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Dortmund-Fans protestieren in Hamburg:"Kein Zwanni für 'nen Steher"

Am Sonntag wollen sich 1000 Fans von Borussia Dortmund zwar direkt vor dem Hamburger Stadion versammeln, auf das Spiel zwischen dem HSV und dem BVB aber demonstrativ verzichten. Der Grund: die hohen Eintrittspreise. Die Fans wollen keine englischen Verhältnisse - dort kosten die billigsten Saisontickets umgerechnet fast 1000 Euro.

Freddie Röckenhaus

Für die meisten Teilnehmer dürfte es eher Opfergang als Demonstration werden: Am Sonntag wollen sich rund 1000 Fans von Borussia Dortmund zwar direkt vor dem Gästeblock des Hamburger Stadions versammeln, auf das Spiel zwischen dem HSV und dem BVB aber demonstrativ verzichten.

BVB-Fans hoeren aus Protest Radio

BVB-Fans protestieren mit dem Spruch "Ihr macht unsern Sport kaputt".

(Foto: dapd)

Sie planen, die Partie vor den Stadiontoren im Radio zu verfolgen. Vertreter der vereinsübergreifenden Fangruppe "Totale Offensive" wollen für die Dortmunder aus Solidarität Tee und Kaffee kochen. Die HSV-Fangruppe "Chosen Few" kündigte zudem für die ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit einen "Stimmungsboykott" an und will Anfeuerung und Jubel in dieser Phase verweigern.

Zu der Aktion hat die Dortmunder Faninitiative "Fußball muss bezahlbar bleiben" aufgerufen. Unter dem Slogan "Kein Zwanni für 'nen Steher" - in einem Logo verbunden mit dem Konterfei der Ruhrpott-Ikone Jürgen von Manger - wirbt die Gruppe seit 2010 für maßvolle Eintrittspreise. Mehrere Dortmunder Spieler und zuletzt auch der HSV-Profi Marcell Jansen solidarisierten sich. Auf der Facebook-Seite der Gruppierung haben sich etwa 13.000 Fans fast aller Bundesliga-Klubs eingetragen.

Gegen englische Verhältnisse

Einer der Sprecher der Initiative, BVB-Fan Marc Quambusch mit Wohnsitz in Hamburg, würde die ursprüngliche Forderung für Stehplatz-Tickets gerne erweitern: "Es müssen in unseren Stadien auch bezahlbare Sitzplätze angeboten werden. Wenn zum Beispiel ein Gebäudereiniger 1500 Euro im Monat hat, kann er es sich einfach nicht leisten, für sich und seinen kleinen Sohn zweimal 48 Euro für zwei Sitzplatzkarten auszugeben."

Die Fan-Gruppe hat zumindest an ihrer Heimatbasis Dortmund bereits durchschlagenden Erfolg. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke deckelte die Preise für die 25.000 Stehplätze auf der Dortmunder Südtribüne auf 14,80 Euro. Außerdem wendet Dortmund die sogenannten "Top-Zuschläge" nicht mehr auf das Stehplatz-Kontingent für Gäste-Fans an.

Die Gruppierung hatte erstmals im September 2010 auf sich aufmerksam gemacht, als 1600 BVB-Fans ihre Eintrittskarten für das Ruhrpott-Derby bei Schalke 04 zurückgaben, um dort gegen die zum Teil um 50 Prozent erhöhten Ticketpreise zu protestieren. Der BVB hatte die Fans unterstützt, nahm alle Tickets an und reichte sie an Schalke zurück. In Hamburg rechnen die Initiatoren damit, dass das Stadion - trotz des Gastspiels des Meisters - nicht ausverkauft sein wird. Die 850 Karten zu je 19 Euro plus Vorverkaufs- und Versandgebühren im Gäste-Stehblock des HSV sind verkauft.

Grundsätzlich warnt die Initiative vor "englischen Verhältnissen". In der Premier League gibt es seit Jahren keine Stehplätze mehr; die billigsten Saisontickets kosten in England umgerechnet fast 1000 Euro. "Die meisten englischen Fans", sagt Marc Quambusch, "kennen gemeinsames Fußballgucken nur noch aus dem Pub. Das kann nicht gut für den Fußball sein." Die Fan-Initiative will erreichen, dass sich weiterhin alle Einkommensgruppen in der Gesellschaft einen Stadionbesuch leisten können. Das Ziel: maximal 15 Euro für den Stehplatz, rund 25 Euro für den billigsten frei verkäuflichen Sitzplatz.

© SZ vom 21.01.2012/ebc

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