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Dortmunds Trainer Jürgen Klopp:"Diese Meisterschaft war einfach zu leicht"

Der coole Käpt'n Klopp lotst die Dortmunder Matrosen durch eine abenteuerliche Saison. Er ist Meister des Tonfalls, Meister der Selbstdarstellung - und mit dem BVB nun Meister der Bundesliga. Eine Bilanz dieser außergewöhnlichen Spielzeit möchte Klopp aber nicht ziehen. Denn er hat noch Ziele.

Ulrich Hartmann

Der Fußballtrainer Jürgen Klopp macht selbst dann eine gute Figur, wenn er mit bierklebrigen Haaren Interviews gibt. Klopp ist Meister des Tonfalls, Meister der Selbstdarstellung und mit Borussia Dortmund Meister der Bundesliga - Letzteres nun zum zweiten Mal nacheinander. "Man kann ihn spontan in einen Raum mit 500 Leuten stecken und er unterhält sie alle bestens", hat sein früherer Spieler Nuri Sahin einmal gesagt. So darf man sich unter Klopps Regie offenbar auch die gelegentliche Atmosphäre in der Kabine vorstellen.

Der Torwart Roman Weidenfeller sagt: "Wir sind eine außergewöhnliche Profitruppe, der Zusammenhalt ist enorm, wir singen in der Kabine sogar Vereinslieder - welche Profimannschaft macht so was heute noch?" Am Samstagabend haben sie auch auf dem Platz gesungen. Als die siegestrunkenen Fußballer vom Singen und Hüpfen vor der Südtribüne an die Mittellinie zurückkehrten, warteten dort ihre Frauen und Freundinnen. Die Damen herzten ihre Helden wie Matrosen, die gerade von einer mehrmonatigen Seereise heimkehren.

Für die Fußballer von Borussia Dortmund ist mit dem 2:0 gegen Borussia Mönchengladbach tatsächlich eine abenteuerliche Reise zu Ende gegangen, die mit Flauten, Stürmen und zwischenzeitlichem Kentern alles geboten hatte. Mit voller Fahrt durch nun 26 Spieltage ohne Niederlage ist die Borussia schließlich souverän in den Zielhafen eingelaufen. Der zweite Meistertitel nacheinander ist zugleich der achte in der Vereinsgeschichte, und weil es der fünfte seit Gründung der Bundesliga ist, darf Dortmund ab der kommenden Saison mit zwei Sternen auf der Brust spielen.

Nächstes Ziel: Punkte-Rekord

Klopp ist der coole Käpt'n dieser kampferprobten Crew. Der sechste Platz in seiner ersten Saison, der fünfte in seiner zweiten und nun zwei Meistertitel nacheinander dokumentieren einen so konstanten Aufwärtstrend, dass mancher der Borussia für die Zukunft eine noch dominantere Rolle voraussagt. Das Team bleibt wohl weitgehend zusammen, Klopps Vertrag ist ebenso bis 2016 verlängert wie jener vom Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und vom Sportdirektor Michael Zorc.

Watzke hatte sich im Februar zu der Aussage hinreißen lassen, er werde Klopp nie entlassen. "Da kann passieren, was will." In Mainz war Klopp vor vier Jahren von selbst gegangen, nachdem er den Wiederaufstieg versäumt hatte. Unter Tränen verabschiedete er sich damals von den Fans.

Am Samstag rannen weniger Tränen, die Dortmunder sind im Adrenalinrausch. Seit dem sechsten Spieltag, seit Mitte September, hat die Borussia keine Partie mehr verloren und strebt bei zwei noch ausstehenden Partien den Liga-Rekord von 81 Zählern an. "Nach dem sechsten Spieltag auf dem elften Platz haben alle gesagt: Was ist mit dieser Mannschaft los? Sind die nervös? Können die nicht mit Druck umgehen?", erinnert sich Flügelstürmer Kevin Großkreutz, "aber danach haben wir allen gezeigt, was für eine geile Truppe wir sind."

Großkreutz macht vor allem die Leidenschaft im Team für den Erfolg verantwortlich. Dass er am Samstag wegen einer gebrochenen Nase nicht mitspielen konnte, rührt von einem Trainingsunfall und nicht von einer Meinungsverschiedenheit in der Kabine. "Wir spielen mit Leidenschaft, mit Herz und mit Liebe", sagt Großkreutz, "Mannschaft, Fans und Trainer bilden eine Einheit, so einen Zusammenhalt wird es, glaube ich, nie wieder geben." Und, ja, sagt Großkreutz, das liege entscheidend mit am Trainer.

Spott für Uli Hoeneß

Jürgen Klopp sprach in einer ersten Analyse dieser Saison nicht primär vom Spaß, sondern von der Fähigkeit, Rückschläge wie den verpatzten Saisonstart und das deutliche Aus nach der Gruppenphase der Champions League wegzustecken. "Die größte Leistung dieser Mannschaft besteht darin, wie sie Erlebtes und Erlerntes in Erfahrung umsetzt und auf den Platz bringt", hat Klopp als eine Art Saisonbilanz formuliert, aber alles weitere Bilanzierende dann doch gleich wieder abgewürgt, weil die Saison eben noch nicht zu Ende ist. Den 81-Punkte-Rekord würden sie schon ganz gern holen, noch lieber würden sie am 12. Mai das Pokalfinale gegen den FC Bayern gewinnen. Es wäre das erste Double der Vereinsgeschichte.

Beim Lieblings-Italiener landeten Samstagnacht Antipasti, Heilbutt und Rinderfilet auf den Tellern, doch bevor gegessen wurde, machte Klopp schon wieder Späße. "Diese Meisterschaft war einfach zu leicht", witzelte er übermütig im gespielten Interview mit Michael Zorc und lobte den Manager übertrieben für die Zusammenstellung des Kaders. "Und das für nur 45 Millionen. . . ", sagte Klopp in Anspielung auf den Spott des Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß, der diesen angeblichen Dortmunder Etat angezweifelt hatte. ". . . 45 plus X", schob Zorc deshalb hinterher. Dann lachten sich beide kaputt.

© SZ vom 23.04.2012/bero
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