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Doping-Urteil gegen Sun Yang:Kontrolleure verfügten über "alle geltenden Anforderungen"

Unter dem Post drückten seine Fans ihren Ärger über das Urteil aus. Die meisten schrieben nur eine Zeile: "Ich glaube dir!" oder "Halte durch!" Sun Yangs Verurteilung gehörte am Freitag zu den meistdiskutierten Themen überhaupt auf Weibo. Unterstützung kam auch von Chinas Schwimmverband. Die beauftragte Testagentur habe an jenem Abend 2018 "unprofessionelle, unakkreditierte Personen beschäftigt, um die Tests bei Sun Yang vorzunehmen", schrieb der Verband in einem Statement. Das habe die Kontrolle "illegal und ungültig" gemacht. Man sei "zutiefst enttäuscht", dass der Cas diesen Umstand nicht zur Kenntnis genommen habe.

Das war tatsächlich die entscheidende Frage gewesen: Hat sich das Kontrollteam des schwedischen Test-Dienstleisters bei dem unangekündigten Test ausreichend ausweisen können? Ein Assistent hatte nur seinen chinesischen Pass vorgezeigt (und noch dazu offenbar private Fotos gemacht), eine beteiligte Krankenschwester hatte nur ein Krankenschwesterzertifikat dabei. Die Kontrolleurin, eine Chinesin, war die einzige mit einem Bestätigungsschreiben. Das sei, gemessen an den Empfehlungen, zwar nicht "best practise", hatten die Wada-Vertreter in der Anhörung zugegeben - aber letztlich ausreichend.

So sahen es nun auch die drei Cas-Richter unter dem Vorsitz des ehemaligen italienischen Außenministers Franco Frattini: Das Personal habe über "alle geltenden Anforderungen" verfügt. Und selbst, wenn Sun Yang und seine Entourage das in dieser Nacht bezweifelten: Dann hätten sie ihre Einwände im Nachhinein schriftlich einreichen müssen. Aber eine Urinkontrolle zu verweigern, eine Blutkontrolle mit dem Hammer zertrümmern zu lassen und so "zu verhindern, dass die Probe später getestet werden kann" - das sei in jedem Fall ein schwerer Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen.

Nach allem, was Sun Yang und seine Zeugen in Montreux erklärt haben, war das zwar gar nicht seine Idee. Zwei hinzu gerufene Ärzte hatten verfügt, dass kein Tropfen Körpersaft das Gelände verlässt, und seine Mutter war es schließlich, die einen Wachmann losschickte, den berühmten Hammer zu holen. Aber Sun Yang ist es, der nun den Preis bezahlt für diese völlig aus dem Ruder gelaufene Kontrolle.

Und so werden die letzten Bilder des Schwimmers Sun Yang wohl jene von der WM in Südkorea bleiben. Schon da hatte er - im Wortsinne - die Schwimmwelt gespalten. Auf der einen Seite der Halle saßen hunderte Chinesen mit Sun-Yang-Fahnen, die Sun-Yang-Sprechchöre anstimmten. Auf der anderen Seite buhten ihn die Athleten anderer Nationen aus. Neben Scott verweigerte auch der Australier Mack Horton eine gemeinsame Siegerehrung. Im Athletendorf wurden die beiden für diese Gesten gefeiert, von den Offiziellen des Weltverbands Fina gerügt. Nicht Sun Yang, nein, Horton und Scott hätten das Schwimmen "in Verruf gebracht", schimpfte der Fina-Generaldirektor Cornel Marculescu.

Das ist ein weiterer unrühmlicher Teil der Geschichte, das Verhalten der Fina. Das Cas-Urteil dürfte Sun Yang auch deshalb treffen wie ein Schlag mit dem, ja: Hammer, weil es in so markantem Kontrast steht zu der fürsorglichen Behandlung, die ihm bisher durch die Sportinstanzen widerfuhr. "Wie ein Großvater", hatte Sun nach seiner ersten Sperre geschwärmt, habe ihn Marculescu nach der Rückkehr in den Arm genommen. Jener Marculescu, der öffentlich die Meinung vertrat, man könne die größten Stars doch nicht von der WM verbannen, nur weil sie mal einen "kleineren Unfall mit Doping" hatten. Die Sportverbände sind Polizei und Promoter in einem, das kann gar nicht gut gehen.

Das Doping-Panel der Fina hatte sich Sun Yangs Fall im Januar 2019 angesehen, es hatte die Einwände bezüglich der fehlenden Ausweispapiere geprüft - und Sun Yang dann freigesprochen. Dieses Urteil hat der Cas nun korrigiert. Seine WM-Titel von Gwangju aber hat das Sportgericht Sun Yang nicht nehmen können. Da die Fina darauf verzichtet habe, Sun Yang provisorisch zu sperren, schrieben die Richter, darf er die Medaillen behalten. Trösten wird ihn das nicht.

© SZ vom 29.02.2020/ska
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Schwimmer Sun Yang
:Der Hammer vor dem Sportgericht

In Montreux kämpft der Schwimmer Sun Yang gegen bis zu acht Jahre Sperre - es geht um die wohl turbulenteste Doping-Kontrolle der letzten Jahre.

Von Claudio Catuogno, Montreux, und Lea Deuber, Peking

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