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Doping:Die Frage ist nicht, ob es weitere Netzwerke gibt, sondern wie viele weitere

Schmidts noch unentdeckte Kunden müssen nicht nur all die Beichten befürchten, ihr Tun kann auch durch andere Umstände ans Licht kommen. Rund 40 tiefgefrorene Beutel mit Blutkonzentrat wurden sichergestellt; die Ermittler im LKA München hielten zunächst DNA-Spuren und Fingerabdrücke fest. Dann geht es an den Inhalt. Jede Information lässt sich mit den Datenbanken der Welt-Anti-Doping-Agentur abgleichen. Auch die Tarnnamen und Codierungen auf den Blutbeuteln könnten Hinweise liefern. Langläufer Dürr gibt zu, dass seine Blutbeutel die Aufschrift "Lucky Luke" trugen. Auch Vornamen wie "Moritz" - für den Doper Max Hauke - oder "Pierre" haben die Ermittler registriert; andere Beutel sollen schlicht ein paar Lettern tragen.

Dabei zeigen sich auch manche logistischen Besonderheiten. In Affären früherer Jahre, wie beim Wirken des berüchtigten spanischen Gynäkologen Eufemiano Fuentes, wurde stets die Darstellung gepflegt, dass das Blut abgezapft, im Kühlschrank gelagert und Wochen später wieder infundiert worden sei. Im Erfurter Netzwerk war die Logistik offenbar ein bisschen anders: Das Blut - genauer: das Blutkonzentrat - wurde tiefgekühlt gelagert, bei minus 82 Grad. Manche Beutel sollen völlig zusammengeklebt haben, als die Ermittler sie in einer Garage in der Nähe der Erfurter Praxis entdeckten - auch der Spezial-Kühlschrank gehört zu Matschiners verkauften Maschinen. Tiefgekühltes Blutkonzentrat lässt sich über Jahre aufbewahren; sollten die jüngsten Angaben des Kronzeugen Dürr stimmen, lagerte sein Blut von der Entnahme 2015 bis zur Rückführung im Herbst 2018 dort.

Die Sportwelt ist ob all der offenen Fragen spürbar angespannt. In Östersund versammelt sich gerade die Biathlon-Elite zur WM, auch so eine Sportart, die grundsätzlich zu den besonders verdächtigen und anfälligen zählt. Manchen plagt die Ahnung, dass noch etwas Größeres folgen könnte. Zu Wochenbeginn tat sich insbesondere Alfons Hörmann, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), mit dem Verweis auf in Seefeld kursierende Spekulationen hervor, nach denen "in Östersund eine weitere Aktion geplant sein soll". Hilfreich für etwaige weitere Ermittlungen sind solche Funktionärs-Erklärungen nicht; zugleich versetzen sie die Szene in vorsorglichen Alarm.

"Der Bedarf ist da. Das ist die Realität.

Nach SZ-Informationen war zum Zeitpunkt dieser Aussage keine Razzia geplant, zumal es unwahrscheinlich ist, dass Ermittler nach der Seefelder Vorgeschichte auch in Östersund noch jemanden in flagranti erwischen könnten. Andererseits war die Chuzpe von Betrügern immer schon erstaunlich. Und hinzu kommt die Frage, was die Ermittler auf die Schnelle noch an Erkenntnissen gewinnen, etwa beim Zuordnungsprozess der Blutbeutel oder bei ihren Befragungen.

Ein Netzwerk haben die Ermittler ausgehoben. Aber die Frage ist nicht ob, sondern nur wie viele weitere Netzwerke es gibt. Szenekenner Matschiner sagt der SZ: "Das Vakuum, das ich hinterließ, hat - wahrscheinlich unter anderem - Mark Schmidt gefüllt. Und das Vakuum, das Schmidt hinterlässt, wird ein anderer füllen. Die Sportler kommen selbst auf einen zu. Der Bedarf ist da. Das ist die Realität."

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