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Deutsche Nationalmannschaft:So viele Themen, so wenig Zeit

Bundestrainer Joachim Löw beim Testspiel Deutschland gegen Türkei 2020 in Köln

Steht vor seinem letzten Turnier als deutscher Bundestrainer: Joachim Löw.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Die Erkenntnisse der drei WM-Qualifikationsspiele setzen Joachim Löw enorm unter Druck: Er muss eine Abwehr finden, das Mittelfeld moderieren und vorm Tor Schärfe und Effizienz vermitteln. Ausgerechnet das Topspiel am Wochenende könnte ihm helfen.

Von Christof Kneer

Als Hansi Flick im November 2019 den FC Bayern von Niko Kovac übernahm, musste er ein paar Ansprachen halten und ein paar Entscheidungen treffen. Er hatte eine Mannschaft vorgefunden, die zutiefst gekränkt und etwas verwirrt war. Die Mannschaft hatte gerade 1:5 in Frankfurt verloren (zutiefst gekränkt), und mit welcher Art von Fußball sie das nun alles wiedergutmachen sollte, war ihr auch nicht ganz klar (etwas verwirrt). Unter Kovac hatte die Elf einen Spielstil gepflegt, den sie innerlich zunehmend boykottierte, es war ihr alles zu sehr auf Defensive berechnet. Und es gab auch nur zwei wirklich herausragende Spieler in diesem Team, den Neuer ganz hinten und den Lewandowski ganz vorne, ansonsten: ganz nette Offensivtalente, die aber zu nachlässig verteidigten (Coman, Gnabry); einen guten Rechtsverteidiger, der das Potenzial hatte, vielleicht irgendwann mal im Mittelfeld zu spielen (Kimmich); und ein paar alte Helden, die stagnierten (Alaba) oder völlig aus der Zeit gestürzt waren (Müller, Boateng).

Flick stellte sich dann vor diese gekränkten und verwirrten Spieler hin und sagte: Ich weiß, dass ihr eine gute Mannschaft seid und viel besser spielen könnt. Wenig später verfügte er vor versammelter Mannschaft: Der Alaba spielt immer in der Innenverteidigung, der Kimmich spielt immer im Mittelfeld, der Müller spielt immer hinter Lewandowski. Und was er der Mannschaft nicht sagte, aber dachte: Den Müller, den krieg' ich wieder hin.

Es dauerte dann nicht lange, bis die netten Talente am Flügel spektakulären Fußball spielten; bis der ehemalige Rechtsverteidiger diktatorisch das Zentrum beherrschte; bis der neue Müller plötzlich wieder der Alte war, oder eigentlich: noch besser als der.

Als Joachim Löw im März 2021 die Mannschaft von Joachim Löw übernahm, fand er ebenfalls eine zutiefst gekränkte und etwas verwirrte Mannschaft vor. Unter Joachim Löws Vorgänger - Joachim Löw - hatte die Mannschaft 0:6 in Spanien verloren, und ob sie nun eher auf Ballbesitz- oder auf Umschaltfußball gepolt war, wusste sie auch nicht so genau. Und wie sie hinten verteidigen sollte - zu dritt, zu viert, zu fünft? - war ihr auch noch ein gewisses Rätsel.

Es stellt sich nun also, nach den drei März-Spielen unter dem neuen Trainer, die Frage: Hat sich bei der deutschen Nationalmannschaft der kuriose Trainerwechsel von Löw zu Löw ausgezahlt? Der neue Trainer hat immerhin erste Buchstaben einer neuen Handschrift erkennen lassen: Er hat die drei Spiele genutzt, um zumindest mal den Versuch zu unternehmen, eine Elf und eine Achse einzuspielen; ein pragmatischer Ansatz, der sich von dem des Vorgängers durchaus unterscheidet. Der Vorgänger Löw hat sich oft, vielleicht allzu oft, als Ausbilder verstanden; der Nachfolger Löw will einfach nur noch das bestmögliche Ergebnis bei diesem EM-Turnier erzielen, das da im Sommer ansteht.

Was sagen da nun diese drei Ergebnisse aus, der 3:0-Sieg gegen Island, der 1:0-Sieg in Rumänien, die 1:2-Niederlage gegen Nordmazedonien? Sie sagen unter anderem: Es wird dem Nationaltrainer Löw nicht leicht fallen, sich an dem zu orientieren, was der Vereinstrainer Flick vorgemacht hat.

Flick hat sich in München in kürzester Zeit ins Geschichtsbuch gecoacht, aber er hatte und hat auch einen massiven Wettbewerbsvorteil: Er hat Robert Lewandowski.

