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Olympische Spiele:IOC-Alterspräsident wirft Bach Absprachen in russischer Dopingaffäre vor

Richard Pound

Richard Pound auf einer Pressekonferenz in Unterschleißheim nahe München.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Richard Pound widerspricht im SZ-Interview den Argumenten von IOC-Präsident Bach gegen einen kompletten Olympia-Ausschluss Russlands.

Der langjährige Vizepräsident und heutige Alterspräsident des Internationalen Olympischen Komitees, Richard Pound, hat IOC-Präsident Thomas Bach diskrete Absprachen im Umgang mit der russischen Staatsdoping-Affäre vorgeworfen.

Es sehe so aus, "als sei alles schon vor der Exekutivsitzung aufgestellt worden", sagte Pound im Interview mit der Süddeutschen Zeitung über die Dringlichkeitssitzung am 24. Juli, auf der die IOC-Vorstände beschlossen, russische Athleten trotz aktueller Enthüllungen zu einem Staatsdoping-System in Russland zu den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro zuzulassen. Die Sitzung "fing Sonntagmorgen gegen 10 Uhr an und endete gegen 13 Uhr. Und wenig später wurden bereits sehr präzise, juristisch saubere 13 Seiten dazu vorgelegt", wundert sich Pound. War das entsprechende Dossier längst vorbereitet? Dazu Pound vieldeutig: "Wäre eine Möglichkeit."

Die Versuche des IOC-Präsidenten Bach, das Votum gegen einen Total-Ausschluss Russlands zu begründen, überzeugen den 74-jährigen Pound nicht: "Je mehr das IOC die Entscheidung zu erklären versucht, die es da getroffen hat, umso konfuser wird alles", sagte er der SZ. Insbesondere dem Argument, ein Ausschluss bestrafe auch unschuldige Sportler und sei deshalb abzulehnen, tritt Pound entgegen: "Wir haben doch schon immer Ausschlüsse verhängt. Wir haben ganz Südafrika wegen der Apartheid für viele Jahre ausgesperrt, damals durften nicht einmal die schwarzen Athleten des Landes antreten. Und mit Kuwait ist es jetzt dasselbe. Dort geht es um politische Probleme mit dem Verband, und die Athleten, die daran völlig unschuldig sind, dürfen nicht für ihr Land starten."

Sportler aus Kuweit dürfen wegen des Ausschlusses durch das IOC in Rio nur unter neutraler Flagge starten. Auch russische Sportler unter neutraler Flagge starten zu lassen, "wäre eine bessere Lösung gewesen", findet Pound.

Pound zum Stepanowa-Ausschluss: "Ich war geschockt, als ich das hörte"

Dass das IOC sich zudem gegen einen Start der Whistleblowerin Julia Stepanowa ausspricht, die mit ihren Aussagen den russischen Doping-Skandal mit aufgedeckt hat und sich seither mit ihrer Familie außerhalb Russlands versteckt hält, findet Pound "beunruhigend - nach dem Wada-Code darf sie starten, und der Leichtathetik-Weltverband IAAF hat sie ja bei der EM in Amsterdam bereits laufen lassen". Das hauseigene Ethikkomitee des IOC hatte hingegen entschieden, Stepanowa erfülle nicht die "ethischen Voraussetzungen" für einen Olympia-Start. Dazu sagte Pound der SZ: "Ich war geschockt, als ich das hörte."

Der Kanadier Pound stand von 1999 bis 2007 der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada als Gründungspräsident vor. Er leitete die unabhängige Kommission, die ab Dezember 2014 im Auftrag der Wada den Dopingskandal in der russischen Leichtathletik untersuchte und im November 2015 ihren ersten Teilbericht präsentierte, in dem der Ausschluss des russischen Verbandes von internationalen Wettkämpfen empfohlen wurde. Ins IOC wurde er 1978 gewählt, von 1987 bis 1991 und von 1996 bis 2000 war er dessen Vizepräsident.

© Süddeutsche.de/mane
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