Doping im Sport:Pinkeln darf man hier vor Lachen

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Doping im Sport: Was ist eine Dopingprobe wehrt, wenn die Athleten den Zeitpunkt selbst bestimmen dürfen?

Was ist eine Dopingprobe wehrt, wenn die Athleten den Zeitpunkt selbst bestimmen dürfen?

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Recherchen legen nahe, dass Tennisprofis den Zeitpunkt ihrer Dopingtests selber wählen durften. Was für eine Zeitverschwendung.

Kommentar von Thomas Kistner

Warum der Spitzensport eine so krisenfeste Wirtschaftsbastion ist, die nicht einmal Kriege und Pandemien aushebeln können? Weil er für weite Teile des Publikums nicht das ist, was er wirklich ist: ein knallhartes Profitsegment der Unterhaltungsindustrie. Für seine Fans, überwältigt vom hochauflösenden Anblick fein gemaserter Athletenleiber, ist er das Gegenteil: ehrfurchtsgebietend, herrje, sakral. Eine Religion! Gern auch Abspielfläche für das eigene, kaum gelebte Körperleben. Ein Blick in die Dopingreports aus Freizeit- und Seniorenklassen genügt: Fußball, Tennis, Radln. Tja, nur die Helden dopen nicht. Die werden ja ständig intensiv getestet, nicht wahr?

Damit zurück zum Profisport. Vom Tennis kommt die Kunde, dass die Weltbesten dort selbst die Zeiten festlegen dürfen für das, was lustigerweise "Zufallstests" heißt. Und dass der Weltverband ITF die Dopingtests gleich dreimal gezählt habe: So kriegt man schön hohe Zahlen aufs Papier, die nach außen eine rigide Kontrolle vorgaukeln. Liebe Güte, die armen Profis! Kommen die zwischen all der Pinkel- und Blutzapferei überhaupt noch zum Spielen?

Pinkeln darf man hier vor Lachen. Das Publikum, betreut von einer traditionell überwiegend naiven Sportpresse, geht derlei verlässlich auf den Leim. Obwohl ständig auffliegt, was den Hochleistungs-Betrieb am Laufen hält: Etwas, das auf gar keinen Fall unabhängig und effektiv untersucht werden darf! Aber nein, wir wollen ja nichts Verbotenes unterstellen, nur weil alles klar darauf hindeutet - es wird schon Knäckebrot, Wasser und dieses tolle Elektrolytzeugs sein, oder?

Ein Name sticht bei den Affären in England immer wieder ins Auge: Nicole Sapstead

Wenn Profis die Zeitfenster für ihre Dopingtests selber bestimmen, ist jede Kontrolle Zeitverschwendung. Das ist so, als würde die internationale Bankräuber-Innung die Dienstpläne der Polizei gestalten. Schaut man jetzt aufs Tennis, das sich bisher aus fast jeder Verdachtslage befreien konnte, ohne sie je zu entkräften, sticht ein Name ins Auge: Nicole Sapstead.

Die Britin hat aber auch Pech! Immerzu umhüllt sie eine Verdachtswolke. Sapstead war Chefin der britischen Anti-Doping-Agentur (UKAD), welche berüchtigt ist für prominente Verdachtsfälle, die im Sande verliefen. 2016 stand UKAD im Fokus einer gewaltigen Affäre um einen Londoner Gynäkologen, den 150 Athleten aus Profifußball, Radsport, Bodybuilding etc. aufgesucht hatten. Ein als Kunde getarnter Undercover-Journalist schnitt über Monate Aussagen des Arztes mit wie jene, er habe Topleute jahrelang "mit allem, was schneller und stärker macht und verboten ist", versorgt. Er stellte sogar Rezepte über starke Dopingmittel aus - wie Jahre zuvor einem echten Klienten, der als Doper aufflog und die Recherche angestoßen hatte. Dieser Radsportler hatte sich zuvor an Sapsteads Agentur gewandt. Ohne Konsequenzen.

Gerade ist UKAD wieder in Not. Untersucht wird der Fall eines prominenten, nicht benannten britischen Radprofis, der 2010 Steroid-Spuren aufwies. Anstatt weiter zu forschen, soll UKAD die Sache an den Radverband abgegeben haben. Zu Jahresanfang ist Sapstead nun zur ITF gewechselt, leitet dort das Anti-Doping-Programm. Und jetzt will die britische Presse Beweise haben dafür, dass sie Spieler schriftlich auf Tests vor den Miami Open im März hingewiesen habe.

Nur, das Problem in dieser Affäre ist dasselbe wie immer: Der Sport darf seine Probleme selbst regeln, er darf sie auch einfach unter den Tisch kehren. Solange das so bleibt, ist dem Publikum nur zuzurufen: Allzeit gute Unterhaltung!

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