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Disqualifikation bei den US Open:Djokovic agiert anstandslos und feige

Der beste Tennisspieler der Welt ist ein grandioser Sportler, aber als Mensch hat er mit seiner Aktion gegen eine Linienrichterin erneut demonstriert, dass er nicht gerne Verantwortung für sein Handeln übernimmt.

Kommentar von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Nein, Profisportler sind keine höheren Wesen, auch wenn sie bisweilen zu solchen verklärt werden. Sie sind Menschen mit Schwächen - was sie besser können als andere: schneller laufen, höher springen oder, wie es Dirk Nowitzki mal so schön sagte: "Was ist das schon? Wir werfen einen Ball in einen Korb oder radeln einen Berg hoch!" Sportler dürfen Fehler machen, so wie jeder andere auch. Das einzige, was man von ihnen verlangen darf: dass sie danach Verantwortung übernehmen, so wie man das von jedem anderen Menschen auch verlangen würde.

Novak Djokovic hat bei den US Open aus Frust einen Ball nach hinten geschlagen und eine Linienrichterin am Hals getroffen. Er ist dafür den Regeln entsprechend disqualifiziert worden. Was er hätte tun können: die Tasche packen, vom Platz gehen und sich danach öffentlich erklären - es hätte diesen grandiosen Sportler, nun ja, menschlich werden lassen. Was er indes tat: den Fall runterspielen ("Sie muss dafür doch nicht ins Krankenhaus, und ihr wollt mich dafür rauswerfen?") und eine Fortsetzung der Partie fordern: "Ihr habt viele Möglichkeiten: Punktabzug, Satzverlust." Als das nicht klappte, verließ Djokovic die Tennisanlage kommentarlos; später veröffentlicht er auf Instagram eine Erklärung aus dem Satzbaukasten für Sport-Krisenmanagement. Das ist anstandslos, und es ist feige.

Es ist anstandslos deshalb, weil Djokovic bislang Glück hatte, dass bei seinen Wutanfällen noch niemand verletzt wurde. Als ihn 2016 ein Reporter darauf ansprach, dass er häufiger Schläger werfe und Bälle prügle, blaffe er zurück, dass er noch nie disqualifiziert oder suspendiert worden sei: "Hätte sein können, ja. Es hätte aber auch schneien können in der Arena - hat es aber nicht." Es ist auch anstandslos, weil Djokovic bereits gezeigt hat, dass er für seine Fehler nicht gerne Verantwortung übernimmt. Er hatte im Sommer wegen der Coronavirus-Pandemie eine Turnierserie organisiert. Er und seine Frau Jelena sowie Grigor Dimitrov, Borna Coric und Viktor Troicki wurden dabei positiv auf Corona getestet. Im Interview mit der New York Times sagte Djokovic: "Fühle ich mich schuldig? Natürlich nicht!"

Feige ist es, weil Djokovic gerade die Spielervereinigung PTAP gegründet hat. Er will, dass sein Wort Gewicht hat - doch dann sollte er sich nicht nur äußern, wenn es ihm genehm ist, sondern gerade in schwierigen Momenten. In guten Zeiten kann jeder Chef sein; ein Anführer zeigt sich jedoch in der Krise. Naomi Osaka zeigt das gerade: Sie wird wegen ihres gesellschaftlichen Engagements auf sozialen Netzwerken angefeindet und beleidigt, sie trägt jedoch weiter die Namen von Opfern von Rassismus auf ihren Masken.

Als Tennisspieler ist Djokovic ein höheres Wesen, dafür gebührt ihm höchster Respekt. Er will, das war in den vergangenen Jahren deutlich zu sehen, nicht nur respektiert, sondern auch geliebt werden wie Roger Federer und Rafael Nadal. Dazu gehört nicht nur, Autogramme zu schreiben und Spaß mit den Fans zu haben. Dazu gehört: Grazie in der Niederlage, Anstand bei Kritik, Verantwortung bei Fehlern. Dann, und nur dann, wird ein Sportler zum Vorbild: wenn er mehr tut, als einen Ball in einen Korb zu werfen, einen Berg hochzuradeln oder eine Filzkugel über ein Netz zu schlagen.

© SZ/jbe
US Open

Disqualifikation von Djokovic
:"Sie muss nicht ins Krankenhaus - und ihr wollt mich rauswerfen?"

Weil er einen Ball wütend wegschlägt und dabei eine Linienrichterin trifft, wird Novak Djokovic bei den US Open disqualifiziert. Auch wenn er alles versucht, um die Entscheidung abzuwenden.

Von Jürgen Schmieder

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