knochen in einem für Fußballer nicht ganz irrelevanten Körperteil ramponiert worden war. Marozsán im Achtelfinale auf die Bank und nicht auf die Tribüne zu setzen, war aber keineswegs nur ein Manöver, um den Gegner zu verunsichern. "Wir hätten Dzsenifer heute eingewechselt, wenn wir sie gebraucht hätten, wenn das Spiel eng gewesen oder es in die Verlängerung gegangen wäre. Das war schon unser Plan", bestätigte Voss-Tecklenburg. "Jetzt sind wir froh, dass Dzseni noch eine ganze Woche arbeiten kann. Ich bin sehr hoffnungsfroh, und Stand heute würde ich sagen: Ja, sie spielt wieder im Viertelfinale."

Marozsán selbst wirkte gelöst, als sie nach dem Sieg der Teamkolleginnen, bei dem ihr Mitwirken letztlich nicht nötig war, durch die Katakomben im Stade des Alpes in Grenoble lief. In ihren Aussagen aber war sie zurückhaltender als ihre Trainerin: "Der Zeh ist nach wie vor gebrochen und ein Bruch dauert sechs bis acht Wochen, der wird nicht schneller zusammenwachsen. Daher ist es schön, dass ich noch mal sieben Tage gewonnen habe", sagte sie: "Die Entscheidung liegt auf beiden Seiten. Ich muss das natürlich wollen, und ich habe der Trainerin gesagt: Ich bin bereit, vom Kopf her frei - wenn die Mannschaft mich braucht, bin ich da! Was dann am 29. ist, kann ich leider noch nicht sagen."

Vollwertig ersetzen konnte das Team ihre kreative Regisseurin nicht

Die Hoffnung im deutschen Team, dass Marozsán die Ziellinie im Rennen ums Comeback tatsächlich bis zur K.-o.-Runde erreichen würde, war immer spürbar gewesen, begleitet von vorsichtigen Prognosen. Wie gravierend der Ausfall war, hatte vor allem Voss-Tecklenburg deutlich gemacht: "Dzsenifer Marozsán kann man nicht ersetzen. Das funktioniert nicht, weil sie besondere Eigenschaften und Fähigkeiten hat."

Vollwertig ersetzen konnten die anderen Spielerinnen ihre kreative, ballsichere Regisseurin tatsächlich nicht, kompensieren konnten sie den Ausfall schon. Als einzige Nation neben dem großen Turnierfavoriten USA ist Deutschland auch ohne Marozsán von Runde zu Runde ohne Gegentor erfolgreich geblieben, vor allem dank einer kämpferischen Mannschaftsleistung, gepaart mit hoher taktischer Flexibilität.

Das zu sehen, half auch Marozsán dabei, sich mit größerer Ruhe auf die eigene Rückkehr vorzubereiten und, so wurde von Trainerin und Spielerinnen berichtet, trotzdem mit guter Laune stets stark im Gruppengeschehen involviert zu bleiben. Geholfen hat Marozsán auch ihre persönliche Geschichte. "Ja, wie schafft man das? Da muss man schon einiges im Leben mitgemacht haben. Es gibt Schlimmeres als einen Zehenbruch", sagte Marozsán, die sich bereits nach ihrer im Sommer 2018 erlittenen Lungenembolie hatte zurückkämpfen müssen. Im Vergleich dazu empfand sie den aktuellen WM-Ausfall als halb so wild: "Da ist das nichts dagegen. Wenn man so etwas erlebt, geht man mit einer anderen Sicht durch die Welt."

Es ist eine Sicht, die Marozsán zu einer noch besseren, reiferen Spielerin gemacht hat. Mit ihrer Rückkehr bei dieser Weltmeisterschaft würde vor allem das fußballerische Element im deutschen Spiel, das bisher nicht auf höchstem Niveau lag, gestärkt werden. Und das könnte gegen zunehmend besser werdende Gegner ein entscheidender Vorteil sein.

© SZ vom 24.06.2019/vit
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