Doping-Netzwerk in Erfurt In Spanien haben sie den Auswertungsprozess der Blutbeutel gestoppt

Hinsichtlich der möglichen Dimension des Erfurter Netzwerks drängen sich nun bereits Vergleiche mit Eufemiano Fuentes auf. Das ist jener spanische Gynäkologe, dessen Name für den bisher größten Blutdoping-Skandal steht. Vor der Tour de France 2006 war er im Zuge der spanischen Operación Puerto aufgeflogen.

223 Blutbeutel waren damals sichergestellt worden, kurz vor dem Jahreshöhepunkt der Radsportler und Blutmischer, aber nur ein Bruchteil dieser Beutel ist damals konkret Athleten zugeordnet worden. Auf höchstrichterliche Anordnung in Spanien wurde der Auswertungsprozess gestoppt - obwohl Fuentes ausgesagt hatte, dass auch Fußballer zu seinen Kunden gehörten. Schon bei Fuentes gab es im Übrigen eine Tangente nach Deutschland, ein Arzt aus Niedersachsen zählte zum Versorgungsteam. Bei Mark Schmidt in Erfurt lagerten nun Dutzende Blutbeutel im Kühlschrank, weitere waren im Transport zu WM-Sportlern nach Seefeld.

Zur Tarnung nutzten die Sportler die Namen ihrer Hunde

Auch strategisch gibt es Parallelen zum Fuentes-System. Der Einsatz mobiler Blutabnahme- und Blutzuführungskommandos gehört dazu, also Helfer, die zur Wettkampfstätte oder an diskretere Orte kamen, um die Sportler zu versorgen. Im Fall der Erfurter Zelle berichteten Sportler von Treffen am Münchner Flughafen, in der Münchner Innenstadt, am Rasthof Irschenberg nahe der bayerisch-österreichischen Grenze sowie in Oberhof, Seefeld, Frankfurt und Berlin. Zudem stellten die Ermittler bei der Erfurter Zelle schnell fest, dass die Blutbeutel mit Codenamen versehen wurden - wie bei Fuentes, der oft die Namen der Hunde der Sportler zur Kennung nutzte. Zum Beispiel beim früheren deutschen Radprofi Jörg Jaksche, dessen Blut in einem Beutel mit der Aufschrift "Bella" aufbewahrt wurde.

Noch etwas ähnelt sich: dass es sich gelohnt haben dürfte. Fuentes-Kunden berichteten, dass sie in der Regel 2000 Euro pro Beutel zu zahlen hatten, zu Großveranstaltungen gab es schon mal Aufschläge bis zum Doppelten. 5000 Euro oder mehr kamen da rasch pro Saison zusammen. Das ist auch die Größenordnung, um die es nun bei einigen von Schmidts Kunden gehen dürfte. Kronzeuge Dürr etwa investierte in seiner Dopingsaison 2013/14 laut eigener Aussage rund 5000 Euro. Wenn sich tatsächlich ein paar Dutzend Sportler ihre Blutauffrischungen so viel kosten lassen, kommt über die Jahre ein respektables Millionen-Sümmchen zusammen.

Wintersport Eine Kanüle im Arm, Dutzende Blutbeutel im Kühlschrank

Doping-Skandal

Eine Kanüle im Arm, Dutzende Blutbeutel im Kühlschrank

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