Süddeutsche Zeitung

Doping in der Leichtathletik:Jede dritte Medaille unter Verdacht

  • Eine neue ARD-Dokumentation über Doping in der Leichtathletik weist auf systematische Manipulationen in Kenia hin.
  • In den Ausdauerdisziplinen steht womöglich jede dritte Medaille bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zwischen 2001 und 2012 unter Dopingverdacht.
  • Der Weltverband IAAF tut dem Film zufolge bis heute viel zu wenig, um das Problem beheben.

Das Bild ist ein wenig unscharf. Eine Leichtathletin ist zu sehen, es ist eine heimliche Aufnahme, niemand soll hören, was hier gesprochen wird. Die Athletin dehnt sich, sie lächelt. Sie redet mit einer Beiläufigkeit, die fast von der mächtigen Wirkung ihrer Worte ablenkt. Die Athletin ist Anastasia Bazdirewa, eine russische 800-Meter-Läuferin, ein Talent. Sie erzählt von Parabolan, einer Anabolika-Substanz. "Von Anabolika kriege ich harte Muskeln", sagt Bazdirewa, "aber ich kann damit laufen. Das ist schwer, aber es geht."

Die Szene stammt aus einer neuen Dokumentation der ARD, "Geheimsache Doping, im Schattenreich der Leichtathletik". Sie schreibt quasi jene Geschichte fort, die der Sender im vergangenen Dezember vorgelegt hat, in einem Film über Dopingpraktiken in der russischen Leichtathletik.

Die mutmaßlichen Doper von einst laufen und manipulieren weiter

Die frühere Spitzenläuferin Julia Stepanowa und Ehmann Vitalij, ein ehemaliger Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, enttarnten damals ein System, in dem Ärzte, Betreuer und Sportler Dopingmissbrauch betrieben, staatlich abgeschirmt. Die neue Dokumentation zeigt, dass die mutmaßlichen Doper von einst weiter laufen und manipulieren, betreut von belasteten Trainern, protegiert von Kontrolleuren, die eigentlich ermitteln sollten.

Die Recherchen strahlen diesmal aber weit und kräftig über Russland hinaus. Sie weisen auf systematische Manipulationen in Kenia hin. Auf Ausdauerdisziplinen in der Leichtathletik, in denen womöglich jede dritte Medaille bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zwischen 2001 und 2012 unter Dopingverdacht steht. Und sie zeigen einen Weltverband, der das Problem offenkundig kleinhält, bis heute.

Im April waren zuletzt bemerkenswerte Nachrichten aus der russischen Leichtathletik in die Nachrichtenspalten gedrungen. Juri Borsakowskij, den sie in Russland hastig als neuen Cheftrainer installiert hatten, verkündete: "Wir haben eine neue Mannschaft, in der sind alle sauber". Aufnahmen, die nun heimlich gefilmt wurden, zeigen, wie sehr der russische Reset gelungen ist. Tatjana Myazina erzählt dort über ihre Saisonvorbereitung ("Ich habe Epo genommen"), im Mai gewann sie Bronze bei der Staffel-WM. Maria Sawinowa, schwer belastet im ersten Film, berichtet, sie habe sich mit Wachstumshormon präpariert. Wladimir Kazarin, ihr nicht minder belasteter Trainer, ist ebenfalls zu hören, er ist weiter aktiv, nur eben im Hintergrund, zum Beispiel im Aufwärmbereich bei der Hallen-EM im vergangenen März, dort fingen ihn versteckte Kameras ein.

Dass Athletinnen wie Bazdirewa und Sawinowa nicht auffliegen, könnte auch daran liegen, dass Doping-Kontrolleure die Athleten in Russland vor den Tests anrufen, vorwarnen, das legt zumindest ein Telefonmitschnitt nahe. Swetlana Tschurowa, Aufsichtsratmitglied der Rusada, plauderte Anfang des Jahres zudem in einer russischen Zeitschrift offen darüber, wie Mitglieder des Nationalteams vorgewarnt würden. Wenn dann Doping nachgewiesen wird, können die Trainer die Athleten zu Hause behalten", sagte sie. Oder die Athleten werden behandelt, "bis die verbotenen Substanzen neutralisiert sind".

Kenia: Hinweise auf Korruption an der Verbandsspitze

"Wenn sich herausstellt, dass das alles wahr ist, dann ist das Problem sicher größer, als man jemals zugegeben hat", sagt Richard Pound im Film; er sitzt einer Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada vor, die das Material untersucht. Das Problem ist auch deshalb so groß, weil in den Recherchen diesmal Kenia ausgeleuchtet wird, wie Russland eine Laufmacht der vergangenen Jahrzehnte.

