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Doping in der Leichtathletik:Zweifel bei 146 von 450 Medaillen

Zu sehen sind Ärzte, die Anabolika-Substanzen verteilen, die behaupten, dass sie auch Olympiasieger betreuen. Insider schildern, wie gedopte Athleten sich freikaufen. Die Funktionäre von "Athletics Kenya", dem nationalen Verband, schaufeln derweil Geld, das Ausrüster dem Verband überweisen, in eigene Taschen, von Abhebungen von insgesamt 700 000 Euro ist die Rede. Eine Person, die immer mal wieder Geld abhebt, ist die Assistentin von Isaiah Kiplagat, dem Verbandspräsidenten.

Datenbank mit 12 000 Bluttests: Bei 146 von 450 Medaillen gibt es Zweifel

Der größte Fund aber ist eine Datenbank, anscheinend gehoben aus dem Inneren der IAAF. Die Datenbank bündelt 12 000 Bluttestes von 5000 Athleten, darunter auch Weltmeister, Olympiasieger, Teilnehmer an WMs und Olympischen Spielen von 2001 bis 2012.

Die Australier Michael Ashenden und Robin Parisotto, zwei Experten auf dem Feld des Blutdopings, haben diese Datenbank analysiert, wochenlang, unabhängig voneinander. Sie können kein Doping nachweisen, doch sie gießen den Verdacht, der seit Jahren durch die Szene wabert, erstmals in harte Daten: Sie legen 1400 auffällige Tests vor von 800 auffälligen Athleten. 55 Länder stellen mehr als 19 Athleten mit auffälligen Werten.

Auffällig heißt, dass die Werte nach Kriterien des biologischen Passes ermittelt wurden, bei mehr als 99 Prozent der Athleten sind die Werte dabei nicht als natürlich zu erklären. 146 der 450 Medaillen, die im Zeitraum von 2001 bis 2012 in Ausdauerdisziplinen verteilt wurden, gingen an Sportler, bei denen die Werte im Lauf ihrer Karriere einmal ins Verdächtige ausschlugen. 55 von ihnen gewannen Gold. Verdächtig heißt, dass mindestens einer der beiden Experten mindestens einen Blutwert entdeckte, der Doping nahelegte. Sollte es sich um belastbare Daten handeln, dann stünde jeder dritte Medaillen-Gewinner im Ausdauersektor unter Dopingverdacht. Nochmal: Jeder dritte Medaillen-Gewinner.

Und zudem das: 20 Athleten wiesen nach Experteneinschätzung derart extreme Blutwerte auf, dass sie nah am Herzinfarkt gewesen seien und medizinischer Notfallbehandlungen zur Blutverdünnung bedurft hätten. Haushoch führend bei den Verdachtsfällen seien russische Athleten, als am stärksten betrugsgefährdet erwiesen sich die Mittelstrecken (1500 vor 800 und 5000 Meter) sowie die Geher-Disziplinen.

"Die schlimmsten Werte, die ich jemals gesehen habe"

"Es tut mir sehr leid für die sauberen Athleten, die um ihre Medaille betrogen wurden. Es wäre praktisch unmöglich gewesen, gegen einige dieser Werte anzukommen. Es ist einfach grotesk, wie hoch einige dieser Werte waren. Es waren die schlimmsten, die ich jemals gesehen habe", erklärte Ashenden weiter. Die IAAF erklärte auf ARD-Anfrage, sie könne das alles nicht kommentieren, ohne die Daten zu kennen. Sie streitet ab, dass sie trotz besseren Wissens in den vergangenen Jahren zu wenig unternommen hat.

Laut IAAF-Dokumenten hat der Verband allerdings bloß gegen jeden Dritten der nun verdächtigen Athleten ermittelt oder sie gesperrt. Zwei von drei sind bis heute unbehelligt. "Für mich sieht es so aus, dass die Leichtathletik heute in der gleichen teuflischen Situation ist wie der Radsport vor 20 Jahren", sagt Ashenden am Ende des Films. Parisotto ergänzt, die Leichtathletik liege in ihren Bemühungen gegen ihre Dopingsünder vermutlich "zehn oder 15 Jahre hinter dem Radsport".

In wenigen Wochen wird die IAAF in Peking ihre Weltmeister küren. Der Wert der Siegerbilder, die sie in alle Welt funken werden, wird diesmal so klein sein wie vermutlich noch nie zuvor.

© SZ vom 01.08.2015/fued
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