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Umbruch im DFB-Team:Müller kämpft gegen seine Gewöhnlichkeit an

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Sucht zurzeit offenbar nach seinem Selbstvertrauen: Thomas Müller.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Der Stürmer ist mit seiner speziellen Spielweise kein Phänomen mehr. Der Bundestrainer schätzt ihn - aber er könnte der nächste Weltmeister sein, der seinen Nachfahren Platz machen muss.

Die Zuschauer haben sich sehr amüsiert, als Thomas Müller Anfang der Woche mit einigen anderen Nationalspielern den Amateurligaklub SV Lindenau aufsuchte und einen Trick vorführte, der nach seinem mutmaßlichen Erfinder Jay-Jay Okocha benannt ist: Man klemmt dabei den Ball zwischen die Füße und lupft ihn mit der Ferse über sich selbst - und am besten auch gleich noch über den Gegenspieler, der dann ein bisschen blöd aussieht. Im besagten Fall war es allerdings Müller, über den gekichert wurde, es gibt ja kaum etwas Lustigeres als einen Zauberer, dem sein Kunststück misslingt.

Der FC-Bayern-Stürmer Müller hat noch nie von sich behauptet, ein Zauberer am Ball zu sein. Aus gegebenem Anlass, nämlich der zurzeit vielfach und mit Recht wehmütig beschriebenen Entweihung von Thomas Müller, zitierte vor ein paar Tagen der Autor Ben Redelings aus einer Selbstanzeige des 29 Jahre alten Nationalspielers: "Ich definiere mich eben über die Effizienz und Gradlinigkeit. Wenn ich mal irgendwo bin, und ein kleines Kind fragt mich: 'Zeig mir mal ein paar Tricks', dann muss ich sagen: 'Ich kann keine Tricks!'' Die wollen dann immer irgendwelche Zaubereien sehen, Ball hoch halten, viermal um die eigene Achse und so was. Aber das war noch nie mein Fachgebiet", so Müller.

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Selbst Lisa Müller würde dieser Darstellung nicht widersprechen, und das liegt nicht daran, dass sie von ihrem Ehemann stammt anstatt von Bayern-Coach Niko Kovac. Thomas Müllers große Karriere beruht nicht auf göttlicher Ballfertigkeit. Wenn es um die technischen Eigenheiten geht, dann hat man nie so ganz verstanden, warum er all die Jahre so wertvoll und erfolgreich war, und man ist jetzt ratlos, warum das nicht mehr so ist.

Ständige Müller-Beobachter führen seinen verschossenen Elfmeter gegen Atlético Madrid an, der die Bayern im Frühjahr 2016 den Einzug ins Champions-League-Finale kostete, zumindest nach dem Verständnis der Beteiligten. Tatsächlich ging seine Quote an Toren und Vorlagen danach zurück. Vor allem aber hat Müllers in Zahlen nicht fassbare magische Note nachgelassen.

Müller ist kein übersinnliches Phänomen mehr, weshalb er jetzt gegen seine Gewöhnlichkeit ankämpft. Er rennt immer noch viel, aber er findet nicht mehr wie früher geheimnisvoll ans Ziel, indem er plötzlich im freien Raum auftaucht. Wenn im Western die alten Scharfschützen nicht mehr trafen, dann lag das daran, dass sie dem Whiskey verfallen waren, eine Brille brauchten, an früheren Verwundungen litten, plötzlich Skrupel oder Selbstzweifel hatten. Doch Müller ist nicht bekannt für Branntweinkonsum oder Kurzsichtigkeit, Mitleid mit den Gegnern erübrigt sich, und anders als viele Altersgenossen beeinträchtigt ihn auch nicht die Summe seiner Verletzungen. Bleibt der Faktor Selbstzweifel. Unter all den seltsamen Sätzen, die Uli Hoeneß zuletzt gesprochen hat, war mindestens einer, der zu bedenken bleibt: Das Selbstvertrauen, sagte er, bedeute bei Profifußballern "mindestens 50 Prozent".

Viele prophezeien nun, dass Müller der nächste Weltmeister sein wird, der im DFB-Team den jüngeren Nachfahren Platz machen muss. Sami Khedira und Jérôme Boateng sind vom Bundestrainer ja bereits in einen Wartestand versetzt worden, der verdächtige Züge des Ruhestands trägt. Im Fall Müller hat Jogi Löw noch Hemmungen, er rühmt ihn als "Antreiber, der mit den jungen Spielern spricht", und versorgt ihn wie ein Arzt mit der nötigen Dosis an Einsatzzeiten.

Am Montag gegen Holland wird Müller womöglich sein 100. Länderspiel erleben. Lothar Matthäus mit seinen 150 Einsätzen wird der Jubilar wohl nicht mehr einholen, aber man sollte den Ehrgeiz und die rätselhaften Kräfte dieses sehr speziellen Sportlers nicht unterschätzen.

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