Es gibt unzählige Geschichten über die Läufer aus den Hochebenen Ostafrikas, denen die Natur leichte Körper und große Ausdauer schenkte. Diese Geschichten werden seit einer Weile allerdings abgelöst von diversen Dopingfällen und Gerüchten, und die ARD-Dokumentation malt dieses Bild nun weiter aus. Auch hier geht es um Athleten, die darüber reden, wie alltäglich manipuliert wird, wie der Sog des Betrugs alle mitzieht, arrivierte Athleten, Talente, während unzureichend kontrolliert wird.

Zweifel bei 146 von 450 Medaillen

Zu sehen sind Ärzte, die Anabolika-Substanzen verteilen, die behaupten, dass sie auch Olympiasieger betreuen. Insider schildern, wie gedopte Athleten sich freikaufen. Die Funktionäre von "Athletics Kenya", dem nationalen Verband, schaufeln derweil Geld, das Ausrüster dem Verband überweisen, in eigene Taschen, von Abhebungen von insgesamt 700 000 Euro ist die Rede. Eine Person, die immer mal wieder Geld abhebt, ist die Assistentin von Isaiah Kiplagat, dem Verbandspräsidenten.

Datenbank mit 12 000 Bluttests: Bei 146 von 450 Medaillen gibt es Zweifel

Der größte Fund aber ist eine Datenbank, anscheinend gehoben aus dem Inneren der IAAF. Die Datenbank bündelt 12 000 Bluttestes von 5000 Athleten, darunter auch Weltmeister, Olympiasieger, Teilnehmer an WMs und Olympischen Spielen von 2001 bis 2012.

Die Australier Michael Ashenden und Robin Parisotto, zwei Experten auf dem Feld des Blutdopings, haben diese Datenbank analysiert, wochenlang, unabhängig voneinander. Sie können kein Doping nachweisen, doch sie gießen den Verdacht, der seit Jahren durch die Szene wabert, erstmals in harte Daten: Sie legen 1400 auffällige Tests vor von 800 auffälligen Athleten. 55 Länder stellen mehr als 19 Athleten mit auffälligen Werten.

Auffällig heißt, dass die Werte nach Kriterien des biologischen Passes ermittelt wurden, bei mehr als 99 Prozent der Athleten sind die Werte dabei nicht als natürlich zu erklären. 146 der 450 Medaillen, die im Zeitraum von 2001 bis 2012 in Ausdauerdisziplinen verteilt wurden, gingen an Sportler, bei denen die Werte im Lauf ihrer Karriere einmal ins Verdächtige ausschlugen. 55 von ihnen gewannen Gold. Verdächtig heißt, dass mindestens einer der beiden Experten mindestens einen Blutwert entdeckte, der Doping nahelegte. Sollte es sich um belastbare Daten handeln, dann stünde jeder dritte Medaillen-Gewinner im Ausdauersektor unter Dopingverdacht. Nochmal: Jeder dritte Medaillen-Gewinner.

Und zudem das: 20 Athleten wiesen nach Experteneinschätzung derart extreme Blutwerte auf, dass sie nah am Herzinfarkt gewesen seien und medizinischer Notfallbehandlungen zur Blutverdünnung bedurft hätten. Haushoch führend bei den Verdachtsfällen seien russische Athleten, als am stärksten betrugsgefährdet erwiesen sich die Mittelstrecken (1500 vor 800 und 5000 Meter) sowie die Geher-Disziplinen.

"Die schlimmsten Werte, die ich jemals gesehen habe"

"Es tut mir sehr leid für die sauberen Athleten, die um ihre Medaille betrogen wurden. Es wäre praktisch unmöglich gewesen, gegen einige dieser Werte anzukommen. Es ist einfach grotesk, wie hoch einige dieser Werte waren. Es waren die schlimmsten, die ich jemals gesehen habe", erklärte Ashenden weiter. Die IAAF erklärte auf ARD-Anfrage, sie könne das alles nicht kommentieren, ohne die Daten zu kennen. Sie streitet ab, dass sie trotz besseren Wissens in den vergangenen Jahren zu wenig unternommen hat.

Laut IAAF-Dokumenten hat der Verband allerdings bloß gegen jeden Dritten der nun verdächtigen Athleten ermittelt oder sie gesperrt. Zwei von drei sind bis heute unbehelligt. "Für mich sieht es so aus, dass die Leichtathletik heute in der gleichen teuflischen Situation ist wie der Radsport vor 20 Jahren", sagt Ashenden am Ende des Films. Parisotto ergänzt, die Leichtathletik liege in ihren Bemühungen gegen ihre Dopingsünder vermutlich "zehn oder 15 Jahre hinter dem Radsport".

In wenigen Wochen wird die IAAF in Peking ihre Weltmeister küren. Der Wert der Siegerbilder, die sie in alle Welt funken werden, wird diesmal so klein sein wie vermutlich noch nie zuvor.

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SZ vom 01.08.2015/fued
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