Löw hat mit seiner Nationalelf gerade ein 1:2 gegen Nordmazedonien erlitten, in der Tabelle der WM-Qualifikationstruppe J (wie Jogi?) ist seine Elf auf Platz drei zurückgefallen, hinter Armenien und eben Nordmazedonien. Das ist keineswegs "bayern-like", wie Karl-Heinz Rummenigge sagen würde, falls es sich dabei um den FC Bayern handelte. Aber mehr Sorgen als das bloße Ergebnis bereitet der Blick auf die Struktur der Mannschaft, die sich immer bedenklicher als lewandowski-freie Zone entpuppt. Es ist nicht Löw anzulasten, dass er unter all den Spielern mit deutschem Pass keinen Lewandowski findet, auch keinen Kylian Mbappé, Harry Kane oder Romelu Lukaku. Aber es erhöht den Druck auf den Bundestrainer enorm, es beeinflusst die Fehlertoleranz seines Teamkonstrukts. Ein guter Mittelstürmer - selbst wenn er nicht so gut wie Lewandowski ist - gibt einer Mannschaft Sicherheit, ein guter Mittelstürmer ist wie der coole große Bruder, der immer dann auftaucht, wenn dem kleinen Bruder einer blöd kommt. Wie nun spätestens nach dem Nordmazedonien-Spiel bekannt ist, muss Löw noch einige komplexe Aufgaben lösen vor dem ersten EM-Gruppenspiel gegen den Weltmeister Frankreich, und die Suche nach den Lösungen fiele deutlich entspannter aus, wenn sie von einem verlässlichen Stürmer begleitet würde.

Normalerweise baut man Mannschaften von hinten auf, so hat das auch Hansi Flick beim FC Bayern gemacht. Er hat erst die Defensive befestigt, und auf diesem trittsicheren Fundament durften dann die Künstler tanzen. Löw wird in der verbleibenden Zeit die klassische Reihenfolge verändern müssen, er wird seine Elf von vorne denken müssen. Es sind so viele Themen, die Löw in der Kürze der Zeit noch zu bearbeiten hat (spielt die Abwehr mit Dreier- oder Viererkette? Wie ist der Überfluss an Topspielern im zentralen Mittelfeld zu moderieren? In welcher Formation und Grundordnung ist die Elf am kompaktesten bei gleichzeitigem Erhalt des kreativen Potenzials?) - und bei all dem Lernstoff würde es Team und Trainer emotional sehr helfen, wenn sie wüssten, dass sich auch mal ein Fehler einschleichen darf. Wenn also da vorne im Sturm einer stünde, der einem Gegentor auch mal ein eigenes Tor entgegensetzen kann.

Ohne Effizienz bleibt das deutsche Spiel ein Zitterspiel

Löw muss seine Elf vorne scharf kriegen, damit Spiele wie gegen Nordmazedonien nicht mehr passieren können. In dieser Partie kam ein etwas abenteuerliches Abwehrsystem zur Erprobung, es war keine Vierer- und keine Dreierkette, sondern irgendein asymmetrisches Mittelding, weil der Rechtsverteidiger Ginter viel weiter hinten stand als der Linksverteidigerstürmer Gosens. Man kann sowas vor einem Turnier durchaus mal üben, das Problem ist nur: Die raffinierten Gäste haben die Lücken im DFB-System professionell zu zwei Toren genutzt, die Deutschen hingegen haben aus all ihren Chancen nur einen einzigen Treffer erbeutet - zugespitzt durch Timo Werners Fehlschuss, der freistehend seine Füße verwechselte. Ohne Effizienz bleibt jedes deutsche Spiel ein Zitterspiel, ein Hochseilakt ohne Tornetz und doppelten Boden.

Am Wochenende kann Jogi Löw beim Bundesliga-Topspiel mal zuschauen, wie Hansi Flick und Julian Nagelsmann das Problem angehen. Die Leipziger schaffen es meist, auch ohne eine stabile Nummer Neun wettkampfhart zu sein, und der FC Bayern muss im Moment auf seine weltbeste Neun verzichten. Die Aufgaben des verletzten Lewandowski werden sich wohl Serge Gnabry und Thomas Müller teilen, unterstützt von Leroy Sané am Flügel. Zwei davon spielen eh' schon beim DFB, und der dritte war viele Jahre Löws verlässlichster Torschütze. Hansi Flick hat Thomas Müller wieder so hingekriegt, dass er nicht nur gegen Nordmazedonien, sondern auch gegen Frankreich der große Bruder sein könnte.

© SZ/fse/schm
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