DFB-Torschütze Marco Reus:Perle für den Rest der Welt

Lesezeit: 3 min

Lange war Marco Reus das schönste Versprechen aus dem Ausbildungsbetrieb des deutschen Fußballs - beim 4:2 gegen Griechenland krönt er seine Leistung mit einem spektakulären Treffer. Damit ist der Neu-Dortmunder in der Hierarchie der deutschen Mannschaft weit nach oben gerutscht.

Thomas Hummel

Nach 23 Minuten hatte sich bereits die Hierarchie verschoben auf dem Rasen des Danziger Stadions. Bastian Schweinsteiger führte den Ball, der Ersatzkapitän und Mittelfeldregent, er führte ihn und führte ihn. Zwanzig Meter weiter vorne stand Marco Reus, DFB-Frischling aus Mönchengladbach, und breitete wartend die Arme aus. Hey, spiel mich an! Als Schweinsteiger nicht reagierte, klatschte Reus gar laut vernehmlich in die Hände. Mann, jetzt spiel' endlich! Doch Schweinsteiger spielte nicht, es war schon zu spät, auch die Griechen hatten das Klatschen gehört.

Quarter Final Germany vs Greece

Torschütze zum zwischenzeitlichen 4:1 - Marco Reus.

(Foto: dpa)

Dabei hätte er gerade in dieser Phase des Spiels blindlings den Ball auf Reus passen können. Rund um die 25. Spielminute hatte der 23-Jährige in diesem EM-Viertelfinale gegen Griechenland mehr gute Szenen als Schweinsteiger im ganzen Spiel. Einmal passte er zusammen mit Miroslav Klose und Mesut Özil den Ball direkt, die griechische Abwehr kam weder mit den Augen noch mit den Beinen hinterher, doch Özil scheiterte am Torwart.

Eine Minute später stand Reus frei am Elfmeterpunkt, doch er konnte sich nicht entscheiden zwischen Torschuss und Vorlage, der Ball trudelte links vorbei. Beim nächsten Angriff war Reus wieder frei durch, traf aber nur die Fahnen der Fans hinter dem Tor.

Obwohl Joachim Löw in diesem Moment draußen einen kleinen Veitstanz vor Ärger aufführte ob der vergebenen Chancen, wusste nun auch der letzte Zuschauer auf dem Globus, warum er in diesem wichtigen Spiel einen international Unbekannten auf das Feld geschickt hatte. Und dafür Thomas Müller rausnahm, den doch jeder von der WM in Südafrika kennt oder vom Champions-League-Finale in München.

Dass die Fußball-Weltöffentlichkeit nicht schon früher auf Marco Reus aufmerksam geworden war, war indes weniger dem Bundestrainer anzulasten. Lange war Reus schon das schönste Versprechen aus dem Ausbildungsbetrieb des deutschen Fußballs gewesen. Die Liga staunte über das schnelle, junge Borussia Mönchengladbach, und sie staunte über den schnellen, jungen Reus. Auch Löw staunte ein bisschen und holte das 70-Kilo-Leichtgewicht mit den schnellen Beinen in die Nationalmannschaft. Die ersten vier Einladungen musste Reus aber zurückweisen, weil er sich kurz zuvor verletzt hatte.

Schlenzer mit dem Innenrist?

Löw beteuerte stets, das sei kein Problem, dieser Reus werde selbstverständlich wieder kommen. Doch wer des Bundestrainers Vorliebe für erprobte Kräfte kennt, der weiß, warum Reus in Danzig bei seinem siebten Länderspiel seinen ersten Pflichtspieleinsatz von Beginn an hatte. Gerade gegen die Gruppen-Kaliber Portugal und Niederlande schreckte Löw vor Experimenten zurück und brachte die gewohnten Müller und Lukas Podolski. Nicht so dieses Mal.

"Dieser Plan ist schon länger im Kopf rumgegeistert. Mit drei Siegen in drei Spielen waren wir keineswegs unzufrieden, aber heute war der Tag der Veränderungen - wir mussten heute unberechenbar sein in der Offensivem," erklärte der Bundestrainer später seine Rochade.

Löw hatte während der gesamten EM-Mission betont, dass für ihn das Motto Alf Ramseys nicht gelte. Englands Weltmeister-Trainer von 1966 hatte den Spruch eingeführt: "Never change a winning team" - verändere nie eine Siegerelf. Vor jeder Partie lobte Löw die Ersatzspieler, namentlich Reus, André Schürrle, Miroslav Klose oder Per Mertesacker. Sie würden noch gebraucht werden in diesem Turnier, ganz sicher.

Doch bis zum Viertelfinale waren das nicht mehr als leere Worte für die Ersatzspieler. Sie trainierten fleißig, sie tollten in den Halbzeitpausen auf dem Feld herum und führten Kunststückchen mit dem Ball auf, die sie in den Sportinternaten gelernt hatten. Doch würde es wirklich noch ernst für sie werden? Es wurde ernst.

Die letzten 60 Minuten im Spiel gegen Dänemark hatten dem Bundestrainer-Team merklich missfallen, zu statisch und langsam war das Offensivspiel. Mit Reus und Schürrle brachte Löw nun zwei Hochgeschwindigkeitsfußballer, die das starre Korsett der Griechen durcheinanderbringen sollten. Dabei trieb ihn vielleicht auch ein wenig an, dem Rest der Welt zu zeigen, welche Perlen dieser deutsche Kader noch zu bieten hat.

"Wir brauchten heute andere Spielertypen, die zwischen den Linien agieren können, Reus hat sehr gut gespielt, Schürrle auch - und Klose hat sein Tor gemacht. Heute war der Schlüssel zum Sieg, dass wir vorne viel tun," sagte Löw voll des Lobes.

Reus und Schürrle zeigten, wie schnell und technisch versiert deutsche Ersatzspieler heutzutage sind. Allein die Verwertung ihrer teils wunderbar herausgespielten Chancen blieb lange mangelhaft und machte die Deutschen im Stadion nervös.

In der 74. Minute war dieser Makel getilgt: Reus knallte einen Abpraller des griechischen Torwarts Sifakis spektakulär zum 4:1 unter die Latte. Es hätte auch ein Schlenzer mit dem Innenrist gereicht, denn das Tor war leer. Doch wer in der Hierarchie auf dem Platz so schnell so weit nach oben rutscht, darf auch mal knallen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema