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Disqualifikation von Djokovic:"Sie muss nicht ins Krankenhaus - und ihr wollt mich rauswerfen?"

US Open

Novak Djokovic bettelt darum, weiter mitspielen zu dürfen.

(Foto: Seth Wenig/dpa)

Weil er einen Ball wütend wegschlägt und dabei eine Linienrichterin trifft, wird Novak Djokovic bei den US Open disqualifiziert. Auch wenn er alles versucht, um die Entscheidung abzuwenden.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Novak Djokovic war frustriert. In der Achtelfinal-Partie gegen Pablo Carreño Busta (Spanien) hatte der Serbe zunächst drei Satzbälle vergeben und kurz darauf nach einem Sturz auf die Schulter auch noch sein eigenes Aufschlagspiel verloren. Er tat das, was Tennisspieler in so einer Situation gerne machen: Er ließ seine Wut an der gelben Flizkugel aus. Er donnerte sie jedoch nicht auf die Tribüne, wo sowieso kaum jemand gesessen hätte, sondern schlug sie an den Hals einer Linienrichterin. Die sank zu Boden und musste minutenlang behandelt werden. Djokovic ahnte sofort, was ihm blühte: Er wurde bei 5:6 im ersten Durchgang disqualifiziert.

Die Entscheidung ist regelkonform, auch wenn Djokovic mehr als zehn Minuten lang mit den Offiziellen debattierte und versuchte, den Fall herunterzuspielen: "Sie muss dafür doch nicht ins Krankenhaus - und ihr wollt mich dafür rauswerfen?" Er schlug eine mildere Strafe vor, von der er sich hätte erholen können: "Ihr habt so viele Möglichkeiten: Punktabzug, Satzverlust."

Die Verantwortlichen jedoch blieben unnachgiebig, und das Reglement ist in diesem Fällen auch eindeutig. Zuletzt war Denis Shapovalov (Kanada) während der Davis-Cup-Partie 2017 gegen Großbritannien disqualifiziert worden, weil er den Hauptschiedsrichter mit einem Ball getroffen hatte.

Djokovics Reaktion kam in der Nacht via Instagram. Er fühle sich "traurig und leer", schrieb der Weltranglistenerste. Es tue ihm "extrem leid", seine Aktion sei "so unbeabsichtigt, so falsch" gewesen.

Djokovic hat schon während der Corona-Pause für Aufregung gesorgt

Djokovic, 33, war in diesem Jahr in 26 Partien unbesiegt gewesen und galt auch wegen der Absage seiner Konkurrenten Roger Federer (Schweiz) und Rafael Nadal (Spanien) als großer Favorit bei diesen US Open. Er hatte während der Coronavirus-Pause für Aufregung gesorgt, weil er im Sommer eine Turnierserie in Südosteuropa organisiert hatte. Djokovic und seine Frau Jelena sowie die Profis Grigor Dimitrow (Bulgarien), Borna Coric (Kroatien) und Viktor Troicki (Serbien) wurden dabei positiv auf Corona getestet.

In einem Interview mit der New York Times sagte Djokovic: "Um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht, dass ich irgendwas Böses getan habe. Hätte ich die Gelegenheit, die Adria Tour wieder zu machen, würde ich es tun. Fühle ich mich schuldig? Natürlich nicht! Werde ich für alle Zeiten für einen Fehler verantwortlich gemacht?"

Tennis: US OPEN

Djokovic bei der getroffenen Linienrichterin.

(Foto: USA TODAY Sports)

Bei den US Open sorgte er zunächst ebenfalls für Aufregung, weil er seine Teilnahme davon abhängig machte, ob er Zugeständnisse von den Veranstaltern bekommt. Der US-Tennisverband USTA hatte alle Spieler in einer Blase unterbringen wollen, um die Ansteckungsgefahr angesichts der Coronavirus-Pandemie möglichst gering zu halten, sie hatte zunächst nur eine Begleitperson erlaubt. Djokovic setzte durch, ein Haus mieten (die Kosten für Miete und Sicherheitspersonal trägt er selbst) und drei Leute mitbringen zu dürfen: "Das ist superwichtig. Ich habe diese Investition gemacht, weil ich mich dann besser fühle. Es ist schwer, wenn man in einem kleinen Hotelzimmer sitzt und das Fenster nicht öffnen kann. Ich kann mich so besser erholen."

Djokovic verliert auch sein bisher erspieltes Preisgeld

Kurz vor Beginn der US Open gründete er die Spielervereinigung PTAP und zog sich damit nicht nur den Unmut männlicher Kollegen zu - sondern auch deshalb, weil sich die Vereinigung zunächst nicht an weibliche Spieler richtete. Federer und Nadal reagierten mit den verbliebenen Mitgliedern des ATP-Spielerrats mit einem Brief, in dem wichtige Fragen gestellt werden wie etwa, ob es wirklich sinnvoll sei, sich gegen die Veranstalter zu stellen. Auf Twitter sagten sie deutlicher, wovor sie wirklich Angst haben. "Es ist Zeit für Eintracht und nicht für Abspaltung", schrieb Nadal. Federer zitierte den Eintrag und ergänzte: "Es ist maßgeblich, dass wir als Sportler und als Sport Einheit zeigen." Die unmissverständliche Botschaft: Sie halten Djokovic für einen Spalter.

Djokovic gab sich Mühe, bei den US Open staatsmännisch zu wirken, er setzte sich für seine Kollegen wie Adrian Mannarino (Frankreich), Guido Pella (Argentinien) und Hugo Dellien (Bolivien) ein, die wegen Kontakt zu mit Corona infizierten Personen Probleme hatten, an den beiden Turnieren in New York teilzunehmen. Er soll für Mannarino sogar versucht haben, den Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, am Telefon zu erreichen, er sagte: "Es gibt viele Ungereimtheiten."

Im Fall des Balles, der am Hals der Linienrichterin landete, gibt es die nicht, die Veranstalter veröffentlichten sogleich eine Mitteilung, in der es deutlich heißt: "In Übereinstimmung mit den Regeln für Grand-Slam-Turniere wird Novak Djokovic disqualifiziert." Er verliere sämtliche bei den US Open gewonnenen Weltranglistenpunkte sowie das bisher erspielte Preisgeld: "Er hat den Ball unabsichtlich, aber gefährlich und rücksichtslos innerhalb des Spielfeldes geschlagen, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen."

© SZ.de/schm
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