Doping bei Olympia Wie die olympische Familie Doping kleinredet

Da durfte sie noch starten: Julia Stepanowa während der 800-Meter-Qualifikation bei den Europameisterschaften jüngst in Amsterdam.

(Foto: Vincent Jannink/dpa)

Kurz vor dem Start in Rio zeigen sich die Russen als kompromisslose Anti-Doping-Kämpfer. Thomas Bach und die anderen Funktionäre spielen das absurde Spiel mit. Nur einer stört.

Von Thomas Kistner, Rio de Janeiro

Das Finale im olympischen Armdrücken findet in den Strandhotels von Barra statt, begonnen hat der Wettstreit um die Integrität der Spiele schon vor Wochen. Eins zu eins lautete der Zwischenstand bei der IOC-Session am Dienstag; gegenüber stehen sich Thomas Bach, Chef des Internationalen Olympischen Komitees, und Craig Reedie, Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada.

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Während der deutsche Musterfunktionär seinen Ringe-Clan im erprobten Einheitsparteitag-Stil hinter sich scharte, punktete der schwer attackierte Schotte erst am Ende des Tages, mit beißenden Spitzen bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Aber der Wada-Chef weiß das Gros der Athleten und des Publikums hinter sich, und im Medienkreis fällt es leicht, die Angriffe der IOC-Kollegen als substanzlos zu entlarven.

In Sotschi verschwanden Proben in einem Loch in der Wand

Es sind raue Zeiten im Olymp, der konsequent servile Umgang mit staatlich organisiertem Doping im Sportreich Wladimir Putins hat das IOC in den Brennpunkt internationaler Kritik gerückt. Zwei Ermittler- Stäbe im Auftrag der Wada hatten ein ministeriell gelenktes Betrugssystem aufgedeckt. Der jüngste Report des kanadischen Juristen Richard McLaren, vorgelegt Mitte Juli, zeichnet "jenseits allen Zweifels" nach, wie der Staat als Schaltzentrale des Betrugs fungierte.

Der (beurlaubte) Vize-Sportminister Juri Nagornik pickte demnach persönlich die Sportler heraus, die es zu schützen galt; positive Proben wurden vernichtet. Insgesamt, schält sich bei den anhaltenden Ermittlungen heraus, dürften bis zu 9000 Proben zerstört worden sein. Bei den Sotschi-Winterspielen 2014, als im Labor Scharen internationaler Wissenschaftler zugange waren, musste der Betrug abgefeimter ablaufen. Spätnachts wurden positive Proben russischer Olympiahelden durch ein Loch in der Laborwand an Agenten des russischen FSB gereicht, die sie dank einer raffinierten Technik in negative Proben verwandelten.

Die diabolische Meisterleistung brachte nach Aktenlage Dutzende ausländischer Athleten um ihre Medaillen und zerstörte die Integrität des höchsten olympischen Gutes, des fairen Wettkampfs. Das IOC honorierte sie mit einer Geste für Putin: Russlands Helden werden nicht kollektiv ausgeladen. Nur die Leichtathleten waren nicht mehr zu retten, der Weltverband IAAF hatte sie schon im Juni komplett für Rio gesperrt - der Sportgerichtshof Cas hatte das Verdikt abgesegnet.

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So formierte sich zum Sessionsauftakt Bachs olympische Wagenburg. Erst wetterte der russische IOC-Mann Alexander Shukow gegen die Wada, am Ende lobte Bach "eine sehr gute Debatte" - dazwischen besang ein Chor aus Mitgliedern von Monaco bis Nordkorea die Weisheit des Präsidenten und seiner Exekutive. All das wurde vorgetragen - die Kürze der Zeit, das Nein zu Kollektivstrafen -, was Bach in den Tagen vorher erzählt hatte. Ist die olympische Familie unter sich, wird ihre Gruppendynamik fast physisch spürbar. Als Bach den Beschluss seiner Exekutive für einen Start der russischen Sportler nach einer Einzelfallprüfung absegnen ließ, die nicht seriös zu leisten ist, votierte nur Englands Athletenvertreter Adam Pengilly dagegen.

Die Bühne der IOC-Session gehörte den Russen. NOK-Chef Shukow ratterte vom Papier eine Brandrede runter, die Arme verschränkt auf den Tisch gepresst wie ein Sturkopf, der seine Suppe nicht essen will. Der Vortrag folgte streng der olympischen Null-Toleranz-Rhetorik zum Pharmabetrug: Erst hielt er fest, dass Doping etwas Entsetzliches sei und dringend bekämpft gehöre, Russland wolle voll mitziehen und Sünder "hart bestrafen".

Dann der Umkehrschwung: Systemdoping? Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada, die ihr langjähriger Leiter Grigori Rodschenko als Kronzeuge des McLaren-Reports als Schummel-Zentrale auffliegen ließ, kann es ja nicht gewesen sein, insinuierte der Russe listig. Denn: "Die Arbeit der Rusada wurde ständig international überwacht. Die Wada lobte sie für Sotschi sogar als beispielhaft!"

Weil also die Wada nicht schon bei den Geheimdienst-Spielen in Sotschi herausfand, dass der Medaillenspiegel hinter der Laborwand geregelt wurde und am Ende arglos ein Lob aussprach, ist sie es, die jetzt in Frage gestellt wird. Die originelle Logik fand breite Zustimmung im IOC-Konvent.

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Reedie weiß, was Funktionären blüht, die nicht in der Spur des Vorsitzenden laufen. Er dürfte im IOC nicht mehr viel erreichen, was ihm an anderer Stelle Freiheit verschafft. Angelastet wird ihm vor allem, dass seine Wada den desaströsen McLaren-Report so kurz vor Spielebeginn präsentiert hat. Was schlicht den Ermittlungsumständen geschuldet ist - doch offenbar wäre es dem IOC lieber gewesen, erst alle Russen in Rio starten zu lassen, um später die Medaillen wieder umzuverteilen. Kübelweise, wie es nun im Nachklapp des Sotschi-Betrugs zu erwarten ist. Auch das dürfte den heillosen Zorns der Olympier schüren: Die Causa Russland ist mit der Schlussfeier in Rio de Janeiro nicht ausgestanden.

In der Session gab Reedie tapfer zurück.